Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 % beschlagnahmt. seither ist das kulturelle Leben im Niedergang. Alle Inden sprechen spanioli-sch, 80 Prozent davon beherrschen die französische Sprache, da der Unterricht in'der Schule in. französischer, hebräischer und türkischer Sprache erteilt wird. Nach Besuch dieser Schule studierte mindestens ein Mitglied aus jeder jüdischen Familie in Paris auf Kosten der Alliance. Die meisten Lehrer und Lehrerinnen im asiatischen und europäischen Orient stammen aus» Adrianopel. In allen ausländischen Konsulaten waren jüdische Kaufleute als Beiräte für den Handel zugezogen. Die Roheisenindustrie, der'Handel in Leder, Fellen, Wolle -und Baumwolle lag ausschließlich in Händen der Juden, deren Ehrlichkeit sprichwörtlich war. Nur -selten wurden schriftliche Verträge abgeschlossen; mündliche Abmachungen auf Glaub und Treu wurden streng eingehalten. Von der St.-Galler Stickerei in du strie importierten die Juden Gdria.nopels jährlich Waren im. Werte von mindestens 4 bis 5 Millionen Franken. Es bestand eine große Strumpf- und Flanell- Hausindustrie, wodurch 4000 meistens jüdische Töchter durch Heimarbeit beschäftigt waren. Diese Mädchen, die bisher ihre eigenen Maschinen hatten und die französisch, spanisch, griechisch und türkisch sprechen, müssen sich jetzt als Dienstmädchen verdingen, um nur nicht elend Hungers zu sterben. Diese Hausindustrie könnte sehr leicht nach Palästina verpflanzt werden, da fast alle bereit sind, nach Palästina auszuwandern. Nur müßte man rasch sich dieser Unglücklichen annehmen, die neben dem Hungertode auch noch Gefahr lausen, wenn sie au Bulgarien oder Griechenland fallen würden, ihre bisherigen Privilegien, die sie unter türkischer Herrschaft besaßen, zu verlieren. Um die Not Zu lindern, hak Professor Strauß aus Budapest fünf Waggons Lebensmittel für die jüdische Bevölkerung von Adrianopel -im September vorigen Jahres sichergestellt. Durch den Waffenstillstand kamen diese Lebensmittel niemals .nach Adrianopel, weil diese Stadt durch einen unglücklicheil Schachervertrag von der Verkehrslinie abgeschnitten ist und die Bevölkerung so einem Langsamen Hungertode geweiht ist: ein Martyrium von 30 000 Juden, die schrecklich zugrunde gehen müssen, wenn ihnen nicht bald Hilfe zu kommt, die raschestens durch den bulgarischen Hafen Tedesagalsch geleitet werden müßte. Von Ash und Fern. — Die ordentliche Mi tgl-ie der.versa m mLung des H i l s s - o e r e i n s der T e u t sch e u I u d e n findet am Sonn mg, 27. April, vormittags 11 Uhr, im L-ogeuhaus der Logen U. £. B. B., K-leiststraße 10, statt. -- Der B o-r sch u ß v e r e i n für hilssbedürftige Al i t g lied e r de,r j ü d i s ch e n G ^e m e i n d :- zit Berlin hat am 10. d. M. in den. Räumen der Gesellschaft der Freunde seine ordenil-iche Al ilgliederversamm!uug abgehalt-en. Der Verein bezlveckt, hilssbedürftigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gegen sichere Bürgschaft zinsfreie Darlehen, bei Nachweis der Notwendigkeit bis zu 1000 Mart, zu gewähren, um sie in ihrer Erlverbst-ätigkeit zu fördern. Der Verein brsitzt ein Vermögen von 145 000 Mark. - In den bisher bestehenden Gruppen der Berliner Iu-gend-Aglldah ist eine neue Bezirksgruppe B e r l i n - £ st getreten-, die am 0. April nach einem Vortrag von Rabbiner Tr. L-oewenthal gegründet wurde. Ansprachen hielten ferner Rabbiner Dr. H i l d e s h e i m e r und B l e i ch k o d e, sonne d. r Generalsetretär der Agudas Jisroel, Akax Eoh en (Köln). Ter neuen Gruppe sind am Grü-ndungstage bereits 70 Mng-lie/er beige treten. — Aus Po sen wird -uns. geschrieben: Der Jüdische Volksrat wurde von der Ententekommissiov empsaugep, und haben di-e Mitglieder mit dem italienischen Minister Al o n t a g n a verhandelt. Die jüdischen Vertreter b.grüßten -die Ko-mm.i.ssion mit D-ankes- Worten für die gerade jetzt bekannitgewordenen Beschlüsse des Friedenskongresses, die denr jüdischen Volle Paläistina. g/lvühren>. Sie hielten sodann Vortrag, über die politischen, wii-rtschastlichkultnr.ellen und sozialen Forderungen der Juden. Exzellenz Mon tag na, der Referent der Ententekomurissiou für die Jndensragen, bekundete durch vielfache Fragen seiu lebhaftes Interesse und ließ seine Zustimmung zu den. jüdischen Wünschen erkennen-. Die jüdifchen Vertreter überreichten der Kommission für alle ihre Wünsche ausführlich begründete Denkschriften. - Bei. den Stadtvorordnetenwahlen! in Posen erhielten die Deutschen 23 780 Stimmen, die Nationäljnden 1692, die Polen 55 504, die Sozial- ( demotraten 2650, ein- Wilder 55 7. An Mandaten erhalten durch | diese Wahlen die Polen 41, die Deutschen 17, -die Sozialdemokraten 1, die 