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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-18 · Heft 16 (18.4.1919) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 16 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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164 „Jfflands mimische Darstellungen sür Schauspieler und Zeichner, während der Vorstellung gezeichnet in den Jahren 1808/12" (Berlin) stellt Schemas Monolog dar, nachdem er soeben dem jungen Adolf das Geld zugesagt hat- Sein Geld tut ihm nicht wenig leid, und er nimmt sich nun vor, kräftig zu fasten, „um seine Liebe zu mästen". In Haltung und Gebärde hat Jffland diesen rührenden Zustand des so edlen, unscheinbaren Mannes unvergleichlich veranschaulicht. In jüdischen Kreisen Berlins erregte sein Spiel jedoch philiströsen Anstoß, der in einem „Schreiben an den Herrn Direktor Jffland über das Schauspiel „Der Jude" und dessen Vorstellung auf dem hiesigen Theater 1798 (Berlin, W. Dieterici) vom 28. August, unter dem Pseudonym Luzes Walaroe, zum Ausdruck kam. Jargon und Kleidung Jfflands mißfielen ihm, und der Schreiber behauptete, solche „Subjekte" gäbe es unter den Berliner Juden der Mendelssohnschen Zeit längst nicht mehr wie diesen Schema; solche „Harlekinaden" geziemten dem alten, seligen Döbbelin. „Die übel angebrachten Gestikulationen und zwitschernden Töne" seien nur dazu angetan, Judenhaß zu erregen; das ganze Stück atme „Intoleranz" unb müsse geändert werden. Darauf diente der edle Künstler, dessen Partei wir hier durchaus ergreifen müssen, Herrn Lwzes mit einer „Antwort des Direktor Jffland auf das Schreiben an ihn über das Schauspiel „Der Jude" ufw." (Berlin, I. F. Unger) am 30. August 1798. Jffland betonte den großen Theatererfolg des Stückes in London und in Berlin, Uw „Gemurmel des Wohlwollens" lind „mancher gutmütige Ailsruf aus dem Parterre" Schema begrüßte. „Man hat mitunter lachen hören, aber das war kein wieherndes Gelächter". Ter Jargon sei notwendig, um den Juden wahrheitsmäßig reden zu lassen; die Kleidung, ein feiner, eng getragener Tuchrock, ebensolche Sammetweste, saubere Wäsche, etwas Vernachlässigung, doch nirgends Schmutz oder Lumperei, charakterisiere den Mann. Hätte man ihn in gebildetem. Deutsch gespielt, so wäre das gewesen, „als wenn man einer- Antike eine Perücke aufsetzen wollte". Jfflands Verteidigung war ehrlich judeufreundlich und traditionell für das Königliche Theater, wo 1788 dem Shylock ein von Ramter verfaßter. Prolog mitgegcben wurde, der die Wahl dieses Stückes human entschuldigte. Noch, ärger wurde Luzes gezaust von einem Anonymus: „Auch ein Schreiben über das Schallspiel „Der Jude", nicht an den Direktor Jffland" (Berlin 1798, I. Fr. Unger). Der Verfasser zeigt sich in seinem Eifer sehr kurzsichtig, wenn er z. B. Lessings „Nathan", den schon Döbbelin am 14. April 1783 ausgeführt hatte, für undramatisch hielt. Die Juden dünkten sich seitdem, meint er, „für die alleinseligmachende Kirche" lmd tyrannisierten das Theater. Eumberlands Stück sei freilich schlecht; erst Jffland mache aus Schema ein vollendetes Kunstwerk. Die schlimmsten Harlekins seien nicht die Schauspieler, sondern die jirngen gebildeten Juden, die alles bekritteln, gern den Lovelace (Love-. lace: Wüstling in Richardsons „Clarissa Harlowe" 1749) spielen möchten und so natürlich wie die „Gllrlis" seien. (Gestalt alls Kotzeblles „Indianer in England" 1789.) Am gelungensten ist wohl alls demselben Kreise, gleichfalls gegen Luzes gerichtet, das wirklich mllntere, jüdisch-deutsche -jirsr; •shv n&n Ter junge Samuel, ein Typus derer um Luzes, erzählt seinem alten Lehrer. Reb Henoch von dem neulichen Streit um das Stück „Der Jude", ob der Jude auf der Bühne „jargonieren" dürfe oder nicht. Reb Henoch hat ganz recht: „Nebbich e Rachinonis! Er muß jidisch reden, doch sich nicht zum Narren machen", wenngleich „der Orel das nit glaben wird, daß er 30 000 Rt. also geschwinde wegschenkt". Zuletzt stürzt bes Rabbis Weib Genendet ills Zimmer und warnt ihren Mann vor Samuel, der „der Melamed von Jidisch Teitsch bei di Komedienspieler is" und „e Biechelche mit viel Risches auf die Jehudim geschrieben habe", eine deutliche Anspielung auf Luzes' Schreiben. — Schema ging noch als beliebtes Zugstück lim die Mitte des 19. Jahrhunderts über die Bretter. Theodor Döring spielte 1835 seinem Mitgefangenen Gutzkow diese Rolle im Gefängnis vor (vgl. Gutzkows „Lebenserinnerungen"), llnd noch 1841 agierte Karl SeideGrann in seinem tragischen „Moll" den edlen jüdischen Menschenfreund vor den Berlinern, als schon Krankheit, auch seelische, am Lebensmark des Künstlers fraß, wie Gutzkow in seinem Lebensbild dieses Schallspielers berichtet. Das Tiefste und Schönste aber, was über Schema je geschrieben ist, stammte bezeichnenderweise von einem Juden, nämlich von Börne, der in den zwanziger Jahren eine Allfsührung in Frankfurt a. M. in seinen frischen, jugendlichen „Dramaturgischen Blättern" (Vorwort Januar 1829, Hannover) besprach. Börne sieht in Schema eine Offenbarung des Jlldenschmerzes. Tie Lebenswahrheit der Gestalt ergreift ihn mehr noch als ihre Kunst. Er charakterisiert sie, wie sie bätte lein können, wenn sie von einem großen Dichter wäre geschaffen worden, nicht, wie sie war. Das Ganze liest sich wie eine erschütternde Beichte, die edlere Tränen hervorruft als die alltäglichen Theatertränen. Es schwebt ihm unwillkürlich Shylock vor, wenn er geistreich bemerkt, daß sich Schema an seinen Feinden mit Wohltaten räche. Weidner, der in Frankfurt die Rolle spielte, gab sie gleichfalls (wie Jffland) in „jüdischem Kauderwelsch", ohne daß ihn Börne als verständiger Kritiker darum tadelte; im Gegenteil, er fand die Darstellung höchst „lobenswert". Lin Brief Leopold Löws. Mitgeteilt von L u d w i g G e i g e r I. on befreundeter Seite geht mir folgendes Schriftstück zu, das eine Veröffentlichung in diesem Blatte wohl verdient. Redaktion der „Monatsschrift für jüdische Theologie" Szegedin. Ew. Wohlgeboren, sehr verehrter Herr und Freund, Sie haben vollkommen recht! Kann ich mehr sagend Leider hatte ich nicht überdacht, daß der Haazinugesang wegen seines scharfen Schlusses besonders unter den damaligen Umstünden hier und da Anstoß geben könnte. Ihre Proben aus Mischte erscheinen nächstens. Der „Ben Ehananja" erscheint in der Folge als W o ch e n b t a t t, und bitte ich ergebenst, demselben Ihre bedeutungsvolle Mitwirkung angedeihen zu lassen. Ueberhaupt untre es mir sehr erwünscht, wenn meine Lemberger Freunde ihre Sympathie für den Redakteur des D. Eh. auch auf dieses Blatt übertragen würden. Der Redakteur muß es sür einen point d’Honneiir betrachten, die ungarischen Juden nicht zu verlassen. Wundern Sie sich hierüber nicht, mein teurer Freund. Die Pester Huben nicht nur privatim, sondern nt öffentlichen Blättern Vorwürfe hören müssen, daß sie einen Freutden und nicht Löw „den guten Patrioten" beriefen. Verließe ich jetzt gar das Land, so würde dies auf die Stimmung gegen die Juden, die beim nächsten Landtage emanzipiert werden sollen, nachteilig wirken. Ich sage Ihnen dies konfidentiell. Leider bin ich der einzige Rabbiner int Lande, der das Vertrauen der ungarischen Nation besitzt. Möge die Wahl in Leinberg lvieder eine glückliche sein. Bewahren Sie mir auch fortan Ihre Frenndschaft, die ich aus vollem Herzen erwidere. Ihre liebe Familie herzlich grüßend, bin ich in aller Verehrung und Liebe Ihr Freund Löw. Beilage bitte ich dem Herrn So'lm übergeben zu wollen. ') Aus seinem Nachlaß.

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