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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-18 · Heft 16 (18.4.1919) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 16 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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166 Ein Todesschweiß durchlief den ganzen Körper Zibals; er ließ sich leise auf den Knien herunter, wie ein Bieh, welches seinen Hals für den letzten- Schlag hinhalt, überzeugt davon, daß es sich selbst verlassen muß. Ja, er wird es sofort treffen . .' .! dachte er, in Gedanken vertieft ... ja, er wird es sofort treffen! Und blieb eine Zeitlang, mit den Augen das Licht aus dem Fenster anstarrend, stehen . . . Einige Augenblick stand er so versteinert wie in einer anderen Welt, doch plötzlich: „Ja", wiederholte er lächelnd mit einem wilden Blinzeln, „ja, er wird es sofort treffen!" Es ereignete sich dann in ihm ein sonderbares Wunder, ein vollständiger Umsturn sein Jittern hörte auf, die Aufregung verschwand, und die von so einer langen Krisis entstellte Figur nahnl ein? seltsame Ruhe an. Er erhob sich mit der Gewißheit eines gesunden, kräftigen Menschen, der zu einenr Ziel, welches leicht nr erreichen ift, wandert. Eine Linie von den beiden obersten Punkten des Vierecks wird bald fertig. Leiba näherte sich, neugierig, das Sviel des Anschlages zu sehen. Sein Lächeln kennzeichnete sich jetzt besser aus: er schüttelte das Haupt, als wollte er sagen: Ich habe ja noch Zeit! Die Säge durchschnitt die letzten Fasern in der Nähe des Loches; nun begann die Arbeit zwischen den beiden anderen. Es sind noch drei, dachte sich Leiba, und mit der Vorsicht des bestervrobt'pn Jäaers betrat er den Laden, luchte unter dem Ladentisch, nahm etwas und auf Zehenspitzen aehend, begab er sich mit derselben Ruhe zurück. Den Gegenstand, den er in der Hand hielt, versteckte er, als fürchte er sich vor der Indiskretion der Mauern. Aber entsetzlich, die Arbeit von draußen hatte gänzlich aufgehört . . . man merkte nichts mehr. Was soll das bedeuten? . . . Sollen sie etwa weg sein? , . . Sie sind weg! ging es wie ein Blitz durch Leibas Kovf. Bei diesem Gedanken biß er sich auf die Lippen, ergriffen von einem undenkbaren Betrübnis . . . „Ha! Ha!" Das war also ein häßlicher Trug; die Arbeit begann von neuem, und er verfolgte diese mit wärmstem Interesse, begleitet von heftigem Herzklopfen. Unser Mensch wurde von einem unglaublichen Wunsch gequält, die Arbeit so schnell als möglich fertig zu sehen. Schneller! dachte Leiba ungeduldig . . . schneller! Man hörte jetzt wieder das Glockenläuten auf dem Berge. „Schneller, ehe der Tag uns überrascht!" sagte eine Stimme von draußen, als wäre diese vom Munde des Menschen von drinnen angetrieben. Der Arbeiter begann jetzt mit großem Fleiß das Werk auszuführen . . . Noch einige Bewegungen und alle Punkte des Vierecks sind vereinigt. Endlich! Der Bohrer zog nun langsam das viereckige Stück heraus . . . Eine große, kräftige Hand drang ein . . . Ehe sie jedoch den Balken, den sie suchte, berühren konnte hörte man ein Geschrei, während Zibal das lose Ende der Schlinge mit aller Kraft an dem sicheren Block am Kellereingang festgebunden hatte. Die Schlinge war geschickt kombiniert: ein langer Strick, mit dem einen Ende an. einem Block angebunden; in einer gewissen Entfernung, an dem Orte, Wo das ausgeschnittene Viereck verschwinden sollte, hielt Leiba mit der linken Hand eine offene Schlinge, während er mit der rechten das andere Ende festhielt. Im passenden Augenblick warf Zibal die Schlinge, und indem er schnell mit beiden