Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiederverkäufer, Kleinhändler, Makler, öfter weniger ehrenvolle Beschäftigungen, Trödler, dann Schneider und Fleckenreiniger in einer einsamen Straße von Jassy — nichts ließ er unversucht, nachdem er infolge eines Zwischenfalls die Stelle als Handlungsgehilfe in einem großen Weingeschäft verloren hatte. Zwei Träger ließen unter der Aussicht des jungen Zibal ein Faß in den WeinkEIc hinulnterrollen. Ein Mißverständnis entstand unter ihnen beim Teilen ihres Lohnes. Einer von ihnen griff zu einem Holzknebel und schlug, seinen Gefährten so stark auf den Kopf, daß er ohnmächtig und blutüberströmt zur Erde fiel. Bei dieser Greueltat schrie der Junge laut auf; der elende Kerl aber beeilte sich, aus dem Hofe zu entfliehen, und erhob noch die Hand gegen den Jungen . . . Zibal siel vor Schreck ohnmächtig um- Als er nach einigen Monaten sein Bettlager verlassen konnte und sich zum Wirt begab, war die Stelle schon besetzt. . Da erst fing der Lebenskampf an, welcher durch die Heirat mit Sara erschwert wurde. Geduld und Ausdauer ermatten auch das tückische Schicksal. Saras Bruder starb, und so blieb sein Gasthaus dem Zibal, der es auf seine Rechnung weiterführte. Hier befindet er sich seit fünf Jahren. Er hat sich ein schönes Vermögen in Geld sowie in gutgepflegten Weinen, eine Ware, welche ständig wertvoll ist, zurückgelegt. Aus der Armut ist Leiba befreit, aber alle sind krank, er, seine Frau und das Kind — Sumpffieber. Und die Leute in Podeni sind schlecht und zanksüchtig . . . Schimpfwörter . . . Verhöhnungen . . . Flüche - . . Anklagen wegen Vergiftung mit Vitriol . . . und dann die Drohungent Drohungen find für eine leicht bewegliche Seele, schlimmer als Schläge. Was den Leiba noch mehr als der Fieberschauer auält, find die Drohungen. Ah, elender Goih! ldenkt er seufzend. Dieser Elende ist der Freund Gheorghe3) — wo er wohl sein mag! — Ein Mann, mit dem Zibal einen sehr unangenehmen Streit hatte. Eines Herbstmorgens kam Gheorghe ins Gasthaus, müde vom Wege — seiner Aussage nach vom Krankenhause —, und suchte nach Arbeit. Der Gastwirt nahm ihn in Dienst- Aber Gheorghe schien ein roher und sehr unfreundlicher Mensch zu iein . - . schalt fortwährend und brummte im Hofe vor sich her. Er war ein schlechter Diener, faul und frech . - . und stahl. Eines Tages drohte er, die schwangere Balabustah in dm Leib zu stoßen, da sie ihn gerechterweise ausschimpfte. Ein andermal hetzte er einen Hund auf den kleinen Strulh. Leiba rechnete mit ihm ab und entließ ihn- Aber Gheorghe wollte nicht gehen; er behauptete mit Heftigkeit, daß er auf ein Jahr angestellt sei. Darauf sagte ihm der Gastwirt, daß er nach dem Gemeindeamt ginge, Wächter zu holen, um ihn zü entfernen. Gheorghe steckte schnell die Hand in den Busen, schrie „Jude!" und wollte sich auf den Gastwirt stürzen. Glücklicherweise kam gerade ein großer Wagen besetzt mit Kunden an. Gheorghe begann zu grinsen, indem er sagte: „Worüber hast du dich erschrocken; gnädiger Herr Leiba? Siehst du, ich gehe!", und indem er sich grausam so weit als möglich über den Ladentisch zu Leiba, der zurücktrat, hinüberlehnte, flüsterte er ihm folgendes zu: „Du sollst mich in der Osternacht erwarten, wir werden zusammen rote Eier picken — Meister, du sollst es wissen, daß auch ich dir die Rechnung gewacht habe!" -) Christ. 