Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1919)
- Date
- 1919-04-04
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 jüdischen Zeremonien nicht mehr beachten und die Beschneidnng vermeiden. Der Briefschreiber unterscheidet die Gebräuche als das Aeußere von der Lehre, als den Grund der Religion und wünscht für den jüdischen Glauben einen Erneuerer, wie die Christen ihn gehabt hätten. Don einem venetianischen Juden, der nach Paris kommt und als großer Kabbalist geehrt wird, wird in Brief 29 berichtet, ohne' daß dabei eingehend von der Kabbala gehandelt wird. Ein anderes Mal (Brief 40) wird von einer Versammlung der Juden und der Karaiten berichtet, die den Zweck batte, eine Einigung zwischen beiden herbeizuführen. Ter Briefschreiber, Jsaac Onis, erklärt offen, zu den Karäern überzugehen, und gibt bei der Gelegenheit einen Abriß der Entstehungsgeschockte der Mischna sowie des babylonischen und des jerüsalemischen Talmuds, versteigt sich dabei aber zu Behauptungen. wie sie kühner ein einaeschworener Antisemit nicht vortragen könnte, „der Talmud sei eine Anhäufung von Lügen, Chimären und Lästerungen". Bon den Leiden der Juden in Konstantinopel in den Zeiten der Unruhen wird in Brief 49 gesprochen und bei diesem Anlaß eine längere Ausführung gegeben über eine große Ernrestung, die die Juden vor 50 Jahren in Persien zu erdulden bitten. zualeick eine größere AnSeinanderseßung über Sabbatai Zewi. Dieser Brief veranlaßt den Adressaten A. Monceca auch seinerseits auf den genannten Schwärmer und Betrüger einzugehen (Brief 54) und mancherlei über einen früheren Betrüger Most? unter der Regierung des Theodosius des Jüngeren zu berichten. Der längere Aufenthalt, den I. Brito in Italien nimmt, gibt ihm häufig Gelegenheit, von den dortigen Juden zu reden. (Sr spricht höhnisch von den jüdischen Heiligtümern, die in Mailand gezeigt werden (Brief 611, und macht Meldung von dem Blaue der römischen Inden, secbs Monate in dem Bette des Tiber Ausgrabungen nt veranstalten, wenn man ihnen aestgtte. das Master abzuleiten (Brief 06). Gelegentlich wird die Weisbeit Maies gerühmt (Brief 76s. Ein anderes Mal '"erden wir belehrt, daß Moses die Beschneidung von den Aeqhptern gelernt, und es wird die absonderliche Mär hinzugefügt, daß dieser Gebrauch allch bei den Mädchen angewendet würde (Brief 77s. Bei Gelegenheit Aegyptens kommt in demselben Briete auch ein schwacher Versuch de" Bibelkritik vor. Der Briefschreibec (es ist wiederum Jsaac Onis) berichtet von der Vernichtung der Aeayvter im Roten Meer >>nd wundert sick>. daß die Geschichtschreiber der übrigen Völker von diesem Ereignisse nicht reden, freilich mit dem resignierten Schluß: „Da unsere heiligen Bücher gesprochen haben, bleibt uns nur übrig, uns zu unterwerfen." Unter den vielen Sekten in Holland erwähnt Monceca die ..Hebräisten". eine Art Juden-Christen, die auf Kenntnis der hebräischen Sprache besonderen Wert legen. Das unerschrockene Benehmen der Marannen bei Autodafes wird (Brief 100) gerühmt. Während man vom jüdischen Standpunkte aus im allgemeinen mit solchen Darlegungen einverstanden sein kann, muß man unendlich bedauern, daß der im ganzen aufgeklärte Verfasser unserer Briefe das entsetzliche Märchen glaubt und verbreitet, daß die Juden Christenblut gebrauchten. Er ist zwar so gütig, es für die eigene Zeit nickst gelten zu lassen, aber er läßt durchblicken, daß ein solcher Gebrauch in früheren Zeiten geherrscht habe. Infolgedessen führt er aus, und zwar durch den Mund des Monceca (Brief 110), daß der Judenhaß nicht begründet sei im Gegensatz der Religion, sondern in dem schlechten Benehmen der Juden selbst. Er glaubt zwar nicht an alle Anklagen christlicher Historiker, ist aber doch leichtgläubig und so wenig in den Grundsätzen der 1 Religion, die er selbst bekennt, bewandert, daß