Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-18 · Heft 16 (18.4.1919) · p. Seite 159

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 16 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229406--74803-3287274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kultus bekürnmert. Einen Staa-tszuischuß erhielten nur die beiden christlicher: Konfessionen; der jüdische Nelinionsunterricht galt nicht als obligatorisch, „jüdische Religion" nicht als Prüfungsgegenstand, der Rabbiner nicht als Geistlicher im Sinne des Gesetzes. Die Trennung von Kirche und Staat würde somit, wenn man von der Erhebung der Kultussteuer absieht, Wr das Judentum als solches eher von Vorteil sein, sie würde sogar., wenn auch nur in negativem Sinne, weil der Staat auch um die anderen Konfessionen sich nicht mehr bekümmert, ihm die so lange vorenthaltene Gleichberechtigung bringen. Für die jüdische Lehrerschaft aber kann, wenn nicht rechtzeitig eine umfassende Organisation einsetzt, die „Trennung" sich zu einer Katastrophe gestalten. Ihre Lage mar schon bisher auf der ganzen Linie eine prekäre und unhaltbare. Ungenügende finanzielle Dotierung, Schutz- und Rechtlosigkeit innerhalb der Gemeinden war das Kennzeichnende ihrer Lage. Alle noch so nachhaltigen Versuche der Lehrerorganisationen, hierin Wandel zu schaffen — ich mutz es leider offen eingestehen —, haben nur vereinzelt Erfolg gezeitigt; die Geisamtlage ist trostlos geblieben. Verlieren die Gemeinde:: das Recht der zwangsweisen Erhebung der Knltussteuer, so werden zahlreiche kleinere uttb mittlere Gemeinden, die sich jetzt schon nur mit Mühe noch und unter großen Opfern erhalten haben, sich auslüsen, und ihre Religionslehrer und Kantoren werden brotlos. Hatte der jüdische Religionslehrer bis jetzt immer noch die Möglichkeit., in Fallen allzu krasser Vergewal'tigung seitens der Kultusgelueinde sich an die Staatsbehörde zu wenden und — wenn auch nur als mittelbarer Staatsbeamter —- ihre Intervention herbei führen zu können, so hört dieses natürlich nach erfolgter Trennung von Kirche und Staat völlig auf. Eine Wandlung muß vor allen: in folgenden Dingen eintreten. Zunächst muß innerhalb der Iudenheit diesen: Stande gegenüber ein größeres sittliches Pflicht- und Verantwortlichkeitsgofühl Platz greisen. Es mutz ihr klar werden, daß die Besoldung dieses Standes eine gänzlich ungenügende und unwürdige ist. Es muß bei den reichen Glaubensgenossen, die an der Spitze der Großgememden stehen, das Pslichtbew.utztsein erwachsen, für die kleinen Gemeinden, deren Leistungsfähigkeit sich erschöpft, in anderer Weise als bisher zu sorgen. Mit etwa % Million Mark jährlich ließe sich die ganze Misere der kleinen Gemeinden und die Notlage ihrer Kultusbeamten heben." Rechtsanwalt Dr. Viktor behandelt die Frage der Trennung von Staat und Kirche vom zionistischen Standpunkte und kommt zu dem Ergebnis: Die jüdische Gemeinde muß zur nationalen Gemeinde, zur Bvlksgemeinde werden. Nur als Bolksgemeinde wird sie alle Stürme, überstehen, den Zusammenhang mit den Juden der ganzen Welt aufrechterhalten und an den gewaltigen Aufgaben Mitarbeiten rönnen, die dem Weltjudentum in den nächsten Jahren bevorstehen. Es wird Sache des geplanten Jüdischen Kongresses sein, die Orgainfation der Bolksgemeinde und ihren Wirkungskreis festzu legen. Frau Ella Seligmann (Frankfurt a. M.) schreibt vom Standpunkt einer jüdischen Mutter und saßt ihre Ausführungen dahin zusammen: Wir jüdischen, Frauen begrüßen die Trennung von Staat und Kirche, insoweit dadurch das Privileg, des christlichen Staatskirchentums aufgehoben und alle religiösen Bekenntnisse innerhalb des Staates gleichgestellt werden. Aber wir wollen der: Staat als religionserhaltende Macht aufrechterhalteil wissen. Wir wollen die religiösen Gemeinschaften nicht ihrer ideellen Güter beraubt sehen, die zu ihreni gedeihlichen Fortbestand unentbehrlich sind. Den Abschluß bildet ein Aufsatz von Jsmar E l b o g e n , betitelt „Die Ausgaben der Logen im Falle der Trennung von Staat und Kirche." Er zeichnet treffend die Entrüstung, die diese Nachricht in weiten Kreisen hervorgerusen hat und weist zugleich aus die geschichtliche Erfahrung hin, daß die Freiheit Kräfte entbindet und stärkt, daß daher auch die Kirche, wenn sie der Fesseln des Staates entledigt wird, sehr wohl eine Förderung