Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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168 vorhanden, die mich an Sie fesseln. Wenn ich ganz klar zurück^ blicke, so kommt es mir vor, als ob ich Ellen, neben t)etfr Naturtrieb, der doch jedem gefunden Menschen innewohnt, in einem Geiste der Empörung geheiratet. Ich bildete mir ein, daß mit -meinen Glaubensbrüidern nicht alles in Ordnung sei? Aus der einen oder anderen Ursache waren sie mir direkt auf die Nerven gefallen. Ich nehme an, daß unbewußt, nebelhaft, wie Sie es mir ja -selbst vor einem Jahre gesagt, meine Mischehe einen gewissen Protest gegen Einrichtungen und Vorgänge sein sollte, die nach meiner Ansicht mit Fehlern und Gebrechen behaftet waren. Ellens Flucht aber war für mich ein deutlicher Fingerzeig, daß die Vorsehr mg meinen Protest nicht gutgeheißen, daß sie ihnverworfen, und anstatt einen Stoß zu versetzen, habe ich selbst einen fühlbaren Schlag empfangend Ich war daher bereit, meinen Mißgriff einzugestehen; einzugestehen. daß es eine grenzenlose, unstatthafte Ueber-Hebung ist. Altüberliefertes, durch Jahrtausende Geheiligtes im Handumdrehen über den Haufen werfen zu wollen. Und in der Stille und Einsamkeit nach dein Rückschlag, da ertönte in mir ganz laut der Ruf des Rassengeistes, um so lauter, als er doch während der Unterdrückung neue Kräfte gesammelt hatte, um nrich mit unauflöslichen Banden an sich zu ketten. Und jetzt, Alice, spricht der aufrichtige Jude zu -der treuen Jüdin. Er | spricht, klar und deutlich, laut und vernehmlich, um keinem Zweifel und keinem Mißverständnis mehr Raum zu geben.. Tie Jahrtausende u.n»serer Gemeinschaft sind meine Fürsprecher und Verteidiger. Ihnen, Alice, gehöre ich mit einem Gefühl der Heimat, der Sicherheit, des Geborgenseins, weil ich weiß, daß ich mich Ihnen vollständig, blindlings anvertrauen und mit verbundenen Augen folgen kann, wissend^ daß kein Mißverständnis mir heimlich auflauert, daß keine Verwirrung und Irrung auf unbekannte Pfade mir droht.' Und dieses uneingeischränkte Vertrauen, dieser unepschütter-. liche Glaube, Alice, bilden sie nicht einen besseren Kitt und Halt als der Sinnenrausch, der täppisch nach einem bunten Schmetterling greift, ob er dabei auch zwischen Dornen und Disteln fällt, die ihn blutig verwunden?" (Fortsetzung folgt.) Lum ffelte drr Lkkrriung. Von Nathan Cohn (Charlottenburg), as Fest der Freiheit zu begehen. Rüstet alles sich jetzt wieder, Doch beklomm'nen Herzens stimmen An wir die so frohen Lieder. Aus der Fron, die^unßre Ahnen Hat gedrückt in Sklavenketten, Ließ durch Moses weise Führung Der Allgübge sie erretten. Dankbar haben nie vergessen Wir der gnadenreichen Tat; Sorgsam haben wir gehütet. Was entsproß der Freiheit Saat. Draußen grollt Kanonendonner, Draußen hausen wilde Horden; Um die Freiheit zu erringen, Scheut man nicht vor Brudermorden! Einigkeit und Recht und Freiheit Einem Dreigestirne gleichen; Strahlt es, werden trübe Zeiten Bald dem hellen Lichte weichen. — Zügellose Freiheit meidet. Besser wird es dann ans Erden. M ö a m F e st e der B e s -fc e i n n g Frühling es srt r alle wer d en!.. Sprrchlaai. Zur Berufswahl. Die-bisherigen Versuche, die Juden anderen Berufen als dem Handel und der Industrie zuzuführen, haben, das muß ein jeder, der in die Verhältnisse Einblick hat, bekennen, nur wenig oder keinen Erfolg gehabt. Alle Schritte gegen die einseitige Berufswahl der Juden, um die üblen Folgen, die sie für uns in physischer und wirtschaftlicher Beziehung hatte, abzüwehren, sind im groben und ganzen vergeblich gewesen, und selbst die in letzter Zeit allenthalben vom Zentralverein eingerichteten Berufsberatungsstellen haben darin keine Aenderung herbeifsihren können. Das lag in den wirtschaftlichen Verhältnissen tief begründet, die eben dein Handel besonders günstig waren, und dazu kam noch der Umstand, daß die Juden inuner mehr vom Lande in die Stadt