er diesen Blurgebrauch mit den Grundsätzen der jüdischen Religion vereinbar findet. Wenn er auch sagt, daß diese Untat einzelner nicht der Gesamtheit zuzuschreiben sei, so läßt er doch als seine Meinung durchblicken, daß die Gesamtheit Buße erleiden müsse für das Verbrechen einzelner. Auch sonst tritt er seinen Glaubensgenossen nicht eben freundlich gegenüber, denn er schreibt einigen, die er allerdings als Ausnahmen betrachtet, schmutzige Habsucht und Mangel an Treu und Glauben zu. Er rechnet es ferner den Juden als Unrecht an, daß sie weniger auf Morallehren als auf Gesetze Wert gelegt hätten, und wenn er auch einzelne, wie Leon da Modena, auSnimmt, so rechnet er es den Rabbinern als Schuld an. daß sie die Ihrigen nicht genügend von Gewinnsucht zurückgehalten hätten. Man kann. nicht schlechter räsonieren als dieser vermeintliche Jude. Aber er teilt in diesen Anschauungen die Vorurteile der Zeit. Freilich gerade hier hätte der Autor einen anderen Korrespondenten als Gegenredner für feine Glaubensgenossen Partei ergreifen lasten sollen. Das geschieht aber nicht. Nur einmal (Brief 115) rühmt Onis den Mut, den die Juden in ihren Leiden gezeigt, und die Treue zu ihrem Glauben, in der sie keine Hartnäckigkeit, sondern wahre Beständiakeit bewiesen hätten. Er glaubt fest an einen Messias und bricht in die begeisterten Worte aus: „Glücklich diejenigen, welche dann den Glanz der Sonne schauen werden: sie werden das Antlitz des erhabenen Messias, strahlend von Ruhm, erblicken können. Vielleicht ist dieser Tag näher, als wir glauben. Ist er aber noch fern, so wollen wir die Vorsehung anbeten und sicher sein. daß. wenn sie uns straft, sie dies nur tut, um uns endlich zum Ruhme zu führen-" Derselbe OniS ergreift ein anderes Mal (Brief 131) für seine Glaubensgenossen das Wort. Er will die Meinung von ihrer -Hartnäckigkeit ebensowenig gelten lassen wie die Ansicht, daß der jüdische Glaube nur bestehe, um die Wahrheit des Christentums zu beweisen. Er ivricht mit Begeisterung und nicht ohne Kenntnis von Jsaac Abarnell. A. de Ballmes. Akiba. und wenn er auch Rabbiner und den Talmud preisgibt, so erblickt er in den großen Gelehrten des Mittelalters würdige Zeuaen für die Großartigkeit der jüdischen Lehre. Auf seinen Reisen kommt Onis auch nack Jerusalem, hofft zwar auf keinen neuen iüdislb-en Staat (Brief 135), glaubt aber, daß der Messias eine friedliche Revolution zugunsten der Juden herbeiführen werde. Eine Zeitlang werden dann jüdische Dinge fast gar nicht berührt. Erst im 163. Briefe konstatiert Jakob Brito Aehnlichkeiten zwischen Juden und Arabern in manchen Gebräuchen, in Brief 165 plaudert Monceca über die Wiederbelebung der Toten und im Brief. 168 teilt Onis einiges von der Meinung der Juden über die Körperlichkeit der Juden mit. Sehr wichtig ist sodann die Briefreihe 196 bis 198. In diesen sprechen Monceca und Onis ausführlich über das berüchtigte Buch „Toldot Jeschu". Sie geben große Auszüge daraus; Onis verfehlt nicht, auf Grund dieser törichten Auseinandersetzungen und Beschimpfungen seinen Freund zu überreden. dem Talmudismus zu entsagen und sich dem Karäertum zuzuwenden. Bekanntlich hat diese Schmähschrift auch in Deutschland eine unselige Rolle gespielt. Sie wurde vielfach dazu benutzt, die Juden insgesamt der Christenfeindschaft zu bezichtigen. Es wäre nicht unmöglich, daß gerade unsere Briefe, die auch in Deutschland sehr verbreitet waren, dazu beigetragen haben, die Aufmerksamkeit der Judenfeinde auf dieses abscheuliche Machwerk zu lenken. Die vorstehenden gesammelten Notizen, die, wie ich wiederhole, nicht aus dem Register, sondern aus der Lektüre des Werkes zusammengestellt sind, beweisen, daß die „Jüdischen Briefe" nicht, wie ihr Titel andeutet, durchaus jüdischen Inhalts sind, aber doch gar manche Ausführungen über jüdische