Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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——; 8 — Nürtrb^vA, 4. April., Die Ortsgruppen Nürnberg und Fürth des/ Z.e ntra ivere-i-n s deutscher, ß t a n ts b ü rger j ü d i. f chen Klaubens hatten vorletzten Montag /abends im Künstlerhaus einen Vortragsabend' veranstaltet, .bei dem .Syndikus Dr. Holländer (Berlin) über die Stellung des 'Zentrawereins zu den Gegenwartsfragen sprach. Er ging davon aus, daß verschiedene namhafte Schriftsteller, z. B. Arthur Trewitsch, die Menschen in zwei Klassenernteilen, eine, deren Vorfahren Hirten lvaren und die ilfsolgedessen zählen, das sind die Juden, und andere, die da schauen, das sind die Germanen; weiter in Händler und in Helden. All dieses seien Theorien, denn man wird in beiden Klassen Händler und Helden .finden. Daß diese Klasseneinteilung unrichtig sei, beweise -u. a. auch die Revolution. Auf -der einen Seite heißt es, die Juden seien die Veranstalter der Revolution, auf der anderen Seite heißt es, der Kapitalismus — gegen den die Revolution sich aber doch richte — seien -die Juden. Bei der Prüfung der Frage nach den Trägern des Antisemitismus müsse man. unterscheiden zwischen den norddeutschen und den süddeutschen. Elementen. In Norddeutschland 'seien es hauptsächlich die Offiziere, die Junker, die das Verlustiggehenihrer Existenz den Juden , zu schieben. In Wien wiederum seien es die „Greisler", das sind die Kleingewerbetreibenden, die -da glauben, daß das Judentum ihnen in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung Unglück gebracht habe und daß diese an ihrem Rückgänge schuld seien. In. Süddeutschland wiederum vereinen sich diese beiden Kreise, besonders im Zentrum. Die Ausgabe des Zentralvereins lei es nun, hier für die Oeffentlichkeit sestzustellen, was hier falsch und was wahr sei. So werde auch heule noch immer ^behauptet, während des Krieges hätten die meisten Drückeberger bei den. Juden .gesessen. Nichts sei falscher wie das. Drückeberger habe es aus beiden Seiten gegeben. Datsche dagegen sei, daß es 80 000 jüdische Kriegsteilnehmer, gegeben habe, daß 20 000 davon mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und erwa 2 5 00 zum Offizier befördert worden sind. xa& alles spreche Bande. Weiter heiße es, der Jude fei am rufsiscyen Bolfchewrsnlus schuld, denn die Träger des Bolschewismus feien Juden. Soweit o-as letztere zutrifft, werden diese Juden von den anderen Glanden sgenoffen nicht! gedeckt; auf der anderen Seite stelle -öle Unrichtigkeit oleser Annahme schon dadurch sich heraus, 'daß gerade unter dem Bolfchewismus hundert tau fen-oe Juden in Rußlano fchw-er zu leiden haben. Man müsse stets streng unterscheiden zwischen Behandlung oes Judentums und Judentum. Der Redner ftr-erft dann kurz die lvlrtfchasltlchen Sorgen -des Judentums, deren Hauptergebnis die Bildung emer Berufsberatungsstelle sei, und geht dannüoer zunl Zionismus. Gegen reffen Programm hatte der Zentralverem, avgdfehen von emrgen Punkren, un. großen und ganzen nichts emzuwenden, bis .dann plötzlich das Wort „Volt ' und „national" oelm Zlonismus zum (Lchlagwort wuroe. Der Zentrawerelll teylle es ab, zu fagen, es gäbe ln Deutschland noch em jüdifches Von. Dlan Nlvge in Rußland, Rumänien und anoeren Oftlänoern von einem jüdlfchen Voll fprechen-, denn die dortigen Juoen flnd politifch, wlrtfchafrt-lch und gesellschaftlich von ihrer Umgebung vollflandlg abgefchloffen. anders o-agegen fei es in Deutfchland, dort feien die äsen l.n ihrer Umgevung aufgegangen. Wenn es heiße, me ^uden seien früher einmal hier emgewandert, fo müsse dem entgegengeyallen werden, daß sie oft länger in Deulschlano seien wie manche antifem-ilifcheli Kreide, ^eloir oer Schaffung emes fuoischen Staates wurden immer noch etwa 12 vis 18 Millionen Juden außerhalb dieses Staates wohnen. jet auch unmöglich, in der Frage der Zugeyöri,glert des indischen Volkes K-ompromifse zu schließen: eer Tramps muffe geführt werden lediglich t-ni Geifie der Verfvhntichteir und der Br Uder lichten. / - Dem Bortrage schloß sich noch eine ränge Aussprache an, bei der besonders Rechrsailivurr Dr. E r - i anger lehr scharf gegen den Zionismus antampfle. Ein anderer r-ceoner warnte davor, me Fühlung mit den Juden anderer Zander erwa zu verlieren, was durchs die Ablehnung des Wortes Voll feyr reich! paffieren ronnle. — Wre der Vorsitzende, Dr. Gal 1 inger, noch mitteilte, fei am Sonntag in Nürnberg ein Landesverband gegründet worden. 