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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-11 · Heft 15 (11.4.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 15 (11.4.1919)
Date
1919-04-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Regierung auffordert, „die Ration von der jüdischen Pest zu befreien". Eine judenfeindliche Bewegung ist auch in Montevideo im Gange, und Nachrichten aus Chile berichten gleichfalls über judenfeindliche Hetzen. Ein Buenos-Aireser Preß-Telegramm vom 25. Januar lautet: Mehrere jüdische Persönlichkeiten besuchten heute den Präsidenten (der Republik) Jrigoyen und protestierten - gWr die. Mißhandlung der Juden. Der Oberrabbiner sagte in ,(Ä Ansprache an den Präsidenten: „Während der jüngsten Unruhen "waren die Juden Opfer ungerechter Grausamkeiten und-unverzeihlicher Verfolgungen. Unter dem Verdacht, daß einige Russen sich unter den Agitatoren befinden, wurde die ganze jüdische Bevölkerung ohne Unterschied des Alters und des.Geschlechtes verfolgt und mißhandelt, ohne daß die mindeste Rücksicht auf Frauen, Kinder und Greise genommen worden wäre, wodurch eine feindliche Atmosphäre gegen die ganze jüdische Bevölkerung der Republik zurückgelassen wurde, in der wir neuen Angriffen und Repressalien in jedem Augenblicke und unter jedem Vorwände ausgesetzt sind." Der Rabbiner verlangte die Bestrafung der Schuldigen und appellierte um Gerechtigkeit für einen wichtigen Teil der Bevölkerung, der friedlich und arbeitsam ist und der immer zu dem moralischen und ökonomischen Fortschritt des Landes beigetragen hat. Er verlangte, daß spezielle Maßnahmen zum Schutze der Juden in den Provinzen, aus denen über Verfolgungen berichtet wird,. getroffen werden sollen. Das wurde vom Präsidenten versprochen. In den letzten zwei Tagen befaßte sich die Deputiertenkammer in ihren Sitzungen mit den jüngsten judenfeindlichen Ausschreitungen und verlangte von der Regierung eine Erklärung über die Vorfälle und über die Zahl der Opfer, sowie warum die Sache mit so viel Geheimnistuerei umgeben wird. Ferner meldet ein Londoner Telegramm vom 20. Februar: Eine Kommission der argentinischen Juden besuchte den Präsidenten und überreichte ihm eine Denkschrift, in der die judenfeindlichen Exzesse geschildert werden. Die Kommission verlangte Maßnahmen zur Verhinderung einer Wiederholung der Exzesse. Die Konferenz dauerte zwei Stunden. Der Präsident versprach, die Schuldigen der Strafe zuzuführen. Die argentinischen Juden richteten auch eine ausführliche Denkschrift an das Parlament- Der sozialistische Deputierte Bravo erhob scharfen Protest gegen die Exzesse und verlangte, daß die Regierung die Schuldigen, Beamte und Privatpersonen, der Strafe zuführt. Er stellte den Antrag, eine spezielle Kommission zur Untersuchung der Vorfälle ecnzusetzen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Die sozialistischen Mitglieder verlangten ferner, daß die jüdische Denkschrift dem offiziellen Parlamentsprotokoll einverleibt werden soll; dieser Antrag wurde angenommen. Die Juden haben ein Komitee zur Verteidigung, ihrer Interessen eingesetzt. Das Komitee hat auch den Auftrag, eine Hilfsaktion zugunsten der vom Pogrom Betroffenen durchzuführen. Der Juden Argentiniens hat sich eine, Stimmung der Verzweiflung bemächtigt. Viele bereiten sich zur Auswanderung vor. . . Von Ilsh und Fern. — Zum Nachfolger von Professor Ludwig Geiger in dem Extraordinariat für neuere deutsche Literaturgeschichte' an der Universität Berlin ist Professor Tr. Max Herrmann, Privatdozent daselbst, ernannt. — Geheimrat Professor. Dr. Masse, der kürzlich sein Amt als unbesoldeter Berliner Stadtrat niedergelegt hat, ist zum Stadtältesten ernannt worden. — Der Jüdische Sportverein „Die Kameraden" wurde nicht, wie wir aus Grund des uns zugegangenen Berichtes in Nr. 13 mitgeteilt haben, von einem Ausschuß mehrerer Vereine, sondern von privater Seite ins Leben gerufen. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sowie die Studentenvereinigung „Hevellia" und der Jüdisch-liberale Jugendverein unterstützen den neuen Verein; die Studentenverbindungen im K. C. sind ihm geschlossen beigetreten. Der Verein hat. bereits über 200 Mitglieder. — Im Altar von 44 Jahren ist am 6. d. M. der Chemiker Professor Dr. Franz Sachs gestorben. — Am 6. d. M. ist nach kurzer Krankheit Herr Martin Les per im 63. Lebensjahr gestorben. Der. Dahingeschiedene, ein Schwager des ihm im Tode vorangegangenen Geheimen Sanitätsrats Dr. Blumenthal, stand seit vielen Jahren im Ehrendienst der Jüdischen Gemeinde und bekundete stets lebhaftes Interesse für jüdische Angelegenheiten. — Aus Posen wird uns geschrieben: Als Sachverständiger für die Friedensverhandlungen Ist seitens der Deutschen zur Teilnahme an der Friedenskonferenz auch