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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-04 · Heft 14 (4.4.1919) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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140 strömte eine seltene Unterhaltungsgabe. Wem es aber vergönnt war, ihm näher zu treten, der bewunderte seine feine Menschenkenntnis, seine überlegene Kunst, -die Menschen zu behandeln und mit den verschiedensten Ständen und Klassen gleich liebenswürdig und rücksichtsvoll zu verkehren. In seinem Hause übte er eine feine, beim ersten Eindruck sofort durch Herzlichkeit und Natürlichkeit gewinnende Gastfreundschast. Da merkte man nichts von den bekannten meist recht frostigen-, offiziellen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Und welche Wärme strählte dem Gaste entgegen von dem reinsten, vollkommensten Familienglück, das er sich gegründet hatte! Wie harmonisch, den Gatten in der glücklichsten Weise ergänzend, wirkte neben ihm der Geist und die Herzensgute der hochverehrten Gattin! So gestaltete sich mehr als 25 Jahre lang sein gesegnetes, arbeitsreiches, beglückendes und beglücktes Leben. — Da kam das Ende - da griff ein grausames Geschick auch in sein Dasein. Ich will es Ihnen und mir ersparen, die Phasen des erschütternden Erlebnisses des letzten Jahres noch einmal an uns vorüberziehen zu lassen: noch zittert unser Herz von der Wucht der letzten Katastrophe. Trauernd, ratlos, kummervoll haben wir an der Babre des Mannes gestanden, der uns entrissen ward in dem Anaenblick, wo die Schule mehr denn je seiner bedurft hätte. Wenn irgendein Mensch, dann hätte er es vermocht, die schweren Schäden zu heilen, die die unheilvollen Kriegsiabre auch unserer Anstalt gebracht haben, und den großen Gefahren entaegemutreten, die ihr in der dunkel vor uns liegenden Zukunft drohen. Nur eins kann uns aufrichten und uns den Mut und die Kraft verleihen, in nuferer schweren Pflichterfüllung trotz allem zu beharren: sein Beispiel, sein Borbild. Direktor Adler erhob sich im Unglück zu tragischer Größe. Als der furchtbarste Schlag ihn traf, als sein hochbegabter Sohn ins Grab sank und mit ihm seine stolzesten Hoffnungen auf die Bollendung seiner eigenen, höchsten Ideale, da hielt er sich mit Riesenkraft aufrecht, da war sein erste r Gedanke, die tiefgebeugte Gattin zu st ü tz e n , ihr mit blutendem Herzen ein Tröster ui sein, wie er es schon so vielen Unglücklichen gewesen. Und sein zweiter Gedanke war, sein Lebenswerk mit ungebrochener Kraft fortzusetzen, dem unerbittlichen Schicksal Selbstverleugnung und strengstes Pflichtgesühl entgegenzustellen. Nur zu bald sollte er diese Seelengröße und Ergebung aufs neue bewähren. Als die fiirchstbare Krankheit, der er erliegen sollte, seinem klaren Geiste keinen Zweifel mehr ließ, als er die Schwingen des Todesengels schon rauschen hörte, da bewahrte er die Ruhe und Unerschütterlichkeit des Weisen und des Dulders. Und wer Zeuge war. wie er jeden Augenblick benutzte, itm in alter Weise an seinem Lebenswerke in seinen zahllosen Verzweignnaen weiter zu schaffen und vor allem für die Zickunft der Anstalt, di-e ihm besonders ans Herz aewachsen war. über das Grab hinaus bis ins Kleinste, zu sorgen, der verließ ihn tief erschüttert — selbst des Trostes bedürftig. Während sein Körper, rasch dahinsiechend, ein Bild des Jammers bot. blieb seine Geisteskraft ungebrochen — bis er die gütigen, klugen Angen für immer schloß. So hat er die Macht des Todes überwunden, so wird sein Lebenswerk ihn bis in die entfernteste Zukunft überdauern, so bleibt sein Andenken in unseren Herzen treu bewahrt, so bleibt er, solange wir wirken können, was er uns im Leben gewesen: unser Vorbild, unser Leiter! Lrinnerungkn an Direktor Dr.SaloUdler. Bon Zahnarzt M. L i p s ch i tz. iner der Besten ist von uns geschieden. Salo Adler ist nicht mehr. Die erste Bekanntschaft mit ihm machte ich in