Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229405--74786-3287256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
14? —' h e i m, den langjährkg^n Vertreter -der zionistischen Organisation in Konftantinopel. Ich ,mpchte im übrigen, von vornherein betonen, daß. die deutsche Regierung sich zur Bevufung eines -jüdischen Sachverständigen und zur aktiven Teilnahme an den Besprechungen des internationalen.jüdisehen Problems, trotzdem für 'die 600 (M) deutschen Juden eim eigentliche nationale Frage Nicht' wie in 'den 'Wadern jüdischer MchsensiMung existiert, nicht' nur 'deshalb entschlossen hat, weil, die maßgebenden englisch-amerikanischen ' Kreise großen Wert auf die Lösung der jüdischen Frage in einem Sinne legen, der den in der jüdischen Kongreßbewegung der verfchiedenen Länder an den letzten Knegsjahren einheitlich zum Ausdruck gekommenen'Programmpunkten'der jüdisch entspricht. Vielmehr herrscht in der Reichsregierung die UeberZeugung vor, daß das neue Deutschland dort nicht fehlen darf,., wo durch Zufamnienwirken der Mächte zuur erstenmal der Versuch gemacht wird, das tragische Geschick eines alten, von unendlichen Leiden l)eimgesuchten Knlknrvolketz so zu wenden, wie es. der historischen.. Gerechtigkeit, , den elementaren - Lebensbedürfnissen dieses Volkes und nicht zuletzt auch den Interessen der Länder entspricht, in denen Juden in größeren Mengen wohnen. Was zunächst die Stellung zu einem jüdischen Palästina betrifft, so.', hat, . nachdem, schon im vorigen Frühjahr Freiherr .von dem Bussche-Haddenhausen im Namen des Auswärtigen Amtes, allerdings mit 'der damals gebotenen Rücksichtnahme auf die türkischen Interessen, das palästinensische jüdische Kolonisationswerk der Sympathien der' deutschen Regierung versichert hatte, auch die neue Regierung keinen Zweifel darüber entstehen lassen, daß sie in der Besiedlung des menschenarmen Landes durch Juden, die es einer neuen wirtschaftlichen Blüte entgegensühren können und dabei in der Lage sind, ihre Eigenkultur wieder zu entwickeln, ein Ziel sieht, das den deut-. schon Interessen in keiner. Hinsicht zuwiderläust. Ich halte es für selbstverständlich, daß.es in dem jüdischen Palästina keine Einlvanderungsb-eschrüntungen für deutsche Juden geben wird, denn den . jüdischen Interessen wird nur dann wirklich gedient sein, wenn die in Palästina erstrebte geistige und nationale Zentrale auch in der Tat. von der gesamten Judenheit in unge stör Lern Zusannnenwirlen - ausgebaut werden darf und so keine innere Spaltung in sie hineingetrügen wird. Für die bürgerliche Gleichberechtigung 'der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt wird sich die deutsche Republik uneingeschränkt einsetzen können. Es erscheint , mir auch zweckmäßig, die von jüdischer Seite .erhobene Forderung zu verfechten, daß der Völkerbund, der ja wahrscheinlich in die Verfassungsgesetze der einzelnen. Staaten, die . hier in Betracht komnren, zweckentsprechende Bestimmungen zur Sicherung der jüdischen Minoritätsrechte emsügen wird, auch eine internationale Kommission einsetzt, die darüber wachen wird, daß diese Bestimmungen nicht wie vordem in Rumänien auf dem Papier stehen bleiben. Mit der In te rnati onalister ung der Indens rage durch den Völkerbund und die generelle Festlegung der jüdischen Rechte in den Ländern jüdischer Mastensiedlung und überall dort, wo sie von der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung verlangt werden, würde auch der Einwand gegen die Tätigkeit dieser Kommission entfallen, den > früher Rußland «und Rumänien erhoben, wenn bei ihnen von anderen Mächten interveniert wurde. Denn dann kann es sich der. Natur der Sache nach um ein nicht autorisiertes Eingreifen einer sremdrn Macht in die inneren Verhältnisse eines anderen Landes nicht mehr handeln. Auf die Frage, was im einzelnen unter den nationalen Rechten der Juden in den einzelnen Ländern zu verstehen sei, erwiderte Herr Struck, daß es sich in den Ländern jüdischer Massensiedbung um eine : nationale Autonomie handeln müsse, wie sie nationale Minoritäten . als Anwendung des Grundsatzes der Selbstbestimmung auf Basis der von dem deutschösterreichischen Staatskanzler Renner ansgestellten Leitsätze beanspruchen. Dieses Prinzip würde ssir Länder , wie Litauen und die Ukraine (in denen es zum Teil schon verwirklicht ist), Ostgalizien und Großrußland entsprechend den Forderungen der dortigen Judenschaft durchzuführen sein. Für andere. Länder, wie Polen, Tfchecho-slowakien und Ingos,lowakien, würde voraussichtlich die kulturelle Autonomie in Betracht kommen, die unter allgemeiner . Staatsausstcht u. a. die Freiheit für das Erziehnngswesen, eigene ' . Volksschulen, Mittelschulen, FaMchiulen n>sw. vorsieht, die entweder durch, .direkte Unterstützung. der Staassregierung, -unterhalten werden! oder denen ein entlsprechelrder Abzug bei Zahlung der altgemeirüü Staatssteuern der Juden von diesen zugewendet werde«, dürste. Ferner gehörten hierzu Garantien, für die - Freiheit irl der Hetlig- ' Haltung des SaMats und der Feiertage und für die ÄusübMg der Avbeit an allen änderen Tagen. 