6. G. Bocholt t. W., 4. April. Am 11. d. M. feierte Herr Lehrer Jsaac Spi er' hier in geistiger und körperlicher Frische seinen 90. Geburtstag. Im Jahre 1829 .erblickte er hier das Licht der Weht. In seinen jüngeren Jahren, war er amtlich tätig in Beckum, BorgenM.ich> - Rees.7. Sinzig, Euskirchen und Muhrorr. .1806 folgte er dem Iiufe der israelitischen Gemeinde seiner Vaterstadt Bocholt. Im Jahre 1896 feierte die.hiesige Gemeinde unter warmer .Anteilnahme der ge samten.. Bu rger scha ft sein 50jährigetz Dienstjubiläum, womit er seine Tätigkeit als Lehrer' abschloß. Hunderte unter seiner Aufsicht für das Leben vorbereitete Schüler, die das Geschick nach allen.Richtungen hin verschlug und die es in den verschiedensten Berufsocrten Ju etwas gebracht haben, gedenken seiner.heute mit großer Dankbarkeit und Liebe. — Sein Interesse galt aber nicht nur seinen ihm anvertrauten.Schülern, sondern er wendete es auch ganz besonders denjenigen zu, die mit Glücksgütern nicht gesegnet waren. Im- Jahre.1894 gründete er in Gemeinschaft mit einigen Gesinnungsgenosten Bocholts, des Münsterlandes und des Niederrheins den Verein Esras-Kftusim,. der den Zweck verfolgte, den in ihren Verrnögensverhältnisten zurückgebliebenen Glaubensgenossen durch zinsfreie Darlehen und andere Wohltätigkeiten unter die Arme zu greifen. Viele Familien in weitem Umkreise., die feinem Eingreifen wieder geordnete Verhältnisse zu verdanken haben, sind ihm mit großer Dankbarkeit zugetan. Auf ein arbeitsreiches, mit großem Erfolg gekröntes Leben kann der Jubilar zurückblicken. Die allgemeine Achtung der hiesigen Bürgerschaft ist sein vornehmster Lohn. Auch heute noch bringt der rüstige Greis allen Tagesereignisten großes Interesse entgegen.- Wir wünschen dem Jubilar von ganzem Herzen, daß chm aus den trüben Wolken, die unser. Vaterland jetzt beschatten, noch mancher Sonnenstrahl zu lächeln möge. — Düsseldorf, 4. April. G eg e n w a r t u n d Z u k u ll f t Der den t s ch e n Juden behandelte Syndikus Dr. Wien e r aus Berlin in einem Vortrag, der von der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins -/inberufen war. Ter Redner behandelte ausführlich die Stelluugnahme vier einzelnen Parteien zum Judentum und betonte, daß, wenn -auch nach den Wahlen die antisemitische Bewegung etwas abgeftaut sei., die Juden doch für die nächsten Wahlen gegen die Bestrebungen der antisemitischen Verbände und Part eien gerüstet sem müßten. Bei seinen Ausführungen über den Jüdischen Kongreß, aus dem die .brennendsten jüdischen Fragen, wie z. B. die Trennung von Kirche und Skaait, die Demokratisierung der Synagögengemeindeu njtt>., behandelt werden sollen, berührte der Redner auch die Gegensätze zwischen dem Zenkralverein und den Zionisten. Für die deut-- fchen Juden müsse auch in Zukunft die Betonung ihres 'deutschen ^'raaksbürgerkum s Herzens sache sein . Bezüglich des jüdischen Zukunftsstaates sagte, Herr Wiener, daß diefe zi-on-ifdi-sche Hoffnung wohl an dem Judenhaß der Araber und der Christen -nr Palästina scheuern werde, Als Zutun ftsaufgaben des Zentra-lvereins nannte der Vortragende u. a.: Für sorge für jüdische Kriegsbeschädigte uno Förderung jüdischer Religion und Wissinschaft. An den Vortrag fchloß sich etne lebhafte Debatte. Schwkdrn. ' l. Stockholm, im März. Das hiesige Jüdische Preßbureau berichtet: In Buenos Aires, dessen Bevölkerung sich durch die Furcht vor dem Bolschewismus in gereizter Strmmung befindet, fand ein Judenpogrom statt. Soldaten ünd Indianer, unterstützt von Poltzisten, üversielen die jüdischen Viertel. Viele Juden wurden ermordet. Die Pogromszenen erinnerten an den Kifchinewer Pogrom. Die Exzesse dauerten drei Tage lang. Inder amerikantschelt Presse lesen wir mehrere Telegramme aus Buenos Aires. In einem Telegramm vom 23. Januar heißt es: Eiue judenfeindliche Hetze wird in mehreren süoamerikanifchen Städten betrieben. In Buenos Aires wurden Plakate angeschlagen, die die Aufschrift: „Nreder mit den Juden!" trugen. Der Jüdisch-natiönale Verein beantwortete diese Ausrufe mit einem an den Wänden ängeschlagenen Ausruf, an die Bevölkerung „im Namen der 160 000 Juden", des. Landes.. Durch, den Aufruf. wird sestgestellt, daß die Juden, seit den letzten Ereignissen (Generalstreik) von der „weißen Garde" verfolgt werden, und wird an das Volk von Argentinien und an die ausländischen Einwohner um „Gerechtigkeit gegen, diese ungerechten Verfolgungen appelliert". Heute war dieser Ausruf mit einem anderen typographisch ähnlichen bedeckt, der die russischen Juden...für die jüngsten Unruhen und ebenso für den ^„anarchistischen 'Äufstand"' von 1910 verantwortlich macht und die