Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1919)
- Date
- 1919-04-04
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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143 Dinge enthalten. Mehr als die Vermehrung unserer Einzelkenntnis, wobei freilich auch die seltsamsten Jrrtümer und Mißverständnisse mit unterlaufen, wobei ferner mitunter eine starke Feindseligkeit gegen Juden bemerkbar ist, bedeutet die Art, wie hier über Juden und Judentum gesprochen wird. Die meisten Auseinandersetzungen sind doch so gefaßt, daß sie, ohne daß sie als besonders geistvoll charakterisiert werden dürfen, als Zeugnisse der Aufklärung betrachtet werden können. Der Hauptbriefschreiber, Jfaac Onis, der wohl am meisten die Gesinnung des Autors verrät, so daß ja Marquis d'Argens unter seinen Freunden den Beinamen Jfaac führte, ist in seiner Wendung gegen Talmudismus und Rabbinismus im Grunde der Vertreter freisinniger Gedanken, gewissermaßen der Repräsentant des Liberalismusder einöZusammenleben der Juden mit anderen Nationen erstrebte. Und da diese Briefe 1736 geschrieben, also lange vor dem Auftreten Mendelssohns abgefaßt sind, so können sie immerhin, trotz vieler Verkehrtheiten, die sie enthalten, trotz der nicht selten in ihnen offensichtlichen Abneigung gegen das Judentum, als ein gewichtiges und nicht gerade unerfreuliches kulturhistorisches Denkmal bezeichnet werden. * Jedem das Seimge. (36. Forts.) Roman von M. Pulver m a n n. ach einigen nichtssagenden Phrasen verließ Klaßner das Haus, und er war froh, als er sich den Gegensatz der- - gegenwärtigte, den die schillernde, eitle und putzsüchtige Frau zu ihrer ernsten und schüchternen ältesten Tochter bildete. Und Alice der Wachtposten für diese Frau! Armer, armer Wachtposten! Es gehört doch ein braves, tapferes Herz dazu, sich als Gefangenenaufseher zu gebärden, während man sich selbst hinter Schloß und Riegel befindet. Es gelang ihm aber bald die buntschillernde Frau aus seinen Gedanken zu verwischen, nicht aber deren Tochter, die mit gebrochenem Herzen auf einem Korbsessel sitzt und wavtet, daß ein Wunder geschieht. 27. Am nächsten Tage war Frau Mahlow besonders freundlich gegen Mice; diese atmete auf und glaubte an eine Sinnesänderung der Mutter. Aber wie wurde sie enttäuscht, als Frau Mahlow in einer langen Unterredung, die freundlich begann und feindlich endete, ihr ihren festen Entschluß verkündete, den Dr. Jarvis zu heiraten, und von ihr eine bestimmte Angabe des Tages ihrer Vermählung mit Burger verlangte. In ihrer Bedrängnis in 'der Erinnovung an das mit Klaßner geführte Gespräch schickte sie diesem einige Zeilen. 28. Klaßner erhielt Alices Brief mit so wenig Erstaunen, daß er sich darüber selbst wundern mußte. Der Brief enthielt nur die kurze Anfrage, ob es ihm gelegen wäre, sie am nächsten Abend gegen sieben Uhr am Eingang des Tiergartens zu erwarten, um seinen Rat in einer wichtigen Angelegenheit zu erbitten. Er antwortete natürlich sofort bejahend und begann dann nachzugrübeln, warum er doch ein solches ungewöhnliches Ereignis als etwas Alltägliches betrachtet. Bald aber fand er die Erklärung darin, daß die Erinnerung an dieses München doch nichts Ungewöhnliches für ihn mehr fei, daß sie nicht etwa aus einer fernen, nebelhaften Ferne vor chm erschien. In Wirklichkeit hatte sie ja die ganze Zeit, über in seinen Gedanken gelebt, seit jenem Nachmittag, wo ihre gegenseitige Sympathie durch eine längere Aussprache befestigt wurde. Es fiel ihm ein, daß ihre Bekanntschaft doch eigentlich noch gar nicht so alt sei, höchstens zwei Jahre, aber ihm schien eS, als ob er sie schon das ganze Leben gekannt hätte. Diese ehrliche Freundschaft hatte doch