Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 16. Ftprit ISIS SÄ. Jahrgang. Nr. 16 Der GemeindeÜote. Beilage zur „Allgemeine» Leitung dcK JudrntninK". korrrspondkn?rn und Mschrichtm. Srutschland. E. M. Berlin, 14. April. Der Jüdisch-liberale Jugend verein Berlins veranstaltete am Ntontag, den 7. d. M., in der Philharmonie eine bedeutsame Kundgebung gegen den Zionismus, welche die erste öffentliche Veranstaltung größeren Stils dieses Vereins seil längerer Zeit darstellte. In dem vollbesetzten Saale hatte sich eine größere Hörerschaft eingefunden, in der die Jugend uberwog. Man sah auch zahlreiche bekannte Vertreter des jüdischen Liberalismus in der Berliner Grvßgemeinde und viele Gegner. Der Abend verlief sehr anregend. Der Vorsitzende des Jüdisch-liberalen Jugendvereins, Herr W o y d a , hielt eine kurze Eröffn ungs a n s p r a ch e und erteilte dann Herrn Rabbiner Dr. Gold mann aus Leipzig das Wort. Dr. Goldmann führte aus, daß die Juden eine reine Religionsgemeinschaft bilden, deren stärkstes und bedeutsamstes Band der gemeinsame Glaube ist, vor dessen Bedeutung die in gemeinsamer- Abstammung und. Geschichte bestehenden anderen Bindungen int Judentum weit zurüÄtreten. Den Zionismus bezeichnete der Redner als eine Assimilation der jüdisch-national denkenden Juden an die groben nationalistischen Strömungen der Gegenwart. Die liberalen Juden lehnen den Zionismus ab, weil er eine vergängliche Zeiterscheinung ist, die vorübergehen kann und wird, wohingegen die Religion ihren ewigen Charakter behält. Der Zionismus will an Stelle des ewigen Religionsideals eine Politische, also vergängliche Geistesrichtung setzen, die bei dem fehlen einer wirklichen jüdischen Bolkskultnr wurzellos dastehen würde. Die Frage, ob das Judentum eine Religion oder eine Nation ist, ist von der Weltgeschichte seit der Zerstörung des Tempels in unserem verneinenden Sinne gelöst worden. Wenn die Juden sich heute im nationalen Sinne entscheiden würden, so würde etwas Neues/eine Unmöglichkeit geschaffen werden. Es ist auch falsch, daß das Judentum sich erst heute assimiliert habe; die Geschichte bezeugt vielmehr, daß es von jeher eine Assimilation an die Landesvölker gegeben hat, besonders in Deutschland und Spanien. Wir fühlen uns national nur als Deutsche. Ein jüdischer Nationalismus ist nicht mit einem gleichzeitigen deutschen Nationalgefühl verträglich, wie viele ehrliche Zionisten selbst zuge'ben. Andere sind vorsichtiger und spielen mit der Theorie: man könne zwei Vaterländer haben. Wer aber zwei Vaterländer haben will, kann keinem voll und ganz angehören. Wenn wir uns für absolut deutsch erklären, so ist das keine Frage des Verstandes, sondern eine Gefühlssache, und wir Lassen uns in unsere Gefühle von keinem anderen Menschen hineinreden. Wir s i n d und bleiben deutsch und weisen mit besonderem Nachdruck auf die Gefahren hin, die ein fremder Nationalismus für unsere Gleichberechtigung haben kann. In einer Zeit, in der man in Deutschland von Judenpogromen redet, dürste inan alle Ursache haben, sehr vorsichtig zu sein. Wir müssen e.inen dicken Strich, ziehen zwischen unseren Anschauungen und denen, die uns unser Vaterland rauben könnten. Dabei betonen wir unbedingt die Einheit des Judentums; die deutschen Juden haben ihre Brüder in der ganzen Welt noch niemals in der Not verlassen und werden das auch niemals tun. Unser deutsches Enrpfinden kann unsere heiße Liebe zum Judentum keineswegs berühren oder mindern. Unser Streben geht unbeirrt weiter: bis zur endlichen Synthese zwischen Deutschtum und Judentum. — Als zweiter Redner des Abends beschäftigte sich Rechtsanwalt Dr. W e r t - h e i m (Berlin) mit der zionistischen Bewegung. Er erklärte das Anwachsen des Zionismus mit der nationalen Strömung unserer Zeit, die durch romantische Gefühle gestärkt wird. Man konstruierte künstlich ein jüdisches Volkstum, für das allerlei Scheinbeweise zusammengesucht wurden und das doch von der überwältigenden Nt ehrheit der deutschen Juden nicht anerkannt wird. Wir fühlen uns zum deutschen Volke gehörig. Wir wissen ebensogut wie unsere Gegner, daß wir deutsche Juden keine Germanen sind, aber das deutsche Volk, das für Romanen und Slawen einen Platz im Vaterlande übrig hat, wird ihn auch den Semiten gönnen. Die Einrichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina darf auch von uns freudig begrüßt werden als Ruhestätte für unsere unglücklichen verfolgten Glaubensgenossen im Osten, aber mehr ist sie uns