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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-04 · Heft 14 (4.4.1919) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
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- 139 das Richtige, das Erreichbare, das, was not tut, geworden-, wenn das Schicksal ihm andere Möglichkeiten des Ausstiegs in die Wiege gelegt hätte! —- Doch auch so, wie es gekommen ist, segnen viele Tausende sein Andenken, das auch an dieser Stätte nicht vergehen wird, solange unsere Anstalt besteht und diejenigen leben, die-seines Umgangs., seines Rates, seiner Lehre und seiner Hilfe sich zu erfreuen hatten. Wenn sein Leben uns als eine Kette seltener Erfolge bis an die Schwelle des Alters erscheint, so brauchen wir es nicht zu verschweigen, daß dem Rastlosen, seinen Wirkungskreis stets zu erweitern Bedachten nicht alles gelungen ist; seine Erfolge sind groß genug, daß sie durch die Wahrheit nicht verkleinert werden: auch er, ein Mensch mit menschlicken Schwächen, mußte erkennen, daß die Verhältnisse, die Widerstände und Hemmungen des wirklichen Lebens oft stärker sind als die klarsten, tiefsten Gedanken, als das edelste Wollen. Daß er sich nie entmutigen ließ, daß er bis ans Ende fruchtbar an neuen Ideen blieb und uns neue Wege wies, ebenso wie seine Herzensgute, lein. Drang, wohlzutun und jedem zu helfen, durch keine üble Erfahrung, keinen Undank irgendwelche Einbuße erlitten, das war seine hervorstechendste Eigenschaft. Und der Grundzug seines Schaffens? Ich wüßte kein anderes Wort dafür als „Großzügigkeit!", freilich ist das Wesen der Schule Kleinarbeit,' er verachtete sie nicht, er überließ sie aber gern vertrauensvoll seinen Mitarbeitern. Und in dieser seiner Auffassung zeigte er eine seltene Menschenkenntnis und leistete das Wichtigste, um dem selbstbewußten und Pflichitgetreuen Lehrer die Berufsfreudigkeit unddas Verantwortlichkeitsgefühl zu stärken. Niemals hat Direktor Adler auch nur den geringsten Versuch gemacht, sein Ansehen irgendeinem Kollegen gegenüber, und wenn es der jüngste und unerfahrenste war, durch kleinliches Besserwissenwollen zu heben urtb den Vorgesetzten herauszukehren. Es zeigte sich, daß die ethischen Grundlagen seines Charakters wie die feiner Geistesbildung in den religiösen und philosophischen Anschauungen des 18. Jahrhunderts zu suchen sind, wo man an das Gute in der Naturanlage des Menschen, an seine „Perfektibilität", glaubte, wo man darauf das Erziehungswerk gründete. Darum war er wie kein anderer berufen, das Philanthropin im Sinne seiner Gründer zu leiten, für Aufklärung und Humanität die Keime in die Herzen, der Jugend zu senken. Dabei ließen die Klarheit und die Sicherheit seiner Ueberzeugung und seiner Ziele keinerlei Schwäche aufkommen. Wo es not tat, wußte er mit fester Band zuzugreifen, ohne Rücksicht auf die Person der Sache allein zu dienen. Sein Standpunkt vertrat er als ein aufrechter Mann, unbekümmert um die möglichen folgen, auch gegen seine Vorgesetzten, und dieser Festigkeit hat er nicht wenige seiner Erfolge zu danken; denn gerade dadurch nötigte er ihnen die höchste Achtung ab. So vertrat er den religiösen wie den volitischen Charakter unserer altehrwürdigen Anstalt ohne Wanken, und er tat, was er vermochte, um das Ansehen unseres Standes, der jüdischen Lehrer im allgemeinen und unseres Lehrkörpers im besonderen zu heben und zu festigen. Die hohen Verdienste, die er sich um die Besserung ihrer materiellen Lage erworben hat, hier auch nur einigermaßen zu würdigen, geht über den Rahmen des gegenwärtigen Erinnerungsbildes -hinaus. Die genaueste Sachkenntnis, das eingehendste Studium der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen standen ihm dafür zu Gebote; aber noch viel stärker wirkte er durch seine innere Wärme, seine Begeisterung für die Sache. Als äußeres Mittel diente seine ungewöhnliche Redniergabe. Unvergeßlich werden allen seine Schulreden sein, feine Antrittsrede Ostern 1900, seine Festrede zur Jahrhundertfeier., seine Rede