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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-18 · Heft 16 (18.4.1919) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 16 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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beschränke seinen Antisemitismus freunblichst ans diejenigen, über die jeder verständige Jude ebenso urteilt wie jeder verständige Christ." Inzwischen ist die Räterepublik gestürzt und die alte Regierung wieder eingesetzt worden. * Vom Burearl Dr. Franz Oppenheimer erhalten wir folgenden Artikel: Die neue ungarische Revolution und die Juden. Budapest, Anfang April. Der Umstand, daß unter den Urhebern der jüngsten revolutionären Bewegungen zahlreiche Juden zu finden sind, verleitet gar manche dazu, die Revolution überhaupt als etwas Jüdisches, dem jüdischen Wesen und Lebens inte resse Gemäßes zu betrachten. Man übersieht dabei leicht, daß neben den auf den hochgehenden Wogen des Aufruhrs emporgehobenen cin3dn.cn Führern Tausende und aber Tausende von Juden als erste in den Abgrund hinn.ntergerissen werden, daß das überall den Mittelstand bildende jüdische Element das erste Opfer jedes Umsturzes lvird. Wenn es je ein augenfälliges Beispiel dafür gab, so bildet es die ungarische Umwälzung. Es ist unleugbar: die Führer des ungarischen Bolschewismus sind zum überwiegenden Teil Juden. Nahezu ein Dutzend Juden ist in der i re neu ungarischen Räteregierung vertreten. Juden sind die „Volksbeauftragten" Sigmund Eunfi (ehemals Cohn), Dr. Landler, Dr. Hamburger, Dr. Wargv, Tibor Saumeli, Dr. Pvgau (dessen Vater auf Schwarz hört und bei der Poster Ncologischen Ehewra Kadischa beamtet ist), Wilhelm Böhm und viele andere. Auch die von der Gesängnispritsche auf den Regierungssitz erhobenen Kommunistenführer Bela Knn und Bela Wargo sind Juden. Sie sind es freilich nicht mehr, wahrscheinlich noch weniger als ihre russischen Geistesbrüder Trotzki, Radek und Sinowiew., die immerhin aus einem jüdischen Milieu hervorgegangen sind und daher dem Judentum viel näher ftefyen als die bis auf die Knochen magharisierteu ungarischen Auchjuden. In dieser Personenliste erschöpft sich aber auch der Anteil der ungarischen Judenheit an der revolutionären Umwälzung vollauf. Größer und furchtbarer als dieser Anteil der wenigen ist die Mitleidenschaft der Gesamtheit. Ti? Juden vor allem hatten schon die Geburtswehen der Revolution zu verspüren. Die Massenplünderungen der ersten Revolutionsnacht galten vorzugsweise den jüdischen Juweliergeschäften; Millionenverluste waren zu verzeichnen. Die stark? Hand der Revolutionsregierung hat freilich diesen Ausschreitungen baldein Ziel gesetzt. Ordnung «und Sicherheit lassen augenblicklich nicht zu wünschen übrig. Dies war indessen nur ein leises Vorspiel. Nunmehr konnnt die Hauptsache: Sozialisierung der Häuser, Fabriken, Geschäfte und Banken. Ter nächste Programmpunkt der Revolutionsmänner gilt der „Proletarisierung" des Bürgertums, der Zwangsarbeit und möglicherweise auch der Zwangsaushebung und Einstellung in die „Roten Garden". Tie Sozialisierungsmaßnahmen treffen unmittelbar den Lebensnerv der gesamten jüdischen Wirtschastsstellung; sie bedrohen den breiten jüdischen Nt ittelstand mit dem Untergang. Man ist sch dieses Umstandes in den weiten jüdischen Kreisen klar bewußt, und man sieht keinen anderen 'Ausweg als die — Verzweiflung. Zu diesen Privat sorgen kommen nun die Geme-indekalanntäten. Tie durch die Umwälzung geschaffene Lage hat ein unentwirrbares tchavs im gesamten öffentlichen Leben herbei geführt, von dem das jüdische Gemeindeleben am schwersten und unheilbarsten betroffen lvird. Es ist alles aus den Kopf gestellt. Die Trennung, von Kirche und Staat ist beschlossene Sache, und die Kultusgenleinc.cn gehen einem ungewissen Schicksal entgegen. Die bisher gerade in Ungarn mit hoher Autorität ausgestattete Gemeindeinstitution ist zu einer bloßen Bereinsexiftenz degradiert, die durch die Aufhebung der Simpelsteuer (Ginheitssteuer) eine weitere Unsicherheit and Zerrüttung erführt. Es ist mit einem Schlage alles in Frage gestellt, und aus den vielen jüdischen Fragen ist