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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-04 · Heft 14 (4.4.1919) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 Will man die Gesamtpersönlichkeit des Jubilars in wenigen Worten zeichnen, so darf man vielleicht von ihm sagen, daß er durch sein Wesen und Wirken die Souveränität des Geistes zum Ausdruck bringt. Ein Mann, der neben einer ausgedehnten Unterrichtstätigkeit, die sonst schon die Kraft eines Mannes ganz in Anspruch nimmt, nicht nur in Predigt, Seelsorge, Dereinstätigkeit die intensivste Arbeit des Rabbiners einer großen, aufstrebenden Gemeinde leistet, sondern auch noch Zeit findet zu eifrigstem Studium des Besten, was die Literatur hervorgebracht hat und heworbringt, der in Vorträgen, Abhandlungen und Aufsätzen Zeugnis davon ablegt, daß die Werkstatt seines Geistes niemals stillsteht, der «hat seiner Körperlichkeit auch das letzte abgerungen und dem Geist das Szepter gegeben. Den im Zentrum der Industrie schassenden, hastenden, erwerbenden Menschen ist Dr. Samuel ein Seelsorger, der ihnen in den Sorgen des Tages und in den Nöten des Lebens beisteht, ein Seelsorger aber auch in jenem höheren Sinne, daß er sie aus den Tiefen ihrer Alltagsarbeit zur Bergeshöhe des Geistes emporschauen läßt. So hat er, um nur ein Beispiel zu nennen, bald nach seinem Amtsantritt einen Verein für jüdische Geschichte und Literatur gegründet und bis heute geleitet, durch den er eine Fülle geistiger Saaten in der aufblühenden Gemeinde ausgestreut hat. In weiteren, auch nichtjüdischen Kreisen hat er belehrend und aufklärend über den geistigen Gehalt des Judentums gewirkt durch die Vorlesungen, die er über irgendein jüdisches oder religionsgeschichtliches Stoffgebiet in den „akademischen Kursen" gehalten, hat. Die geistige Durchdringung des Judentums führte Samuel notwendig dem religiösen Liberalismus zu. Formen, aus denen der Geist entwichen ist, sind ihm bedeutungslos; was ihm das Judentum ist, das hat er in manchem Aufsatz in dieser Zeitung wie in der Zeitschrift „Liberales Judentum" dargelegt. Die Schätzung, deren sich dieser Mann in allen Kreisen, nicht zuletzt im Kreise des Rheinisch-westfälischen und Deutschen Rabbinerverbandes, erfreut, gilt aber nicht nur seiner geistigen Bedeutung, sondern ebenso den Vorzügen seines Charakters, von denen wir die selbstlose Hingebung, mit der er jeder als gut erkannten Sache unr ihrer selbst willen dient, hervorheben. Was er seiner Gemeinde in den 25 Jahren seiner Wirksamkeit geworden ist, das dürfte an seinem Jubiläumstag zum Ausdruck kommen. Den Jungen und Akten,! den Reichen und Armen, allen, allen ist er etwas, vielen ist er viel gewesen. Die Gemeinde Essen zählt heute bereits zu! den größeren jüdischen Gemeinden, Deutschlands, und. ihre! rasche Aufwärtsentwicklung scheint noch nicht abgeschlossen zu j sein. Ihre Synagoge wird von vielen als die schönste Deutschi lands bezeichnet; sie ist das monumentale Werk Edmund j Körners, der aber vielleicht gerade dadurch seine Vorgänger ' übertroffen hat, weil er, der christliche Meister, sich bis in die j intimsten Details beraten ließ von dem feinsinnigen Rabbiner j der Gemeinde Essen. Selbst die Wände des Gotteshauses! zeugen davon, daß in der Gemeinde jüdischer Geist lebendig 1 ist, daß seit 25 Jahren in ihr wirkt — ein Äann des Geistes. — DaS Glück. Des Schaffens sei ihm auch weiterhin befchieden, sein trauliches Familienglück bleibe ihm erhalten. Das wünschen ihm seine Freunde und rufen ihm entgegen ein herzliches: „Glückauf!" ■ Bochum, März 1919. Dr. David. Gedenkrede auf den Geheimen Ktudienrat Sr. Salo pdler den „Leiter, Lehrer und Freund" gehalten vom stellvertretenden Direktor Prof. Dr. Oswald Cohn am 18. März 1919 in der Lehrerkonferenz des Philanthropins. Sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen! um erstenmal sind wir heute in gewohnter Weise zur , I Beratung hier versammelt, seitdem der Mann von uns geschieden ist, auf den sonst als unseren geistigen Mittelpunkt unsere Blicke gerichtet waren. Seinem Andenken wendet sich ganz von selbst unser Geist zu, und an dieser Stätte wird uns noch einmal klar, was wir an ihm verloren haben. So lassen wir denn noch einmal das Bild seiner unvergleichlichen Persönlichkeit an unserem geistigen Auge vorüberziehen. Aber es kann nicht im entferntesten unsere Absicht sein, allen den bedeutsamen Seiten unseres Heimgegangenen Direktors Tr. Adler gerecht zu werden. Sein Lebenslauf, sein Wirken für die Schule sind in feierlicher Stunde einer tiefergriffenen Trauerversammlung seinen Freunden und Kollegen wie seinen Zöglingen vorgesührt worden. Uns aber drängt es, bevor wir daran gehen, ohne seinen bewährten Rat und ohne seine sichere Leitung schweren Herzens dem Gebote der Pflicht gegen die uns anvertraute Jugend Folge zu leisten, alles dessen zu gedenken, was Direktor Adler uns, seinen Mitarbeitern, war. Wenn, wie bereits angedentet.dies nur einen kleinen Teil seines umfassenden Wirkens, seiner staunenswerten Tätigkeit bedeutet, so dürfen wir für uns, seine Mitarbeiter, in Anspruch nehmen, daß niemand von all den Tausenden, denen er nahe getreten ist die ihn bewundert, die von ihm gelernt haben, deren Herz er durch seine Herzensgüte gewonnen, die er sich, zu Dank verpflichtet hat, daß niemand von allen diesen Tausenden sein innerstes Wesen besser zu würdigen weiß, als wir, seine Mitarbeiter. Ter Beruf ist es schließlich, worin sich der Wert des Menschen am zweifellosesten offenbart, die gemeinsame Arbeit läßt den Blick in die verborgeneren. Falten eines Charakters dringen; was er gewollt und was er erreicht hat, liegt für uns klar zutage, und wie Direktor Adler sich so einfach und natürlich gab, wie er im freiesten Gedankenaustausch auch dem Zurückhaltenden die Zunge zu lösen, das Zutrauen zu stärken wußte, so hatte dennoch jeder von uns das Gefühl, einer überlegenen Persönlichkeit gegenüberzustehen. Me oft regte sich in uns der Gedanken: was wäre wohl aus einem Manne mit diesen Fähigkeiten, mit dieser unvergleichlichen organisatorischen Begabung, mit diesem schnellen Blick für .Rabbiner Dr. S. Samuel (Essen a. d. Ruhr).

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