zur Einweihung des neuen Schulhauses usw. bis zu jener vaterländischen Ansprache im Januar 1915, die, gedruckt, in weiten Kreisen verbreitet, seine ganze Persönlichkeit widerspiegelt. Kein Wunder, daß er so viele begeisterte Anhänger fand, daß sich die Herzen und die Taschen für seine Zwecke öffneten, d. h. für die Zwecke edlen Wohltuns und die höchsten geistigen Interessen. Durch diese seine Betätigung wird die Aera Adler ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte des Philanthropin,s und des jüdischen Geisteslebens in Deutschland bilden. So zeigte er auch für alle wissenschaftlichen Bestrebungen im Lehrerkollegium klares Verständnis und förderte sie aufs wirksamste. Daß er wissenschaftliches Verdienst seiner Mitarbeiter neidlos anerkannte und mit all seinem Einfluß zur Geltung brachte, war für Direktor Adler selbstverständlich: sah er darin doch nur ein Mittel, den Ruhm und das Ansehen unserer Schule zu mehren, und das war für ihn selbst der schönste Lohn. Nickt als ob er öffentliche Anerkennung und äußere Ehrungen verschmäht hätte — aber er suchte sie, weil er darin das äußere Zeichen der Anerkennung unserer Gleichberechtigung erblickte, er suchte sie für seine Kollegen genau so wie für sich selbst, und nichts ist bezeichnender für sein Wesen als die Art, wie er sich bei den zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen gab, die ihm im Laufe der Inh re zuteil wurden; seine schlichte Natürlichkeit, seine sonnige Heiterkeit und Wärme änderten sich auch nicht im kleinsten Punkte: nichts von steifer Würde und Zugeknöpftheit, jede Pose, jedes Imponieren w o l l e n blieb ik.m fremd. Das war es, was jedem, auch -dem Geringsten, Mut machte, sich und alles, was er auf dem Herzen hatte, ihm zu offenbaren, was uns frei von der Leber weg mit ihm sprechen ließ. Er achtete jede fremde Meinung, er duldete jeden Widerspruch, sofern er nur sachlich begründet war. Wie leicht wurde ihm das Nachgeben! Ja selbst wenn die Erregung das Maß des Erlaubten überschritt, wenn das amtliche Verhältnis scharfe Zurückweisuna mindestens a e r e ch tfe r ti g t hätte, dann wich, das milde Lächeln nur einen Augenblick von seinen Lippen; mrt vollendeter Selbstbeherrschung bewies er sein verzeihendes Verständnis für menschliche Schwäche: er gab dem Gegner durch sein Beispiel eine Lehre, wirksamer als berechtigte Zurückweisung — Anspruchslos für sich selbst, wußte er die Würde der Mitarbeiter, die Ehre der Schule peinlich zu wahren: bierin erblickte er eine der vornehmsten Pflichten des Leiters. Wollte ick es aber versuchen, die persönlichen, rein menschlichen Beziehungen unseres heimaegangenen Direktors zu seinen Kollegen zu schildern, so würde ich ein Gebiet betreten, auf dem das Empfinden eines jeden einzelnen weit lauter und beredter svrickt, als ich es vermöchte, zumal im aeaenwärtiaen Augenblick, wo ieder den Schmerz feines Verlustes durch seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen am stärksten emvfindet. Es ist nicht zuviel behauptet: jeder von uns hat mit ihm einen Freund verloren! Je nach Umständen und Gelegenheit war er allzeit teilnehmend und hilfsbereit, ein Berater und Tröster. Sein Interesse erstreckte sich auf jedes einzelne Familienglied. Mit der größten Gewissenhaftigkeit und einem erstaunlichen Gedächtnis ließ er keine Gelegenheit Vorubergehen, sei es froher, sei es trauriger Art, ohne uns menschlich nahe zu treten mit herzlicher, tief ernpfundener Teilnahme. Kam man aber zu ihm, dann widmete er sich ganz der Angelegenheit, die man ihm vorbrachte. Der Vielgeschäftige verriet kein. Zeichen der Ungeduld oder daß er in seinen eigenen Gedankengängen, in wichtigen Arbeiten oder in der nötigsten Erholung unterbrochen worden, und es waren keineswegs immer Schulangelegenheiten, mit denen man seine kostbare Zeit in Anspruch nahm! Aber er hatte auch selbst das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen, aus seinen - man darf sagen — tausendfältigen Beziehungen

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