3) Gheorghe (rumänischer Vorname). ') Judenfrau (Spottname). *) Israel. Darauf betraten die Gäste den Laden. „Aus gesundes Wiedersehxn, bei der Auferstehung, gnädiger Herr Leiba", fügte Gheorghe, indem er sich enffernte, -hinzu- — Leiba begab sich nach dem Gemeindeamt, darauf zum Unterpräsekten, den Täter anzuzeigeu; gleichzeitig bat er. bewacht zu werden- Der Unterpräfekt, ein sehr lustiger Jüngling, empfing das von Leiba gebrachte Geschenk sehr „gnädig", aber darauf sing er. an, üper den feigen Juden zu lachen, und schimpfte ihn aus. Leiba bemühte sich eifrig, ihm den schweren Stand der Lage klarzulegen, wie weit der Gasthof vom Dorfe und sogar von der Chausiee entfernt sei. Aber der Unterpräfekt riet ihm in etwas strengerem Tone, vernünftig zu sein und ja nicht noch etwas davon zu erwähnen, damit er nicht in einem Dorfe, wo die Leute schlecht und arm sind, eine Uebertretungslust in Wirklichkeit erwecke. — Einige Tage später wurde Gheorghe von einem Amtmann und zwei Reitern gesucht: er war eines Ueberfalles verdächtigt. Wie gut wäre es gewesen, wenn Leiba ihn noch bis zur Ankunft dieser Manschen in Stellung behalten hätte! . Aber jetzt, wer wußte, wo Gheorghe sein konnte? Obwohl dieses sich vor längerer Zeit ereignet hatte, wiederholten sich im Gedächtnis des fieberkranken Menschen die Eindrücke der Figur Gheorghes, seine Bewegungen, als wollte er etwas aus dem Busen holen, und dann der drohenden Worte immer wieder. Wie erklärte sich jene Drohung so klar? — Es war Ostersonnabend. In dem Dorfe, das ungefähr zwei Kilometer entfernt zwischen Teichen und Sümpfen oben auf dem Hügel lag, hörte man die Kirchenglocken läuten . . . Und das hört sich sonderbar an. wenn man Fieber hat: bald sehr laut, bald sehr leise, bald gar nicht . . . Die darauffolgende Nacht war die Osternacht! Die Verfallzeit von Gheorghes Versprechen. „Vielleicht -haben sie ihn schon verhaftet." ... . Allenfalls. — Zibal bleibt ja dock nur noch bis zum nächsten Zahlungstermin in Podeni. Mt seinem Kapital kann man schon einen ganz hübschen Handel in Jassy betreiben... Auf dem Markt. . . Leiba wird gesund sein . . . und wird ja in der Nähe der Polizei wohnen können ... Er wird dem Polizeileutnant, dem Wachtmeister und dem Schutzmann spendieren können — wer gut bezahlt, wird gut -bewacht. In einer so großen Stadt ist in der Nacht Geräusch und Licht und nickt so dunkel und totenstill wie in dem einsamen Podeni. Es ist ein Gasthof in Jassy — dort in der Ecke, welch guter Ort für ein Geschäft! —, ein Gasthof, wo die Weiber die ganze Nacht hindurch im Ca!« chantant singen. Welches geräuschvolle, freudige Leben! Dort findet man zü jeder Stunde, ganz gleich, ob am Tage oder in -der Nacht, den Herrn Polizeileutnant mit Damen und Lebemännern. Was braucht man sich noch mehr Gedanken zu machen, wo überhaupt, seitdem die Eisenbahn die Sümpfe in weitem Bogen umkreist, hier das Geschäft immer mehr zurückgeht?... .Leiba," rief Sara aus dem Zimmer, „die Postkuffche kommt an, man hört schon die-Schellen!" Das Tal von Podeni ist ein von allen vier Seiten durch waldige Hügel eingeschloffener Kessel. In der Südseite, welche etwas tiefer liegt, sammeln sich aus den Quellen, die von den Hügeln -entspringen, tiefe Sümpfe, aus denen dichte Gebüsche mit dichtem Riedgras emporsteigen. In der Mitte des Tales, Mischen der morastigen und der erhöhten Seite, befindet sich Leihas Gasthof; es ist ein altes, gesundes, aus Stein gebautes Haus, gleich einem kleinen Schloß; trotz des sumpfigen Bodens sind die Wände und die Weinkeller des Gasthofes sehr trocken. Als Leiba Saras Stimme hörte,°erhob er sich mühsam vom Stuhh streckte müde seine Arme aus und suchte weit am Horizont nach. Osten hin; aber keine Postkutsche war zu erblicken.