erfahren und einen Aufschwung erleben kann. „In Ländern, in denen die Trennung längst durchgeführt ist, vor allem in den Vereinigten Staaten von Nordainerika, gewahren wir kräftig pulsierendes religiösts Leben. Ueber die voraussichtliche Gestaltung der Verhältnisse in Heutsclp land äußern sich in den vorangehenden Blättern die Vertreter der an der Frage meist interessierten Verbände außerordentlich zuversichtlich. Ihr Optimismus stützt sich darauf, daß in der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Bundesstaaten die jüdische ^Religionsgemeinschaft auch bisher nur eine sehr geringe Förderung seitens des Staates erfahren hat und daß die Durchführung, der wenigen eingerüumten Rechte Gefahren und Schwierigkeiten einschloß. Sie dürfen auch aus der Geschichte Mut schöpfen, die uns zeigt, daß jüdische Gemeinden sich zu allen Zeiten auf dem Boden der Freiwilligkeit und Opferfreudigkeit gebildet und erhalten haben. Wenn unsere Gemeinden die schwere Belastungsprobe der Jahrhunderte der Verfolgung siegreich überstehen konnten, so werden sie auch in einer Zeit, von der wir die volle staatsbürgerliche Gleichheit erwarten, ihre Lebenskraft nicht einbüßen. Freilich dürfen wir uns der bevorstehenden Gefahr nicht verschließen., rvir müssen uns auf den äußersten Fall vorbereiten, mit einer großen Austrittsbewegung und einer Flucht aus dem Religionsunterricht rechnen. Unsere Glaubensgenossen, die sich so freiheitlich gebärden, haften vielfach noch an jener verkehrten Lebensanschauung, die nur den: Zwange weicht und sich dem obrigkeitlichen Befehl unterwirst. Hier rvird die Ausgabe unserer Logen und unserer Brüder einsetzen müssen, sie werden Belehrung und Aufklärung verbreiten und sich den: Zerfall unserer Gemeinden entgegenstellen müssen. Es handelt sich hier um gemeinschaftliche Interessen unserer Gtanbensgenassen in: wahrsten Sinne des Wortes." * Die Ausrufung der Räterepublik in Bayern gab .den reaktionären Elementen in München eine günstige Gelegenheit, zu Pogromen gegen die Juden anfzusordern. Ein Telegramm vom 7. April besagst: An allen Straßenecken sind große Menschenansammlungen, in denen gegen oder für die Räterepublik gesprochen wird. Sehr häufig trifft man auch Redner, die mit heftigen Worten gegen die Beteiligung der Juden an der Regierung sprechen und viel Beifall finden. Mehrere Redner, die am Odeonsplatz gegen die Räterepublik sprachen, wurden von Patrouillen der Roten Garde verhaftet und abgeführt. Auffallend ist der Haß gegen die Juden, der sich in Formen äußert, die man bisher in Münchens nicht gewohnt war. Auch rein sozialistische Gruppen sprechen sich gegen die Juden in der Regierung aus. Eine Meldung vom 10. April lautet: Die Spannung, die Erwartung blutiger Ereignisse ist ins Unerträgliche gestiegen. Pogrom a u f r u f e z r: r I u d e n s ch lächterei d u r ch - flatterndie Stadt. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sah sich gezwungen, durch Plakate die Gesamtheit der Juden gegen die Angriffe zu verteidigen. Hoffentlich ist es zu Ausschreitungen und Blutvergießen nicht gekommen. „Jeder vernünftige Mensch", bemerkt das „Berliner Tageblatt" bei der Besprechung der Münchener Vorgänge treffend, „wird durchaus begreifen, daß die Münchener es sich nicht gefallen lassen wollen, von „Philosophen", Anarchisten und Schiebern ausgeplündert zu werden, die, fern von München geboren, im Berliner „Gase Größenwahn" als „originelle Typen" betrachtet wurden und nur ideenlose Papageien alter revolutionärer Lehrmeister oder des Bolschewisrnus find. Der Herr Dr. Lewien, der den Münchener Komnnlnismils befehligt, ist übrigens, wie erklärt wird, nicht Jude, sondern der Sohn eines deutschen Generalkonsuls in Rußland und hat anscheinend eine Vergangenheit, deren Aufhellung sich wohl ernpfiehlt. Man kann den Münchenern nur empfehlen, diese Leute davonzujagen —- und niemand kann verstehen, daß ein gesundes Volk diesen Schönrednern. Hysterikern und dunklen Existenzen so widerstandslos den Platz überlassen hat. Aber was hat die ungeheure Mehrheit der Juden mit diesen Gassenkönigen, was hat sie mit den Schreibern der mehr oder minder bolschewistischen Zeitschriften und ähnlichen Elementten zu tun? Antisemitismus ist, in München wie überall, albern, ungerecht und infam. Man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.