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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-11 · Heft 15 (11.4.1919) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 15 (11.4.1919)
Date
1919-04-11
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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154 .Hie kommt nicht, es schien dir nur so", entgegnete er der Balabusta, indem er sich wieder auf'den Stuhl niederließ. Sehr müde legte er seine Arme auf den Tisch und darauf sein b^en-rendes Haupt. Bei der Sonnenwärme des Frühlings, welche den Sumpf umpfing, packte eine angenehme' Mattigkeit die Nerven des Menschen, und die Gedanken begannen sich zu verwirren, ließen stufenweise die Formen und Farben, der Vorstellungen verschwinden. Gheorghe . . . Osternacht . . . Diebe . . . Jasiy ... Eine Kneipe in der Mitte des Marktes. . . Ein lustiger, gut gehender Laden . . . Gesundheit ... Er sckuie laut aus ... . . . Sara hat sich mit dem Kinde schon lange vom Hause entfernt. Leiba trat aus der Ladentür, um auf ihrem Wege nachzusehen. In der großen Straße ist eine lebhafte Bewegung, ein unUnterbrvckienes Rauscken von Rädern, begleitet von den rhythmischen Schlägen der Hufeisen auf dem glatten Asphalt. Plötzlich stockte die Bewegung und man sah von dem EovouZ her eine Menge Menschen kommen, gistikulierend und deftig schreiend. Die Menge schien jemanden zu begleiten: Militär, eine Wache und allerlei Leute. An allen Ladentüren drängten sich neuaierige Zuschauer.; Ab! denkt Leiba. man hat wieder einen Dieb gefaßt! Der Zug näherte sich. Sara riß sich aus der Menge los und stieg die Stufen der Kneipe hinauf, um sich neben Leiba zu stellen. „Was gibt's, Sara?"> fragte er. „Es. ist ein aus dem. Irrenhaus entflohener Verrückter." „Laß uns den Laden schließen, damit er nicht auf uns stößt. Er ist jetzt gefesselt, doch vorhin befreite er sich. Er hat sich mit Soldaten berumgeschlagen. Ein Jude, den ein boshafter Goi aus der Menge aus den Verrückten stieß, wurde von ihm ins Gesicht gebissen." Leiba sah alles von den Stuten aus: eine Stufe tiefer stand Sara .mit dem Kinde auf dem Arm und beobachtete ebenfalls. Es war tatsächlich ein wütender Verrückter, welcher an jeder Seite von zwei Männern gehalten wurde, die Fäuste durch einen starken Riemen übereinander festg-ebunden. Es war ein Mann von riesenhafter Gestalt: ein Kopf, gleich dem eines Stieres, dichtes, schwarzes Haar, der Bart spröde und verwirrt. Durch das Hemd, welches bei der Schlägerei zerrissen wurde, iah man eine breite Brust, gleichfalls bedeckt mit dichtem Haar. Er war barfuß, der Mund voll Blut, und fortwährend spuckte er Haare aus, die er mit den Zähnen aus dem Barte des Juden herauSgerissen hatte. ' Plötzlich blieb alles stehen. . . Warum wohl? Die Gendarmen befreiten die Hände des Verrückten. Die Menge, trat zur Seite, ihm Platz zu schaffen. Der Verrückte, überblickte das. Ganze und richtete seine Augen brennend auf die Tür des Zibyl, knirschte mit den Zähnen, eilte gerade die drei Stufen hinauf, und im Augenblick, in dem er mit der rechten Hand den Kopf des Kindes, mit der linken den der Sara 'faßte,' warf er die beiden so stark gegeneinander, daß sie wie weiche Eier eingedrückt wurden. Ein Geräusch, ein Gekreische, welches mit nichts verglichen werden kann, hörte man bei dem Zusammentreffen jener beiden Köpfe. Leiba, mit: einer Herzbeklemmung, wie ein Mensch, der von einer undenkbaren Höhe.fällt,, wollte schreien: „Eine ganze Welt läßt.mich absichtlich die Beute eines Verrückten werden!" Doch seine Stimme unterwarf sich seinem Willen nicht. „Erhebe dich, Jude!" rief jemand aus, indem er mit einer Rute heftig auf den Tisch schlug. „--Ein dummer ’ Spaß!" sagte Sara von der Schwelle des Wirtshauses, „einen Menschen so aus dem Schlaf 3" schrecken, dummer Bauer!" . . ,. 