abwanderten und sich den kanfmännischen Berufen zuwandten. Nun scheint in dieser Beziehung eine Aenderung sich anzubahnen. Die großen Schwierigkeiten, mit denen der Handel in den nächsten Jahren zu kämpfen haben wird, die großen Lasten, die ihm werden auferlegt werden, sie werden ohne Zweifel dahin rühren, daß mehr, als dies bisher geschehen ist, die Juden sich dem landwirtschaftlichen und vor allem dem handwerklichen und technischen Berufe zuwenden werden, denn gerade letzterer wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, in Zukunft besonders günstige Aussichten bieten, und wieder dürfte das alte Sprichwort Wahrheit werden: Handwerk hat goldenen Boden. Bon diesem Gesichtspunkt aus möchten wir es nicht unterlassen, die jüdische Oeffentlichkeit auf das in Köln bestehende Israelitische Lehrlingsheim e. V. aufmerksam zu machen, das sich die Aufgabe stellt, tüchtige jüdische Techniker und Handwerker heranzubilden, und um so mehr liegt Veranlassung dazu vyr, als diese Anstalt sich nicht allein auf das Rheinland beschränkt, sondern auch Zöglinge aus allen Gegenden Deutschlands aufnimmt, wenn sie nur den Vorbedingungen entsprechen, die an sie hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung gestellt werden müssen, denn in ein solches Heim gehören nicht Knaben hinein, die sonst in keinem Berufe Unterkommen finden, sondern gerade solche, die körperlich und geistig gesund und sittlich vollwertig sind und versprechen. Tüchtiges in ihrem Handwerk zu leisten. Ebenso wird Wert darauf gelegt, daß der Zögling selbst entsprechend seinen Neigungen und Anlagen die Wahl trifft, welches Handwerk oder welchen technischen Beruf er ergreifen will. Hat er sich aber einmal entschieden, so darf er von dem einmal gewählten Beruf nicht wieder zurücktreten, es sei denn, daß besondere Gründe vorliegen, die einen Rücktritt rechtfertigen. Selbstverständlich wird dafür Sorge getragen, daß die Zöglinge eine gute berufliche Ausbildung erhalten, die sich nicht nur darin zeigt, daß seitens des Heims tüchtige Lehrherren ausgesucht werden: sie werden auch während der ganzen Lehrzeit überwacht, um sie zu möglichst großer Strebsamkeit anzuspornen und etwa vorhandene Mängel abzustellen. Hat sich aber dieser und jener Zögling durch gute Führung und durch Befähigung geeignet erwiesen, so werden ihm Stipendien gewährt, damit er nach beendeter Lehrzeit oder später entweder die höheren Fachschulen, wie die Maschinenbauschule, die Baugewerkschule, Schule für Elektrotechniker und Kunstgeloerbeschule, besuchen oder sich sonst in seinein Berufe weiterbilden kann. In jedem Falle muß er jedoch bei der Ausnahme in die höheren Fachschulen eine zwei- bis dreijährige Lehrzeit hinter sich haben. Es darf im allgemeinen gesagt werden, dasz die Leitung des Heilus bestrebt ist, es zu einer Musteranstalt auszugestalten lmd allen Anforderungen zu entsprechen, die an eine solche Institution gerichtet werden dürfen, auch bezüglich der Erziehung der Zöglinge in geistiger, sittlicher und religiöser Hinsicht. Darmn seien vor allein die Lehrer der jüdischen Gemeinden auf dieses Lehrlingsheim hingewiesen, damit sie ihm geeignete Zöglinge zuweisen, die Neigung lind Fähigkeiten für das Handwerk besitzen. Der Zuschuß zu den Berpslegungskosten seitens der Eltern ist verhältnismäßig gering bemessen, und sind diese vermögenslos, so geschieht die Aufnahme unentgeltlich: es wird dann aber verlangt, daß die zuständigen Vereine lind Institutionen, die sich diesem Fürsorgewerk widmen, oder auch die Gemeinden, sofern sie begütert sind, für den Zuschuß aufkvmmen, denn eine vollständige kostenlose Aufnahme kann nicht gefordert werden, da die Mittel zur Erhaltung des Lehrlingsheims fast ausschließlich von der hiesigen Gemeinde bestritten werden. Betreffs?lufnahmebedin.gungen wende man sich an den Verstand des „Israelitischen Lehrlingsheims Köln a. Rh.". Köln, im April. Rabbiner Dr. Caro.