Berlin, kurz nachdem er die Stelle als Leiter der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde angetreten hatte. Ich verdankte sie dem Umstande, daß er am Gymnasium zu Schneidemühl, wo Adler sich im Jahre 1884 bis 1885 als Hilfslehrer betätigte, der Lehrer eines meiner Brüder war. Ihn kennen und schätzen lernen, war eins. Er war damals etwa 32 Jahre alt. als er der Nachfolger Steinschneiders wurde. Als moderner Pädagoge, vom besten Willen und jugendlicher Arbeitsfreudigkeit beseelt, hatte er in den wenigen Jahren, in denen er hier seines Amtes waltete. Außerordentliches zur Hebung der Schule beigetragen. Das Wohl seiner Schülerinnen lag ihm am Herzen wie das eigene. Als ich ihn im Frühjahr 1894 darum bat, zur Feststellung - der Kariesfrequenz der Zähne der Schulkinder sämtliche Schülerinnen seiner Schule untersuchen zu dürfen, begriff er sofort den Nutzen dieser Untersuchungen und gab mir ohne langes Besinnen die Erlaubnis dazu. Die Untersuchungen wurden im Mai 1894 vorgenommen — es war die erste zahnärztliche Untersuchung au einer Berliner Schule und förderte das Ergebnis zutage, daß die Mädcken der Berlinerjüdischen Gemeindeschule mit die schlechtesten Zähne hatten von allen bisher in Deutschland untersuchten Kindern. Auf Grund dieses Resultates, das zum Ausgangspunkt prophylaktischer Maßnahmen für die Schulkinder werden sollte, versuchte ich im Herbst 1894 von der Schuldeputation der Stadt Berlin die Erlaubnis für weitere Untersuchungen der Gebisse Berliner Volksschulkinder zu erwirken. Ter Vorsitzende der Schulkommission, der spätere Oberbürgermeister Kirschner, den ich deshalb Persönlich .aussuchte. stand der Sache freundlich gegenüber, verwies mich iedoch an den „Schulgewaltigen" Professor Dr. Bertram, der, jeder Neuerung abhold, die Sache nicht -nur schroff von der Hand wies, sondern die ohne Erlaubnis der städtischen Schuldeputation aeaebene Ermächtigung zur Untersuchung der Zähne der Schulkinder nachträglich einer Rüge unterzog. Scherzhaft erzählte mir Dr. Adler gelegentlich von dem .Schreiben" der Schüldeputation. Wie rückständig Professor Bertram damals war und daß Dr. Adler ein richtigeres Verständnis für die sanitären Aufgaben der Schule hatte, beweist die Tatsache, daß 15 Jahre später das preußische Kultusministerium sämtliche Schuldirektoren aufforderte, die Bestrebungen, zahnärztliche Unter suchun gen von Schulkindern betreffend, nach jeder Richtung hin eifrig m unterstützen. Leider batte man damals noch nickt genügendes Verständnis in der jüdischen Gemeinde für die Sanierung der Mundhöhlen der armen Mädchen, sonst hätte die Berliner Jüdische Gemeiinbe den ersten Schulzahnarzt in Deutschland gehabt. Adler war ein liberaler Jude durch und durch. Er lehrte nur. wovon er innerlich überzeugt war, und wie er lehrte, io lebte er. Verschiedene Male batte ich Gelegenheit nach stürmischen Wahlversammlungen des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde", in denen ich das Wort ergriffen hatte, mit ihm über den Liberalismus im Judentum zu sprechen. Ich war stolz darauf, von ihm zu hören, daß ich mit der öffentlichen Vertretung meiner liberalen Anschauungen nach seiner Ueberzeugung das Richtige getroffen hatte. Trotzdom hielt ihn seine liberale Ueberzeugung, als sich seinerzeit Strömungen für Aufhebung der Berliner jüdischen Gememdeschulen bemerkbar machten, nicht ab, mit aller Wärme in einer Denkschrift für die Erhaltung der jüdischen Knaben- und Mädchenschule einzutreten-, da ihr Bestehen sich als Bedürfnis herausgestellt habe, und sie sich voll und ganz bewährt hätten. Eine seiner hervorragendsten Eigenschaften war seine menschenfr eundliche Hilfsbereitschaft. Bei wenigen Menschen in leitender Stellung, mit denen ich in Berührung gekommen bin, habe ich solche Hilfsbereitschaft gefunden wie bei Adler. Und alles, was er für andere tat, hatte Hand und

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