Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229406--74811-3287282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 Es wurde ziemlich hell... Sara ging und zog den Balken herein. Das Tor öffnete sich, den Körper Gheorghes. am rechten Arm hängend, schleppend. Eine Menge Bauern, alle mit brennenden Osterkerzen, drängte sich zu ihnen. „Was gibt's, was gibt's?" Sie verstanden sofort, was geschehen war. Zibal, der sich bis jetzt nicht bewegt hatte, erhob sich schwer auf die Füße. Er schaffte sich Platz, um durchkommen zu können, indem er die Leute ruhig beiseite schob. „Was war der Grund, Jude?" fragte einer. „Leiba Zibal", sagte der Gastwirt mit lauter Stimme und mit einer langen Gebärde, „Leiba Zibal geht nach Jassh und wird dem Rabbiner melden, daß Leiba Zibal kein Jude ist . . . Leiba Zibal ist ein Gvi . . . weil Leiba Zibal für Christus eine Kerze angesteckt hat!" Und so ging er leise weg. dem Osten zu. wie ein braver Wanderer, dem bekannt war. daß man bei diesem langen Weg nicht mit überstürztem Schritt aufbricht. Hedem das Leinige. 017. Forts.) Roman von Nt. Pulver in a n n. laßen wußte, daß er gedankenlos gesprochen, seitdem er vorhin ihre Hand berührt, daß dieser warme Händedruck einen festen Entschluß bei ihm zur Resse gebracht. Stark und unwiderstehlich erwachte in ihm das Verlangen-, sie zu einem herausfordernden Angriff anzureizen, damit auch sie aus sich herausgehe und dabei rinwillkürlich auch ihre inneren Gefühle berate. Alle diese vergangenen Monate, wo sein Herz hartnäckig von ihr geschwiegen-, wo nicht einmal ihr Namen über seine Lippen kam, alles schien jetzt so gesprächig und beredt geworden zu sein. Vielleicht aber hatte das Herz auch schon früher gesprochen, nur daß seine Ohren verstopft gewesen, daß er es nicht vernehmen konnte. Jetzt aber schrie alles laut, am larrtesten die noch weiter zurückliegende Vergangenheit: jene Zeit, wo dieses Mädchen einen wesentlichen Teil seiner Gedanken gebildet, die er sich in den letzten Tagen voller Eifer wieder zum Bewußtsein gebracht. Nein, er war gar nicht sorglos geworden. Im Gegenteil, er dachte ganz logisch, zusammenhängend, und er war unerschütterlich in seinem Entschluß. Und jetzt hatte sich alles vereinigt, seine Vernunft, sein Gefühl und seine Pflicht, um nur an das eine Ziel zu denken, nur nach dem einen Ziele zu streben. Seine Stimme zitterte, als er wieder das Schweigen brach. „WaS Sie sagen, ist richtig, nur daß Sie meine Worte von vorhin falsch aufgefaßt. Ich wollte sagen, daß meine Einwendung berechtigt ist, weil ich als Fremder nicht in diese Sache eingreifen darf." Sie machte keinen Versuch, ihn zu verstehen, und bewegte nur leise ihre Lippen. „Bevor ich Ihnen das plausibel mache, müssen Sie inir eine oder zwei Fragen beantworten. Was veranlaßt Sie denn eigentlich, das Joch einer Ehe mit Burger auf sich nehmen, da Sie doch die Unmöglichkeit ihn zu lieben längst eingesehen? Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen: ich habe Sie für ein Mädchen gehalten, das sich bei einer solchen Misere doch etwas mutiger zeigen wird. Wir leben doch nicht mehr in dem barbarischen Zeitalter, wo man ein Mädchen zu einer Heirat mit einem ungeliebten Manne zwingen kann." „Sie meinen, daß ich mich direkt gegen meine Mutter empören soll?" „Jawohl, das meine ich." „Ich möchte aber nicht jeden Zusammenhang mit meiner Mutter verlieren, um nicht gerade das zu beschleunigen und zu fördern, was ich mit aller Macht verhindern möchte. Solange meine Verlobung mit Burger andauert, solange Aussicht vorhanden