'In den Ländern dünnerer'jüdischer Siedlungalso "in Deutschland, Westeuropa us>w7,' ist die kulturelle ' Autonomie (Freiheit der Erziehung in jüdischen Schulen und die' Ermöglichung des religiösen Lebens) bereits gelvähr leistet. ' ' Diese, gesamten Forderungen der Juden der veMsiedenen- Kulturkreise tonnen," so schloß Herr Struck, von dein modernen Deutschland durchaus unterstützt werden. Die Judenheit aller Länder wird mit Dank und Sympathie davon Kenntnis Ehmen, wenn Deutschland seinen moralischen Einfluß , dafür einsetzt, das Programm der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes sin--Rahmen des Völkerbundes seiner Verwirklichung entgegenzuführen. * Unter der Ueberschrist „Antisemitische Hetze an der Berliner Universität" geht uns folgender Bericht zu: Bei einer Akademikerversamntlung der juristischen und nationalökonomischen Fakultät kam in der vergangenen Woche,in der Berliner Universitüt zu antisemitischen Zwischenfällen, die ihren Höhepunkt erreichten, als ein „Kommilitone" den Antrag stellte,., die im Saal anwesenden Jrlden zu zählen. Diese gemeine Provokation, hatte zur Folge, daß ein schwer verwundeter jüdischer Offizier, mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückt, dem „Kommilitonen" entgegentrat, indem er aussührtie. man habe im Schützengraben draußen in Flandern auch nicht gefragt,, wer Jude und wer Christ sei, man habe die Gefallenen, auch nicht nach Juden und'Christen sondiert, und .-man habe die zu Krüppel Geschlagenen auch nicht gefragt, ob sie Juden oder Christen seien. Nach diesen von der Mehrheit warm empfundenen Worten forderte er die anwesenden jüdischen Studenten auf, unter Protest den Saal zu verlassen, was auch geschah. — Ihnen schlossen sich aber auch viele gerecht denkende christliche Studierende an, und jo verließ über die Hälfte der Anwesenden dm Saal. Es ist, überaus bedauerlich, wenn in einer Zeit wie der heutigen, in der es aus das Zusammenhalten des ganzen Volkes — ohne Unterschied von Rang und Konfession — ankommt, an der Berliner Universität eine derartige antisemitische Hetze getrieben wird. Pflicht der Universität ist es, . einer derartigen, Provokation der jüdischen Studentenschaft mit allen Mitteln entgegenzutreten, und der Minderheit der antisemitischen Schreier ganz.gehörig den Kopf zu waschen. ■ * Die „W iener Morgenzeitun g" vom 19. März veröffentlicht einen Artikel „Der Kamps um die jüdische. Emanzipation in Rumänien", der ein interessantes Licht auf das kürzlich von der rumänirchc.. Regierung erlassene Dekret über die jüdische Emanzipation wirrst. In diesem Artikel heißt es: „ . . . Bratianu begann , wiederum Verhandlungen mit den Juden, aber er verlangte von ihnen zunächst eine bindende offizielle Erklärung, daß sie die Angelegenheit als innere rmnänische Frage befrachten und auf die. Intervention des Auslandes verzichten. Die jüdische Delegation erwiderte jedoch, daß die Juden zu den Zusicherungen der Regierung kein Vertrauen haben. Bratianu. antwortete mit Drohungen. Inzwischen stand aber seine Abreise nach Paris vor der Tür, und unt der dortigen Stimmung Rechnung zu trageil, war notwendig eine Art Regelung zu treffen. So veröffentlichte er a>m Tage vor seiner Abreise ein Dekret, welches den Juden die Staatsbürgerschaft im Prinzip zustcherte, jedoch eine derartige Anzahl von Einschränkungen und erschwerenden Bestimmungen enthielt, daß der Wert dieses Gesetzentwurfes kein anderer war .als der aller bisherigen Proklamationen. Dieses Dekret ist überdies ungesetzlich: jedes Parlament kann ihm die. Genehmigung, verweigern, und es wird schon in antisemitischen Kreisen mit den Argumenten dagegen agitiert, daß es gegen die Konstitution verstoße. Voraussichtlich wird es auch wieder aufgehoben werden. Es hat keinen anderen Zweck, als für Bratianu ein Entpfehlungsschreiben für Paris zu bilden. Charakteristisch für die herrschende Stimmung istdie Stellungnahme des offiziellen Regiecungsblattes „Vittorül" zu dem von Bratianu erlassenen Gleichberechtigungsgesetz. Während nänllich fast die ganze.Presse behailptete, daß das Gesetz bloß den Zweck habe, der