6) Eine Vorstadt von Jassy. . Leiba sprang auf. „Hast dich erschrocken, Jude?" fragte lächelnd der Spaß», inacher. „Schläfst am Nachmittag, ei, ei! --- — Steh äuf, es kommen Kunden . . . Die Posckutsche ist bereits da!" Nach seiner dummen Gewohnheit, welche den Juden immer reizte, wollte er Zibal in dem Arm nehmen, um ihn zu kitzeln. „Laß mich in- Ruhe!" ries der Wirt aus, der sich losgerisien und ihn mit . aller Kraft zurückgedrängt hatte. - „Siehst du nicht, daß ich krank bin? -Laß mich in Ruhe!" — Endlich kam die Postkutsche mit -einer Verspätung von ungefähr drei Stunden an. Es kamen zwei Reisende, welche sich mit dem Kutscher, der von ihnen eingeladen war, an den Tisch setzten. Aus dem Gespräch der Reisenden konnte man folgendes entnehmen: In einem jüdischen Gasthos. wo sie übernachteten, ereignete sich in der Nacht ein Unglück mit tödlichem Ausgang. Per getötete Wirt trieb auch Tausch mit Postpserden Die Drehe stahlen diese, und bis man im Dorfe andere finden konnte, besichtigten die neugierigen Reisenden ungehindert den Schänvlatz des Verbrechens. Fünf Opfer und die Einzelheiten!- Hätte man das Haus nicht ausgeplündert vorgesuvden. Wo hätte man geglaubt, daß es eine erbitterte Rache oder die Tat religiöser Verrücktheit war. .In den Anekdoten schlauer Fanatiker werden Ereignisse solcher albernen Grausamkeiten erzählt. . Leiba zitterte, von einem heftigen Fieberanfall getroffen, und hörte unruhig zu. Darauf folgte etwas, was sicherlich den Kutscher ehren mußte. Die jungen Reisenden, zwei Studenten, einer der Philosophie, der andere der Medizin, gingen in ihre Geburtssta-dt, sich zu amüsieren. Unter ihnen entstand eine längere akademische Debatte über das Verbrechen und seine Ursachen: und wenn wir gerecht sein wollen, so war der Mediziner besser vorbereitet als der Philosoph. Atavismus ... Der Alkohol mit den pathologischen Folgen . . . Vererb ungstheorie . . . Die MMildung ... der Paludismus . . . Dann die Nervenkrankheit! . . . Soundso viele Eroberungen der modernen Wissenschaft . . . Und der Rückfall! Darwin ... Haeckel. . . Lombroso ... Beim „Rückfall" machte der Schaffner große Augen, in welchen tiefe Bewunderung für die eroberte moderne Wisienschaft strahlte. „Es ist deutlich", fügte der Mediziner hinzu, „denn der Verbrecher, als Typus betrachtet, hat übermäßig lange Arme, während die Füße zu kurz sind, die Stirn schmal und abgeplattet und das Hinterhaupt sehr entwickelt ist. Seine Art ist von einer charakteristischen Rauh- und Roheit, in die Augen fallend; es ist ein unentwickelter Mensch, besser gesagt, er gleicht einem Raubtier, welchem es kaum gelungen, nur auf den hinteren Pfoten zu stehen und den Kopf zum Himmel, dem Licht entgegen zu erheben." Bei einem Alter von 20 Jahren, nach so viel Aufregung, nach einer guten- Bewirtung mit so einem gut gepflegten und gut erhaltenen Weine wie der des Zibal wirkt ein Satz mit lyrischer Schattierung, sei er auch seitens eines Mediziners, gut. 'Der junge Schwärmer, zwischen Darwin und Lombroso, fand auch Zeit, ein wenig Schopenhauer zii zitieren: „zum Himmel, zum Licht entgegen!" . Zibal hat die glänzende Theorie-gar nicht verstanden. .-> Vielleicht haben sich zum ersten- Male solche gelehrten Worte, solche edle, feine Gedanken in der feuchten Atmosphäre Podenis abgerollt. Aber was Leiba am besten, bester sogar als bei Vortragende selbst verstanden hat, war die auffallende' Erläuterung. der

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