auch schon bei ihrem ersten Beisammensein begonnen. Er erinnerte sich noch, wie schüchtern und zaghaft er damals die erste Einladung der Frau Mahlow angenommen, kürz nach seiner Ankunft aus der Kleinstadt, wo ein vornehmer Salon für ihn noch ein Buch mit sieben Siegeln und der Umgang mit feinen Damen etwas Ucberirdisches für ihn gewesen. Er erinnerte sich auch, daß nicht Frau Mahlows liebenswürdige Herablassung oder herablassende Liebenswürdigkeit, sondern Alices freie, mädchenhafte Einfachheit ihm die nötige Ruhe gegeben, um sich nicht lächerlich, um eine Wiederholung der Einladung möglich zu machen, so daß er sich bald auf diesem fremden Gebiet heimisch zu fühlen beganm Durch Alice wurde es ihm aber auch jetzt klar, daß er bisher ein ungenügendes, einseitiges Leben geführt, daß er es ohne ihr Dazwischentreten noch weiter geführt hätte. Und dafür war er ihr sehr dankbar. Sie war ja sein Wegweiser nach der Hellen, freundlichen Welt, oder er wäre noch länger in jener finsteren Umgebung geblieben. In seiner bedrückten, mißtrauischen Stimmung hatte sie ihm durch ihre Demut und Hingebung den Glauben, an gute Frauen wieder eingeslößt. Mit ihrer Bescheidenheit und Zutraulichkeit, die aber den feinen Takt nie überschritten, erhob sie ihn zu einer unermeßlichen Höhe der Selbstachtung. Dann aber — er wußte es selbst nicht, wie es kam — stürmte ein neuer Einfluß schnell und überwältigend auf ihn ein, ihn zum Himmel emporhebend, so daß er keine Neigung verspürte, den Böden wieder zu bcrübren. Dennoch war die schnell gereifte Kameradschaft .»wischen ihm und Alice geblieben, die er sich eigentlich nicht erklären konnte und daher einer geschwisterlichen Zuneigung »umschreiben geneigt war. Dann war Ellen auf 'der Bildiläche erschienen, mit der er bei Mahlow zusammentraf und schon nach dem ersten Beisammensein sich schmeicheln durfte, einen gewisien Eindruck auf sie aemacht zu haben. Klaßner wußte, daß die Zergliederung der Tatsache, die ihn damals veranlaßte, Alice gänzlich beiseite zu schieben, heute nicht mehr angebracht war; höchstens, daß es ein neues Licht auf seine Bemühung warf,, durch die er das Leben wieder da anknüpfen wollte, wo es damals eine neue Wendung genommen. Er sah jetzt wieder die stille, bescheidene Alice klar und strahlend, wie in der ersten. Zeit ihrer Bekanntschaft. Er erinnerte sich mit aufrichtiger Freude an die Praktischen Winke, die sie ihm mit schwesterlicher Fürsorge erteilt, die sich nicht nur auf den äußeren Menschen beschränktensondern auch seine literarischen Arbeiten beeinflußten. Ein leidenschaftliches Begehren befiel ihn, zu erfahren!, wie weit er jetzt dieser schwesterlichen Zuneigung verlustig geworden; ganz konnte es freilich nicht verloren sein, da sie ihm doch abermals ein großes Vertrauen entgegenbrachte. Vielleicht aber wollte sie jetzt nur eine Geigenleistung sür ihre ihm früher geleisteten Dienste. Die Unruhe über diese Ungewißheit fing nun an sich bei ihm in unbehaglicher Art bemerkbar zu machen, mehr als er sich selbst eingestehen wollte. Ihr gemeinsames Leben, seine Einsamkeit und ihre eingestandene Freudlosigkeit dürste vielleicht doch ein wenig beitragen, um ihre ehemalige Zuneigung wieder herzustellen. Seine Ungeduld, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, führte ihn schon eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit nach der verabredeten Stelle, und als er sie in der Ferne erblickte, eilte er ihr mit einer solchen Hast entgegen, daß sie über feine Bereitwilligkeit, ihr zu helfen, nicht den geringsten Zweifel hegen konnte. „Nun sagen Sie mir schnell, in ttielcher Angelegenheit ich Ihnen raten soll," sprudelte er hervor nach einer kurzen, aber