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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-11 · Heft 15 (11.4.1919) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 15 (11.4.1919)
Date
1919-04-11
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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Theorie: den „Rückfall" kannte er zur Genüge; es war das Mld des Gheorghe. Dieses Bild, welches bis vorhin nur die wesentlichen Züge behalten hatte, erweckte jetzt im Geiste eine vortreffliche Klarf>ett bis in die unbedeutenden Details. — Die Postkutsche war weit entfernt. Leiba begleitete dieselbe mit den'Blicken, bis sie links um ine Ecke hinter' dem Berge verschwand. Die Sonne.senkte sich, und der hereinbrechende Abend begann die Umrisse des Tales von Podeni zu verdüstern. Der Gastwirt, verstimmt durch die Ereignisse des Tages, begann über alles, was er gehört hatte, nachzudenken . . . ... In stiller Nacht, in der Dunkelheit verloren, werden ein Mann, zwei Frauen^M» zwei schwache Kinder unerwartet aus den Armen des wohltuenden Schlafes durch die Hand des Raubtieres in menschlicher Gestalt losgerissen und geopfert eins nach dem anderen . . . Das verzweifelte Gesckirei des Kindes, verursacht durch den Seitenhieb, welcher Hm den Bauch aufaeschlitzt hat, verstummte allmählich. Durch die Oeffnung des Halses, der durch die Axt zerschlagen worden war, kam bei jedem Gegurgel von Blut ein dumpfes Schnarchen heraus . . . und das letzte Opfer, welches in einer Ecke zusammengekauert lag. wohnte diesem allen bei, seines Schicksals harrend . . . Der Prozeß ist weit schlimmer als die Hinrichtung. der Jude ohne Schutz in den Händen der Goim . . . die Panzer zu schwach für die ungeheuren Hände des Verrückten von vorhin. Die Lippen Leibas brannten vom Fieber, folgten zitternd, mechanisch den Gedanken. Ein heftiger Schüttelfrost packte ihn. schleppenden Schrittes ging er den Gang des Gasthauses entlang. Ohne Zweifel — denkt Sara — Leiba ist unwohl, er ist sehr krank; Leiba hat „Ideen im Kopf" . . . denn was für eine Bedeutung kann' dies alles haben, was er seit einigen Tagen angibt und hauptsächlich heute? Den Laden hat er vor Anbrennon der Kerzen geschlossen, gerade als der Schabbes zu Ende war. Dreimal hatten die Kunden au der Tür geklopft, mit bekannten Stimmen ihm zurufend, ihnen die Ladentür zu öffnen. Bei jedem Pochen zuckte er zusammen und hielt Sara zurück, indem er ihr erschrocken zuflüsterte: „Bewege dich nicht ... ich will nicht, daß Goim hereinkommen." Er. ging dann in den Gang und begann auf dem Stein der Schwelle die Axt zum Holzhacken zu schleifen. Er bebte, daß er kaum stehen konnte, und wollte sich nicht zur Ruhe begeben. Besorgniserregender als all dies war aber, daß Leiba auf ihre bittenden Fragen streng antwortete und sie schlafen schickte, indem er ihr befahl, das Licht unbedingt auszumachen. Vorläufig hatte sie es getan; denn er sprach den Befehl so kurz aus, daß sie trotz ihres Kummers sich fügen müßte, die Erklärung dieser Umstände auf später verschiebend. Sara hatte die Lampe ausgelöscht und war schlafen gegangen und ruhte nun neben Strul. Die Frau hatte recht, Leiba war wirklich krank. — Es ist dunkle Nacht, Zibal saß schon lange auf der Schwelle, die in den Gang führte, und horchte . . . Was? Unbestimmte Geräusche ließen sich aus der' Ferne vernehmen .. . als wären es Pferdegetrampel, dumpfes Klopfen, Rammblvcke, geheimnisvolle und aufgeregte Unterredungen. Eine hochgespannte Aufmerksamkeil schält den Hörstrm in