Herr Generaldirektor Dr. P ietrkowski Don hier ernannt worden — Dem Jüdischen Volkßrat in Posen gehören außer einer Anzahl bört, I Vereinigungen, der Stadt Posen 47 Synagogengemeinden der Provinz Posen korporativ an. Aus den verschiedensten Gebieten konnke .der .VoLksrak.eine-.ers'pri'eHliche Tätigkeit entfalten, so insbesyndere äpü) in der Frage der Behandlung der Geiseln. In der Frage der Stadtverordnetenwahlen hat sich der Jüdische Volksrat zur Aufstellung einer eigenen Kandidatenliste entschlossen, weil er.seine Neutralität bewahren und seinen Mitgliedern nicht zumuten wolle, einer' Liste, die zu einem Viertel deutschnationäle Kandidaten aufweist, die Stimme zu geben. — Rabbiner Dr. Kopfstein in Beuthen (Oberschlesien) wurde von der preußischen Regierung zum Sachverständigen für die jüdischen Fragen Oberschlestens bei den Vorberatungen für die Friedensverhandlungen ernannt und demgemäß eingel-aden, den in Berlin stattfindenden Sitzungen beizuwohnen. -- Der Israelitische Frauenverein in Stettin hat seine Stellenvermittlung in erweiterter Form unter Vorsitz von Frau Justizrat L u r j e als Abteilung für Berufsberatung und Stellenvermittlung des Israelitischen Frauenvereins Stettin ausgenommen. — Der Sekretär der Synagogengemeinde Hannover, Herr Jakob H offmann, beging am 20. März seinen 80. Geburtstag. Hofsmann versieht sein Amt noch in vollem Umfange. — Die Gr ün d u n g e iner' jü di schen B o l k sh o chs ch u l e in Köln ist von der dortigen Reprasenrantenversammlung in ihrer letzten Sitzung beschlossen worden. Das Institut soll nach dem Muster der Freien Jüdischen Volksschule in Berlin ausgebaut werden. — „The Zewish Expreß" meldet: Bekanntlich befindet sich der größte Teil des Antwerpener Diamantenhandels in der Hand osteuropäischer Juden, die nach Kriegsausbruch nach Holland geflüchtet sind. Der Bürgermeister'von Antwerpen versuchte letzthin verschiedentlich diese Juden zur Rückkehr nach Belgien zu bewegen. Als Vorbedingung ihrer Rückkehr verlangen diese aufrechten Juden, daß man sie als jüdische Bürger anerkenne, denn sie wollen nicht mehr Russen, Polen oder Oesterreicher bleiben. Die' belgische Regierung hat ihren Wunsch zu erfüllen versprochen, woraufhin mehrere hundert Juden aus Holland zurückgekehrt sind. — Nach einer genauen Statistik des „Manchester Guardian" forderte der Weltkrieg i/,5 Millionen Tote. Diese Ziffer umfaßt noch nicht einmal sämtliche Opfer, die indirekt aus den Krieg zurückzuführen sind. Der Verlust der Entente beträgt 5>5 Millionen, der der Mittelmächte 2,9 Millionen Tote. 4 Millionen Armenier, Syrier, Griechen und Juden wurden ermordet. 1 Million Serben wurde getötet oider ist verhungert. Lurch den U-Boot-Krieg verloren 7500 Neutrale das Leben. — Die Zeitung „Israel" in Rom meldet den Tod des Rabbiners Musci S e r u s \ i, Oberrabbiner von Tripolitanien, im Alter von 98 Jahren. — Der bekannte Ingenieur Agronom Frei in a n n, der die landwirtschaftliche Schule der Pariser Jka unweit Saroki in Betzarabien geleitet hat, wurde ohne jeden Grund von rumänischen Offizieren erschossen. In demselben Ort haben rumänische Offiziere oen Juden Leid Trochantz grausam erschlagen. Der Leichnam wurde erst nach einigen Tagen zur Beerdigung sreigegeben. — Das litauische Ministerium hat die leitende Stelle un Unterrichtsministerium für oas Mdische Schulwesen dem bisherigen Oberlehrer am hebräischen Gymnasium in Kowno, Herrn Dr.. Leo D e u t s ch l ä n d e i, der seit Jahren im Schuldienst im Osten, in Bjalystock, Kowno und Wilna tätig ljl, üverrragen. — Die jüdischen Zeitungen Polens berichten von neuen furchwaren Judenpogromen in Kalifcy, Pust, Wielun uno anoereu irrten. Jüdische Geschäfte und Häuser wuroen geplündert und zer- ,u»a. Eine große Anzahl von Menschen würoe oerwunoer. Bollsnnnz nno Militär verhielten sich zum.Teil untätig, zum Teil unterstützten sw 'das Pogromg^stnoel. — Im Aufträge des Berel mgten jüdischen HUfSwmitees in Lemoerg wellt jeu tui^er Jeir in Skandinavien der Lernberger Rechtsanwalt a s ch i tz. Herr Dr. Waschrtz har zur Aufgabe, die HUfsaknon zugunsten der Pogromopfer zu fördern. Herr Dr. Waschltz, der ö'uden prominenten Führern des gülizischen Judentums gehört, lvar selbst Augenzeuge des Lemberger Pogroms und besitzt viel authentisches Material. Er war bereits m Kopenhagen, wo er sich mit dem Jüoischen Zentralhilsstomitee Skandinaviens Und der dortigen jüdischen Gemeinde über die Hilfsaktion verständigt har. Bon Stockholm reist Dr. Waschitz nach Finnland und dann mit dem gleichen Aufträge nach New Aork. Verantwortlicher Redakteur: Albert Äatz in Berliu-Pmrkow, Florastraße 88. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neuk'öUn. Druck und Verlas von Rudolf Moste.

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