nunmehr eine jüdische Lebensfrage geworden. * Das Polnische Komitee in London vevanstaltete eine Zusammenkunft englischer Kaufleute mit der Absicht, eine polnische Handelskammer in London zu gründen. Der Bersarnmlung lvohnte Graf Szultovski, ein spezieller Abgesandter der polnischen Reg.ievltng-, Gei Einer im anwesenden Engländer, der das Wort ergriff, drückte, auf die Judenpogrome verweisend, seine Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge in Polen aus, der die Ausnahme des Handelsverkehrs mit diesem Lande zurzeit unmöglich mache, und sagte, das; auch seine jüdischen Geschäftssrenndie, mit denen er immer in bester Beziehung gestanden hätte, geäußert hätten, sie könnten mit Polen keine geschäftlichen Verbindungen au,knüpfen, solange das jüdische Leben dort bedroht ist. Szultovski erklärte im Namen der polnischen Regierung, daß die Geschichte Polens, wo die Juden jahrhundertelang in Ruhe und Frieden gelebt hätten, die Toleranz des polnischen Volkes beweise; an den Pogromen in Galizien seien zumeist die Ukrainer schuld. Die Polen und Juden würden nach dem Krilege srenndschaftlich zusammenleben, und die Inden würden im neuen Polen volle Freiheit genießen. Das ist ein Wechsel auf die Zukunft! Vorläufig ist die Lage der Juden in. Polen überaus traurig, und kein Tag vergeht, an dem nicht in irgendeinem Flecken ein Pogrom stattfindet, wobei in Gegenwart der sogenannten Schutzmannschaft geraubt, gemordet lind geplündert wird. Wir erhalten soeben folgenden Bericht: In Kalisch fand ein zweitägiger Pogrom statt, bei dem viele Inden geschlagen und in einen Fluß geworfen wurden. Mit der Bahn an kommende Juden wurden ansgeplündert. Die polnische Miliz schützte die Inden nicht und der zuständige Polnische Militärkommandant weigerte sich, Truppen zu schicken. * Aus Galizien wird gemeldet: Seit ungefähr sechs Wochen sind die jüdischen Schüler in Przemhsl, von der 6. Klasse angefangen, in beiden polnischen Gymnasien von jedem öffentlichen Unterricht ausgeschlossen. Tie christlichen Schüler erklärten, daß sie mit ihren jüdischen Kollegen gemeinsam keine Schule besuchen wollen. Die beiden Direktoren erklärten sich machtlos und lösten die betreffenden Klassen auf. Daraus beschlossen die christlichen Lehrer, für die christlichen Schüler Privatkurse zu erricbten; diese finden nun in denselben Räumen und zur selben Zeit statt wie früher der reguläre Unterricht und werden von denselben Lehrkräften geleitet. Durch diese Finte sind die jüdischen Schüler aus den polnischen Obergymnasten tatsächlich ansgeschlossen. Bisher sind alle Interventionen in Warschau fruchtlos gc blieben. Verbot de r h e b r ä i s ch e n Sprache i m jüdi s ch e n R e l i g i ö n s u n t e r r i ch t. Der „Dziennik Nowy" in Warschau von: 23. März meldet aus Lodz, daß auf der -letzten Sitzung des Lodzer Kreisschulrats beschlossen wurde, in den jüdischen Volksschulen den Unterricht in hebräischer Sprache abzuschasfen. Dieser Schritt wurde von dem Schulrat damit begründet, daß die hebräische Sprache die Schüler nur unnötig belaste und daß der jüdische Religionsunterricht ebensogut in polnischer Sprache erteilt werden könne. Man nimmt also den jüdischen Kindern die Möglichkeit, den Unterricht in ihrer Religion in hebräischer Sprache zu erhalten und läßt danrit selbst jene Mindestforderung nationalen Minderheitsschutzes unbeachtet, für die die Polen selbst solange in Posen mit aller! ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gekämpft haben. Ausschaltung der Juden aus dem polnischen P o st dienst. Im polnischen Reichstag brachte aur 2. April der bekannte Nationaldemvkrat Professor Grabsty einen Antrag zur Einsetzung einer Kvnunission ein, die sich allgemein mit dem Studium der jüdischen Frage beschäftigen solle. Bei dieser Gelegenheit verlas der jüdische Voltsparteiler Prilutzki ein interessantes amtliches Dokument. Danach lvurde dem Postbeamten Hirsch Himmelstein in Meferitz, der schon 15 Jahre lang im Postdienst beschäftigt ist, gekündigt, weil der „Verein der Postbeamten" beschlossen habe, daß Juden bei der Post keine Stellen bekleiden dürfen (!). *

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