der Einsamkeit der Nacht: Wenn das Auge entwaffnet .und unfähig ist, scheint das. Gehör den Kampf auch zu sehen. Aber es ist keine Täuschung . .... Auf dem Wege, der von der Chaussee hierher führte, ließen, sich Pferdetritte vernehmen. Zibal erhob sich und wollte sich nach dem großen Tor des Ganges begeben. Das Torwar. mit. einem starken. Balken auerdurch fest verschlossen, und dessen Enden befanden sich im Mauerwerk. Beim ersten Schritte machte der zermalmte Sand unter seinem Pantoffel ein indiskretes Geknister.' Zibal legte die Pantoffel ab und blieb in Strümpfen ... und begab sich so ohne nennenswertes Geräusch, von einem guten Gehör begleitet, nach dem Tor, gerade als Ae Reiter vorbeitrabten. Sie sprachen ganz leise, jedoch so, daß Leiba die folgenden Worte noch fassen konnte: „Er ist früh aufgestanden ..." „Und wenn er schon wog ist?" „So wird er ein andermal an die Reihe kommen ... Aber ich hätte gern gehabt ..." Man konnte nichts mehr verstehen; .die Reiter hatten sich' zu weit entfernt. Und von wem war die Rede? . . . Wer sollte schlafen, oder weggegangen sein? . . . Wer sollte ein andermal an die Reihe kommen? ... Wer war jener, der etwas anderes gehabt hätte ... Und was wollte er anderes? . .... Und was suchten diese auf diesem Wege — ein Weg, auf welchem nur solche gehen, die in den Gasthof einkehren wollen? Eine erdrückende Müdigkeit bemächtigte sich Zibals. „Ob es wohl Gheorghe war?" Leiba merkte, daß seine Kräfte ihn verließen, er setzte sich deshalb zurück auf die Schwelle. Unter seinen zerrütteten Gedanken, die seinen Schädel durchliefen, konnte er nicht einen klaren Gedanken,-einen soften Entschluß fassen . . . Mechanisch begab er sich in den Laden und steckte eine kleine Petroleumlampe an. Es war nur ein Scknmmer von Licht, der Docht war so niedrig heruntergeschraubt, daß die Flamme im Innern der Messingkapsel versteckt blieb; nur dank der Maschine erschienen ringsherum vertikale, ganz feine Strahlen eines Lichtes, welcke man fast tot nennen könnte . . . Aber es reichte, um in die bekannten Winkel des Ladens sehen zu können. Der Unterschied zwischen der Sonn e und dem kleinsten Funken ist bedeutend kleiner als zwischen diesem und der tiefsten Dunkelheit. Die Uhr tickte an -der. Wand. Dieses monotone Geräusch ärgerte Zibal sehr. Er faßte das gleichmäßig schwingende Uhrpendel und hemmte seine Bewegungen. (Schluß folgt.) KrllaKnaätt von S. A s ch n e r. n dec Nacht, da. wurden viele Wunder einstmals kund. Wir hörend und glauben Prophetenmund. Da zog Abrcchamzum Siege glorreich aus. Und Laban zagte im nächtlichen Graus. Jakob rang mit dem Engel so schwer. Und Miwasims Erstgeburt — war nicht mehr. Sanheribs Scharen würgte Gottes Schwert. Dem holden Mann Daniel ward ein Sehertraum beschert. Belsazar leerte den heil'gen Pokal, Da war schon die Rache bei ihm in dem Saal. Haman schrieb Briefe voller Haß und Neid, Er schrieb sich den Tod zu nächtlicher Zeit. Wann wird unsres Leids schwere Nacht vergehn? Wir harren und hoffen. Werden wir den Morgen sehn? Den Morgen, da der Wächter ruft mit langem Freudenschrei: Unser Morgen naht. Die lange Nacht ist vorbei. Unsre Sonne, dort steigt sie jugendfrisch und morgenschön d«ll lachend herauf, umbraust von Posaunengetön. Wie blinkt ihr Schild, ihr Helm, ihre blitzende Königswehr! Die Lüfte stammen, aufjauchzt das alte Meer. Stürmende Lust bebend durchzuckt den leuchtenden Erdenrund. Wahrlich, viele Wunder machst du deinen Kindern heute kund.

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