Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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8 seinen Ausführungen all die haltlosen und schmutzigen Anschuldigungen gegen die Iuderr vor, die das Leitmotiv der Flugblätter dieses feudalen Bundes bilden und die der jedenfalls aus demselben Lager stammende Artikelschreiber der „Süddeutschen Zeitung" so gründlich ausschlachtete. Während er das alte System als mustergültig Pries, griff er vor allem die Sozialdemokraten an, indem er sie als Anhänger und Verfechter des jüdischen Kapitalismus charakterisierte. Das Offizierkorps nahm er in seinen ganz besonderen Schutz. Dieses sei, solange es judenrein war, eine mustergültige, ehrenvolle Kaste gewesen. Dieser Ruhm ging durch den Eintritt der Juden verloren, wie überhaupt die Juden an dein ungünstigen Ausgange des Krieges schuldig seien. Als Redner der Demokratischen Partei gab ihm cand. rer. pol. H o s m e i st e r eine gründliche Abfuhr, eaud. jur. Straus;, der als 'Frontoffizier den Krieg mitgemacht hatte, verteidigte die jüdischen Soldaten in treffenden Worten. Selbst ein evangelischer Pfarrer, Dekan Böckhöler, sah sich veranlaßt, für die Juden eine Lanze zu brechen. Ten Höhepunkt erreichte der Nedestreit, als für die sozialistische Studentenvereinigung Herr Wolf das Wort ergriff. Er gab in seinen Ausführungen wohl zu, daß der Kapitalismus, nicht nur jüdischer, sondern auch christlicher Herkunft, die Schuld am Kriege trage. Neben den Ententeländern sei Deutschland mit verantwortlich für dieses unsinnige Völkermorden. Dieser Hinweis genügte, um die Einberufer so außer Fassung zu bringen, daß sie sich zu Tätlichkeiten gegen diesen Redner hinreißen ließen. Daraufhin machte der Besitzer des Saales von seinem Hausrecht Gebrauch und erklärte die Versanunlung wegen Verletzung der ausdrücklich versprochenen Redefreiheit für geschlossen. Unter tosendem Beifall der zahlreichen Zuhörer und unter dein wütenden Protest der „Bundesmitglieder" leerte sich der Saal. Der ganze Verlauf des Abends und das Verhalten der gut besuchten Versammlung liefern den glänzendsten Beweis, daß unsere Universitätsstadt und, das muß ganz besonders betont werden, auch weitaus die überwiegende Mehrzahl der hiesigen Studenten nichts mit dem reaktionär-antisemitischen Treiben oieser Fanatiker gemein haben wollen. — Stuttgat, 11. April. Unter dem Vorsitz des Oberkirchenrat Tr. Krön er fand hier eine von der Israelitischen Gemeinde einberusene Gemeindeversammlung statt. Zweck der Versammlung lvar, Stellung zu nehmen zur Trennung von Kirche und Staat und zur künftigen Gestaltung der Gemeinde Stuttgart. Die sehr ausführlichen Referate, die hauptsächlich vergleichende Daten brachten, erstatteten Tr. G u n z e n h a u s e r und Tr. L e p m a n n. In der Diskussion legte Herr Lichtinger die Forderungen der Zionisten über Umgestaltung der Gemeinden in Volksgemeinden dar; er wurde jedoch von einem Teil der Nichtzionisten mehrmals unterbrochen, während ein Teil der Versammlung, verlangte, den Redner weitersprechen zu lassen. Es entstand allmählich eine derartige Unruhe, daß es Herrn Lichtinger nicht möglich war weiterzureden. Als nächster Redner sprach Herr H o r o w i tz , welcher die Gemeinde unter Hinweis aus die undemokratischen Wählen aufforderte, zuerst im Innern reinen Tisch zu machen und dann erst mit Forderungen der Parität der jüdischen/Konfession mit den christlichen an die Oesfentlichkeit zu treten.'' Als in der weiteren Debatte Herr Dr. Cäsar Hirsch betonte, daß Leute, die „nicht einmal richtig deutsch, geschweige denn schwäbisch" sprechen können, kein Recht hätten, hier in der deutschen Gemeinde zu sprechen (Lichtinger und Horowitz), entstand ein Sturm. Erst als die weiteren Redner, insbesondere Herr Rechtsrat Hirsch, S. Preßburger und die beiden Referenten betonten, daß man den Zionismus mit geistigen Waffen bekämpfen müsse, kam die Versammlung wieder in ruhige Bahnen. Tie Resolution, welche die Gleichstellung aller Konfessionen forderte, wurde sodann gegen ganz vereinzelte Stimmen angenommen. Von verschiedenen Seiten wurde betont, dast die zu wählenden Gemeinderatsmitglieder ihre Aufgabe darin sehen müßten, sofort ein neues Wahlrecht auszuarbeiten und neue Wahlen auszuschreiben. Holland. £2 Den Hang, im April. In den letzten Monaten mehren sich die großen Zuwendungen an den Nationalsonds, und zwar auf dem Wege der Selbstbesteuerung, einmaliger großer Stiftungen, sowie durch Legate. So hat Sir Alfred Mond (London) die erstell 5000 Pfund Sterling seiner auf fünf Jahre verteilten