Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SL Zabrgang. Nr. 17 Berlin, 25. Hpril 1919 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32%, Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46*49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Innere Mission. Bon StadLravbiner Tr. Behrens ylUJull« (Göttingen). — Die Woche. — Die Aufgaben des Judentums bei der gegenwärtigen inner- und außenpolitischen Situation Deutschlands. Von Geh. Kirchenrat Dr. Krön er (Stuttgart). — Gedenkfeier für Direktor Dr. S. Adler. — Lie Belagerung von Iotapata. Ein Rückblick von Clara Schott. — Feuilleton: Jedem daS Seinige. vornan von M. Pulvermachn. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Kofel, Breslau, Dresden, Homburg v. d. H., Köln, Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Innere Mission. Bon Stadtrabbincr Tr. Behrens (Güttingen-). „Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteile» freien Liebe nach." Lessing, „Nathan". ^^egriffe wie „Mas sion" und „innere Mission" sind dem Judentum der Gegenwwrt fraglos fremd. Wir treiben keine Mission, wir hegen Ehrfurcht vor jedem Bekenntnis und veranlassen niemand, seinen Glauben zu wechseln- Selbst denen, die aus freiem Antrieb sich uns auschliehoid wollen, erschweren wir die Ausführung ihrer Absichten. Wir sind noch immer der Ansicht des Dichters: „Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen." Jeder Kenner Älterer jüdischer Geschichte weiß, daß es einst anders gewesen ist. Der Lauf der Ereignisse hat einen anderen Weg eingeschlagen. Wir haben die Verwirklichung dieses Gedankens, der dem Judentum einst eigen gewesen ist, anderen Gemeinschaften überlassen. Wir haben uns der Macht gefügt, die unser Schicksal und unsere Geistesrichtung zu bestimmen berufen ist. Wie wir aber stolz der Schöpfungen unserer Religion uns rühmen, so ist nicht zu bezweifeln, baß nur ursprünglich uns nicht eigene Erscheinungen in den Gehalt unserer Vorstellungen ausgenommen, sie mit der Eigenart unserer religiösen Anschauung durchdrungen und sie dann als Erzeugnis unserer eigenen Entwickelung betrachtet und iestgehalten haben. Diese Linie läßt sich sehr wohl durch manche Phase jüdisch-religiösen Lebens verfolgen. Die absichtliche oder die erzwungene Abschließung von der Welt der WirNichkeit hat das niemals hindern können. Es bedarf übrigens nicht der Beispiele aus den verschiedensten Zeitaltern, nicht der Versicherung, daß ein frischer Hauch einer in sich abgeschlossenen Minderheit, ihrer Verjüngung und Erneuerung immer förderlich sein muß. Damit begegnen wir dem allzeit bereiten Vorwurf, als ob nun der Liberalism u s für alles verantwortlich fei, was jemals an neuen Begriffen, an fortschrittlichen Gedanken umgestaltond auf uns eingewirkt hat, wenn wir gleich gern bereit sind, vor dem Richterstuhl der Geschichte diese Verantwortung auf uns zu nehmen. Zu diesen ursprünglich fremden Schöpfungen gesellt sich die „innere Mission", die selbst dann ihr Daseinsrecht beweist, wenn ihr Name, weil mit kirchlicher Gemeinschaft verbunden, Anstoß erwecken sollte. Die Geschichte des deutschen Judentums stand in den letzten Jahrzehnten sehr stark unter den Einwirkungen der Abwehrbestrebungen, die sich gegenüber den Anfeindungen aller Art als eine harte Notwendigkeit erwiesen haben. Es ist gelungen, in den großen Massen Stolz und Selbstbewnßtsein zu wecken, Lust und Liebe zu den Leistungen unserer Väter, zu den Idealen der Vergangenheit zu erneuern, die Jugend in ihren mannigfaltigen Vereinsorganisationen zu gewinnen und zu begeistern für die Aufgaben, die ihrer im Dienste der Gegenwart harren. Hunderte und Tausende, die sonst vielleicht der Berührung mit dem praktischen Judentum fern geblieben wären, sind dadurch erfaßt und angeregt worden, sich mit den Wahrheiten und Zielen ihrer religiösen Gemeinschaft eingehender und interessierter auseinanderzusetzen und zu beschäftigen. Aus der Selbstbesinnung, die die Macht der Zeit anbahnte, erstand ein Trutzjudentum, das für die Stählung des jüdischen Charakters wertvoll geworden ist. Aber ist nicht Gefahr im Verzüge, daß diese Arbeit auf halbem Wege stehen bleibt? Ist das Tvutzjudentunl eine Erscheinung, die uns voll befriedigt in dem Fortgang unserer Entwickelung? Was dann, wenn die äußeren Antriebe, die es schufen, aufhören? Brechen dann nicht die Stützen, auf die es gegründet? Man wird auf die soziale Arbeit der Gegenwart verweisen, um diese Befürchtungen zu entkräften. Gewiß, da ist ein neuer Mittelpunkt geschaffen zur Sammlung ideeller und materieller Kräfte, zur Verständigung der Geister, zu edelstem Wetteifer, zur Einflußnahme auf weite Kreise. Das Judentum aber ist iinmer sozial schöpferisch und sozialen Geistes gelvesen, und es verdankt dem verstärkten Ruf der Zeit seine erhöhten Leistungen. Wir bewundern, was es aus eigener Kraft vermag, was es unter dem Einfluß der Einwirkung weniger hervorgebracht hat. Es ist kein Zweifel, die soziale Arbeit ist ein gewichtiges Dokument in der Hand der inneren Mission, wie wir sie verstehen- Aber es darf nicht geschehen, daß sie sich beschränkt auf die Beratung am grünen Tisch, auf Tekretierung und Verordnung, sondern sie muß die unmittelbare Fühlung mit dem Leben suchen, sie muß die Leidenden persönlich zu erfassen wissen, alle diejenigen, die ihrer bedürfen. Das aber ist in hervorragendem Maße die Pflicht des jüdischen Geistlichen. Solange die Verhältnisse in den mittleren Gemeinden sich überblicken^ lassen, wird er dem.Rufe gern folgen, der an ihn ergeht, wird er an jedem Einzelschicksal, aber auch an den religiösen Bedürfnissen seiner Gemeindemitglieder persönlichen Anteil nehmen, wird er sich unterrichten über die vorhandenen Strömungen, wird er mit besonderem Eifer und mit besonderer Wachsamkeit seine religiöse Einwirkung geltend machen, wird er sich bemühen um diejenigen, die in Zweifeln und Fragen seiner Hilfe bedürfen. Schwieriger wird diese Aufgabe in den großen Zentren des deutschen Judentums sich gestalten. Es gibt kaum eine Einrichtung, die Gesamtheit zu überblicken und zu erfassen. Wie soll da der einzelne Geistliche in der Lage