3n&>cn 1. £berl>andesgerichtsr>ak Dr. Halingek ut Breslau ist znm Reichsger-ichtsrat ernannt worden. Es ist das erste Mal, daß ein Preuße jüdischen Glaubens zum Reichsgerichtsrat ernannt wurde. -- In der Talmud-Thora-Realschule zu Hamb u r g haben bei der letzten, unter dem Vorsitz eines Vertreters -der Oberrealschulbehörde stattgefuudenen Einjährigeuprüfung 31 Schüler das Zeugnis der Reise erhalten. — Wie uns aus Magdeburg, ruitgeteilt wird, ist an Stelle des nach Berlin übersiedelten Instizrat Ehoyke Sanitätsrat Dr. Franken stein znm Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung gewählt nwrden. - Ter Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden ist von der Kölner Israelitischen Waisenstistung gemeldet worden, daß dort Kriegswaisentinder vom linken Rheinufer Aufnahme finden können. AMeldungen sind an die. Israelitische Waisenstiftung Köln zu richten. — Aus Kassel wird berichtet: Herr B. S e e l i g wurde von allen hiesigen Parteien trotz seines Einspruchs am 2. Mürz, nachdem er bereits Gemeindeverordl'eter war,-als solcher nnedergewählt. Nachdem bekanntgeworden ist, daß er die Wahl nicht annehme, überreichten ihm die Sozialdemokraten folgendes Schreiben: „Unterzeichnete dieses wünschen, daß der nur 2. März in die Gemeindevertretung gewühlte Kaufmann Bernhard Seelig dieses Ehrenamt zum Wohle der Gemeinde anni-imnt." Dieses Schriftstück war von 65 Sozialdemokraten unterschrieben, und so nahm er, da alle Parteien der hiesigen Gemeinde ihn gewählt hatten, die Wahl an. — Aus P e i ne (Prov. Hannover) wird uns geschrieben: Am 1. April d. I. ist Herr Lehrer Josef I t a l i e n?r nach fast 50jühriger Wirksamkeit, von der er 33 Jahre unserer Gemeinde widmete, in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Herr Italiener hat sich wegen seiner Tüchtigkeit als Lehrer und Vorbeter und wegen seiner vorbildlichen Pflichttreue die Liebe und Wertschätzung jüdischer und nichtjüdischer Kreise in reichem Maße erworben. Davon legre die am 28. März abends in der Synagoge veranstaltete Abschiedsfeier beredtes Zeugnis ab. — Ter königlich-italienische Kommissar für politische Angelegenheiten hat betanntgegeben, daß angesichts der trostlosen Lage, in der sich nach dem Bericht des Oberrabbiners Professor Dr. EHajes 30 000 jüdische Flüchtlinge aus Galizien und der Ukraine befinden, die italienische Delegation i-n- Paris beim Obersten interalliierten Wirtschaftsrat interveniert Hatzum in weitestmöglicher Weife für die .Linderung der Not dieser Flüchtlinge zu sorgen. Zur Finanzierung dieser Hilssattion wurde auch die Intervention des jüdischen Wohlfahrtsamts in Newport nachgesucht. -- In Ungvar starb vor kurzem der altehrwürdige Rabbiner Salomon Brody, der Vater des Prager Oberrabbiners Tr. Ehaim Brody, im Atter von 80 Jahren. — In Sofia wurde jüngst die V i ll-ga ro - Pa l ä st inaba n t mit 5 Millionen Leva Aktienkapital, eincpteilt in 125 Stück Anteile zu 40 000 Leva, gegründet. Präsident des Verwaltungsrates ist der Direktor der Rustschucker Eskomptebant Be nun in Sofia, Vizepräsident der Sofioter Großkanfmann Sigmund Rintl. Das Unternehmen bezweckt neben der Förderung der zukünftigen Handelsbeziehungen Bulgariens zu Palästina die finanzielle Abwicklung der Angelegenheiten jener Juden, welche nach Palüsti-na ausloandern wollen. Anscheinend wird mit Rücksicht aus die mißliche wirtschaftliche und politische Lage mit einer weitgehenden Auswanderung gerechnet. — Die „Times" wendet sich gegen die bulgarischen Aspirationen auf Saloniki, da in dieser Stadt überhaupt keine Bulgaren lebten. Die Mehrheit der Bevölkerung' bestehe aus spaniolichen Inden, die Minderheit aus Griechen. — Bei einer kürzlich abgehaltenen Generalversammlung der Pariser Zionisten kam es zu stürmischen Szenen. In einem längeren Referat führte Prof. Basch aus, Palästina soll ein Staat nach dem Atodell der Schweiz unter -dem Protektorat des Völkerbundes werden. Tiefen Ausführungen folgte eine stürmische Debatte, in der die Opposition gegen den Standpunkt der Londoner Führer deutlich zutage trat. Blllis, der frühere Präsident der Föderation, erklärte, daß, wenn Palästina nicht als unabhängige nationale Heirnstäkte erklärt wird, er besser daran tue, in Frankreich zu bleiben, als in Palästina unter einem fremden Protektorat zu leben. Herr Bernstein drückte seine Unzusri-edenh-eit darüber aus, daß man -den Juden so lange die Aussicht vorgespiogelt hat, ein unabhängiges Palästina zu besitzen, und jetzt, wo man zur Verwirklichung schreitet, nur von einem Protektorat die Rede -ist. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max F a h r n l ä n d e r , Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Masse.