Stiftung von insgesamt 25 000 Pfund eiugezahlt. Ein Zionist in Petersburg hat 100 000 Rubel für die allgemeinen Zwecke des Indischen Nationalsonds und 50 000 Rubel für besondere Palästinazwecke erlegt. Alls dem Nachlaß des Herrn Ri. L. Turjanski (Wilna) sind« dem Jüdischen Nationalsonds 17 500 Rubel für den Boden einer Mizrachi Kolonie überwiesen worden. Ein Zionist aus Pottawa hat ein Testament zugunsten des Jüdischen Nationalfonds in Höhe von einer Million Rubel errichtet. - - Die S e l b st b e ste u e r u n g einzelner Personen zugunsten des Jüdischen Natioualfonds wird jetzt in vielen Ländern straffer organisiert. In Deutschland ist der (eventuell in Raten zahlbare) Mindestbetrag, den alle Zionisten 31t zahlen verpflichtet sind, auf 100 Mark, in Deutschösterreich auf 100 Kronen festgesetzt worden, doch wurden schon weit größere Summen gezeichnet, z. B. 16 500 Mark von N. N. (Berlin), je 10 000 Mark von Herrn Ludwig Tockus (Hamburg) und Familie Ettingen (Leipzig). — Die Nationalfonds-Kommission für Böhmen hat beschlossen, sämtlichen zionistischen Vereinen des Landes folgende obligatorische Verpflichtung auszuerlegen. Bei allen nicht zugunsten des Jüdischen Nationalfonds arrangierten Veran«- staltungen mit Entree ist eine Art Steuer von 10 Prozent des Eintrittspreises zugunsten des Jüdischen Nationalsonds einzuheben. Diese 10 Prozent sind ohne jeden Abzug dem Jüdischen Nationalfonds abzuführen. — Die im März 1919 an den Jüdischen Nationalfonds abgeführten Spenden haben insgesamt 655 602 Franken ergeben und verteilen sich aus die nachgenanuten Länder wie folgt: Rußland 505 219 Rubel, England 6106 Pfund Sterling, Polen 193 340 Mark, Deutschland 99 485 Mark, Nordamerika 3243 Dollar, Weißrußland 20 534 Mark, südslawische Länder 33 775 Kronen, Holland 1931 Gulden, Oesterreich 16 563 Kronen, Schweiz 2925 Franken, Belgien 2500 Franken, Palästina 6217 Piaster, Norwegen 1003 Kronen, Aegypten 5186 Piaster, Schweden 351 Kronen, Litauen 613 Mart, Tunis 319 Franken, Australien 9 Pfund Sterling. Lchwei-. 2. Zürich, im April. Unter der Ueberschrift „Die Lage der Juden in Adrianopel" bringt die „Jüdische Preßzentrale Zürich" folgenden Bericht: Unser Berichterstatter hatte Gelegenheit, mit Herrn Nessim Avigdor, Präsident der Adrianopeler jüdischen Kolonie in Konstantinopel, zu sprechen, der „uns bat, den Hilferuf der Adrianopeler Juden an die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen, wobei er so freundlich war, uns folgende Einzelheiten mitzuteilen: In Adrianopel ist die Lage der Juden eine sehr unglückliche. Seit dem- Jahre 1906, da während der großen Fenersbrunst 3000 Häuser, darunter zahlreiche jüdische, .niederbrannten, hat das Unglück diese Stadt bis auf den heutigen Tag verfolgt. Seit dem Balkankriege wechselte sie viermal den Besitzer. Während des Weltkrieges wurde sie durch denunglücklichen Teilungsvertrag zwischen Bulgarien und der Türkei von der Hauptverkehrslinie abgeschnitten. Tie Stadt befindet sich auf türkischem Boden, die Bahnstation 4 Kilometer entfernt au.f bulgarischem Gebiet. Dadurch kann die Stadt nicht genügend mit Lebensmitteln versorgt werden. Tausende von Juden, die früher wohlhabende Kauflente waren, sind seit dem Waffenstillstand gänzlich verarmt und gehen dein elendsten Hungertode entgegen. Und das in einer Stadt, wo es keinen einzigen jüdischen Bettler gab. Wenn jemand verarmte, so wurde ihm vom jüdischen Komitee ein Kapital zinslos zur Verfügung gestellt, dam.it er sich eine neue Existenz schaffe. Blinde bekamen, reichliche Subventionen. Alls Ellmosen war niemand angewiesen-. Seit neun Jahren steht eine große Zahl jüdischer Männer nn,unterbrochen im Kriegsdienste. Tie Frauen und Kinder dieser Soldaten sind ohne Hilfe. Die Mortalität der Kinder übersteigt 60 Prozent. Dazu sind nur sehr wenige, fast gar keine Geburten zu verzeichnen. Die reicheren Kausleute sind ausgewandert, und die Zurückgebliebenen wandeln wie Schatten und Gespenster durch die Straßen, wie eine stumme Klage. Bor 12 Jahren gab es daselbst noch 13 spaniolische Synagogen. Heute existieren nur noch eine große monumentale und zwei bis drei« kleine Synagogen. In der Stadt leben mehr als 500 große Talma disten. Sämtliche Geschäfte sind am Samstag geschlossen. Es gibt keine getaufter: Juden. Die achtklassige Schule der Alliance Jsraelite Universelle, die unter Leitung des Direktors Mitrani. steht, der die Moral der energielos gewordenen Juden aufrechterhält, und in der bis September vorigen Jahres unterrichtet wurde, haben die Türken für militärische Zwecke