nicht. Eine Lösung der Judenfrage kann Palästina nicht darstellen, weil.es. von den 14 Millionen Juden nur einen Bruchteil aufnehmen kann, der nicht größer ist als der jährliche Geburtenüberschuß der polnischen Juden allein. Unsere deutsche Judenfrage muß auf deutschem Boden g e - löst werden; deshalb müssen wir uns auch mit aller Schärfe dagegen wehren, daß unsere Jugend im Deutschtum entwurzelt und in das nationaljüdische Lager gezogen wird. --- Nach diesen Vorträgen setzte eine lebhafte Diskussion ein, in der als zionistischer Vertreter Herr Nahum G o l d m a n n den Vorwurf der Utopie und der Romantik mit dem Hinweis auf die Anerkennung der zionistischen Forderungen durch die Friedenskonferenz zurückwies. Der Redner erklärte, Herr Dr. Goldmann hätte mit dem alten Schlagwort: „Hie Nation, hie Religion" mit dem er das Judentum zur Nur-Religion stempeln möchte, den Kern des Begriffes nicht getroffen, denn das Judentum ist als einzigartiges historisches Phänomen nicht ohne weiteres in westeuropäische und moderne Begriffe einzupressen. Beide Begriffe passen ebensowenig voll auf das Judentum wie auf den Buddhismus und andere östliche Kulturen. Tie Ausführungen dieses Redners wurden von Dipl.-Jng. Herz scharf zurückgewiesen, der besonders die Mission der Juden betonte, die sie nur durch ihre Zerstreuung unter den Völkern erfüllen können. Redakteur Klötzel (Zionist) erblickt die Mission der Juden nicht in der Zerstreuung unter den Völkern, sondern in der Begründung eines neuen, freien und gerechten Gemeinlebens in Palästina, das nichts von dein Elend des jetzigen Europas mitherübernimmt. Dort soll eine freie und gerechte Ordnung entstehen, die vorbildlich für die ganze Menschheit werden solle. Wir wollen keinen Chauvinismus und Imperialismus, auch keinen Klassensozialismus, sondern einen Volkssozialismus durchführen, der nicht die Herrschaft einer Klasse, sondern die soziale Gerechtigkeit darstellt und so das alte soziale Ideal unserer Propheten verwirklicht. Herr G r ü n st e i n fordert, daß die Gemeinden sich endlich zu einer scharfen Bekämpfung des Zionismus aufrassen, um die Jugend für die liberalen und deutschen Gedanken zu gewinnen und zu erhalten. Redakteur Goslar (Zionist) betont, daß der Zionismus neben seiner Hauptaufgabe, ein jüdisches Palästina zu schassen, auch in den Ländern der Diaspora wirken will. Ein deutsches Judentum, das einen Strich zieht zwischen sich, Palästina und den jüdischen Massen, muß entweder klerikal werden, wie die Frankfurter Ueberorthodoxie, oder isoliert untergehen. Die Ziele der Zionisten in Deutschland sind oft gehässig oder böswillig entstellt worden. Sie fordern eine nationale Autonomie nur für die Länder der jüdischen Massensiedlungen, für Deutschland aber nur die kulturelle Autonomie, also die Freiheit, die religiösen Angelegenheiten und die Schulfragen autonom zu ordnen. Wir wollen jüdische Schulen, in denen unsere Kinder, oh ne sie v o m Deut s ch - t u m zu t r e n n e n , zu ehrlichen, guten Inden erzogen werden. In später Stunde erhielt Herr Rabbiner Dr. Goldmann das Schlußwort. Er betonte, daß ein Judentum ohne Religion für jeden liberalen Juden unannehmbar ist, und hob hervor, daß die Aufgabe einer jüdischen Organisation niemals allein in der Bekämpfung eines jüdischen Gegners bestehen kann. Wir müssen daneben an uns selber arbeiten und unsere religiösen Aufgaben ernst nehmen. Nur von einem intensiv-religiösen Leben ist eine wirksame Bekämpfung des Zionismus zu erwarten. — Als letzter Redner wies Tr. W e r th e i m auf den Ernst der Stunde hin. In Deutschland drängt die innerjüdische Politik aus die Auseinandersetzung zwischen jüdischem 'Nationalismus und D e u t s ch t u m hin. Dieser Kampf muß jetzt ausgefochten werden. Wir müssen eine Scheidewand zwischen den jüdischen Nationalisten und uns ziehen, damit spätere Generationen deutscher Juden nicht unter den Folgen der heutigen zionistischen Agitation zu leiden haben. Berlin, 14. April. Die L e h r a n st a l t f ü r d i e W i s s e n - s ch af t des I u d e n t u m s kündigt für das Sonnnersemester 1919 folgende Vorlesungen an: Herr Dr. Baeck wird lesen: 1. Midrasch Bereschit rabba, 1—2 Stunden. 2. Einleitung in die Neligionsgeschichte, 2. Teil, 1 Stunde. 3. Homiletische Hebungen für Fortgeschrittene, 1 Stunde. 4. Homiletische Hebungen für Anfänger, 1 Stunde. Herr Dr. Baneth wird lesen: 1. Talmud bäb., Baba Kamma K. 1, 4 Stunden. 2. Talmud bab., Tawit K. 1, 2 Stunden. 3. Talmud jer.,