ist, das Haus meiner Mutter auf anständige Weise zu verlassen, so -lange wird auch meine Mutter mit ihrer Verbindung warten, und wenn allch zähneknirschend sich zufrieden geben, um jeden Skandal zu vermeiden. Sobald ich mich abergewaltsam frei mache, könnte auch die Mutter jede Rücksicht fallen lassen und die Fessel abstreifen, die meine Anwesenheit im Hause ihr auferlegt." „Ist dies Ihr einziger Grund?" „Ich konnte nichts dagegen tun, daß Burger glaubte . . ." „Das meine ich nicht," unterbrach er sie scharf. „Ich meine, ob dies der einzige Grund ist, Ihre Verlobung mit Burger aufrecht zu halten?" „Herr Klaßner, ich flehe Sie an, drängen Sie nicht weiter in mich!" „Wenn Sie also in Ihrem Bestreben erfolgreich sind, ivenn Ihre Mutter mit Jarvis bricht," rief er mit vibrierende: Stimme, „dann -- dann — ist wohl für Sie kein Hindernis vorhanden, auch mit Burger zu brechen?" Sie wurde kreidebleich und blickte ihn erschreckt an. „Herr Klaßner, um des Himmels willen, wohin soll diese Frage führen!" „Ich hoffe zuversichtlich, daß sie mich zu Ihnen führt, Alice," rief er ohne Zögern. „Es mich Ihnen doch klar sein, daß ich mich sträube, Ihre Bitte zu erfüllen, weil ich ein Fremder bin, daß ich mich aber sogar moralisch -verpflichtet halte, Ihre Mutter von einer ungeeigneten Verbindung abzi chatten, als ihr voraussichtlicher Schwiegersohn. Darüber, Alice, möchte ich jetzt Ihre Kare Ansicht hören." Sie antwortete nicht. Mit wankenden Schritten ging sie zu einer Bank und ließ sich mit geschlossenen Augen nieder. Sie fühlte sich ganz gebrochen und nervlos. Sie merkte auch gar nicht, daß sich Klaßner an ihrer Seite niedergelassen. „Ich fürchte, daß ich Sie erschreckt", flüsterte er. „Aber ich weiß es, es wäre auch der Fall gewesen, wenn ich Sie noch so lauge vorbereitet hätte. Wollen Sie mir glauben, daß eS auch nur so ergeht, nachdem ich es ausgesprochen?" Sie antwortete auch jetzt noch nicht, sondern zerrte erregt an ihrem Taschentuch. „Dennoch hoffe ich, ldaß meine letzten Worte Sie nicht irreführen werden. Sie könnten dadurch vielleicht zu dem Glauben veranlaßt werden, daß ich unüberlegt gesprochen, ohne vorwärts oder rückwärts zu schauen, ohne meine Worte genügend gewogen und abgemessen zu haben. Alice, ich versichere Sie, dies ist nicht der Fall. Was ich damit sagen wollte, ist nur, daß ich über die Aufgabe bestürzt bin, die ich mir gestellt, um Sie zu überzeugen, rmr Sie für mich zu gewinnen. Aber wie soll ich es anstellen? Soll ich Ihnen sagen, daß ich Sie liebe? Wie könnte ich Ihnen gegenüber einen solchen Ton anschlagen, da Sie doch wissen, daß ich diese Worte wenigstens zu einer Frau bereits vor Ihnen gesprochen? Meine einzige Hoffnung ist nur, daß Sie, Alice, anders sind als andere Frauen und mir gestatten werden., es ein wenig mehr sachlich als sentimental zu behandeln. Wollen Sie hören, Alice?" Er sah wohl, daß sich ihre Lippen bewegten, die aber nur ein unverständliches Murmeln hervorbrachten. Fortgerissen durch seine eigene Empfindung, drängte er nicht weiter in sie, sondern fuhr fort: „Alice, ich will es nicht in Slbrede stellen, daß ich Ellen geliebt, allch nicht, daß ich sie weiter geliebt hätte, wenn sie selbst es mir nicht unmöglich gemacht. Ich würde nreine Gründe schwächen und mich selbst verächtlich erklären, wollte ich vmgeben, daß ich Ihnen das gleiche Gefühl entgegenbringe, oder gar z» verlangen, daß Sie sich mit demselben Gefühl, nur in eineiil anderen, sagen wir schwächeren Grad, zufrieden gebeil sollten! Aber es find doch noch andere, stärkere Bande