Händen das freie Ende angefaßt hatte, zog er den ganzen Arm herein . . . Im Handumdrehen war es geschehen . . . Zwei Ruse begleiteten diesen Vorgang: einer des Schmerzes, der andere des Triumphes: die Hand war festgebunden. Man vernahm darauf schnell sich entfernende Schritte. Die Begleiter Gheorghes überließen mit großer Klugheit dem Zibal die gefangene Beute. Der Jude lief in den Laden, nahm die Lampe und mit einer sicheren Drehung schob er den Docht ganz hoch: das hinter dem Gitter gefangene Licht strahlte jetzt freudig und siegesvoll heraus. Zibal begab sich mit der Lampe in den Gang. Der Dieb stöhnte schwer; an dem gebundenen Arm konnte man sehen, daß er aus ein unnützes Sträuben verzichtete. Die Hand war angeschwollen und die Finger gekrümmt ... es schien, als wollte er sich doch losveißen. Der Jude näherte ihr die Lampe. - - Ein Schauder; das Fieber begann von neuem. — Er brachte das Licht so nahe, daß er zitternd die Hand des Verbrechers mit dom heißen Zylinder berührte; eine heftige Aufregung der Finger entstand, gefolgt von einem dumpfen Jammergeschrei . . . Bei der Wahrnehmung dieses Wunders zuckte Zibal auf . . . aus seinen Augen strahlte ein unheimliches Feuer. Er fing so toll zu lachen an, daß das Gewölbe des Ganges erbebte. Darauf kehrte er in den Laden zurück. Ter Tag brach an. Sara erwachte Plötzlich. . . als hätte sie im Schlaf entsetzliches Gebrüll vernommen . . . Leiba war nicht im Zimmer anwesend. Alle Ereignisse vom Vorabend kamen ihr ins'Gedächtnis zurück ... Es geschah etwas Schlechtes! . . . Sie stieg aus dem Bette und machte Licht. Leibas Bett war unberührt; er ging also gar nicht schlafen? Wo war er? . . . Sie richtete ihr Auge g^gen oas Fenster. Airs dem gegenüberliegenden Hügel konnte man eine Gruppe kleiner, lebhafter Lichter, welche sich unruhig bewegten, bald sich versteckten, bald sich wieder zeigten, wahrnehmen. . . . Man kam von der Auferstehungsfeier zurück. Sara öffnete ein wenig das?Fenster, da vernahm sie ein tiefes Stöhnen am Tor. Durchschauert stieg sie schnell die Treppe herab . . . Der Gang war erleuchtet . . . Als sie sich nach der Türschwelle begab, wurde sie von einem furchtbaren Anblick betroffen. Auf einem hölzernen Stuhl, mit den Ellenbogen auf das Knie gestützt, die Hände in den Bart vergraben, saß Zibal. Wie ein Gelehrter, welcher im Gemisch einiger Elemente ein nützliches Geheimnis der Natur zu fangen sucht, was ihn seit längerer Zeit auält. Zibal hielt seine Augen ans eine gehängte schwarze, unförmliche Masse gerichtet, unter welcher aus einem anderen Stuhl in einer Passenden Höhe eine große Kerze brannte. Mit einer unbeschreiblich großen Ruhe beobachtete Zibal den Vernichtungsprozeß an der Hand, welche ihn sicher nicht verschont hätte. — Er hörte nickt das Geheul des Unglücklichen da draußen; das, was er sah, war ihm interessanter als jenes, was er hören sollte. Zibal versolate begierig alle Grimassen, alle sonderbaren Zuckungen der Finger; dann erstarrten sie langsam, einer nach dem anderen — sie glichen den Krallen eines Tieres, welche sich zusammenziehen, sich wieder ausstrecken, sich in überspannten Bewegungen schnell, langsam und später noch langsamer rühren und dann unter dem Spiel eines rohen Kindes brach liegenbleiben. Es war zu Ende. Die Hand schwoll langsam an. Sara schrie auf: „Leiba!" Zibal gab ihr ein Zeichen, sie sollte ihn nicht stören . . . Ein schlechter Geruch nach verbranntem Fleisch verbreitete sich im Gang: man hörte ein Knistern und kleine Knalle. „Leiba, was gibt's?" wiederholte die Frau.

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