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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-04 · Heft 14 (4.4.1919) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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sinnigsten heutigen Staatsmänner, wie Lloyd George und! Wilson, haben kein anderes Mittel zur Lösung der Judenfvage gefunden als die Errichtung eines Judenstaates in Palästina, also die Verminderung der Anzahl der Juden in Polen. Wilson hat den jüdischen Repräsentanten versprochen, sich an die Spitze der Bewegung zur Schaffung eines Judenstaates zu stellen. Haben die Polen 150 Jahre lang unverbrüchlich das eine Ziel verfolgt: die Wiederherstellung ihres Reiches, so müssen sie fortab nur das eine Ziel im Auge behalten: das große Werk der Befreiung Polens von den Semiten. Dieses Werk muß in Angriff genommen und beharrlich zu Ende geführt werden, auch wenn es 100 Jahre in Anspruch nehmen sollte. Jedes Jahr muß aus Polen wenigstens der natürliche Zuwachs und ein Prozent der vorhandenen jüdischen Bevölkerung entfernt werden. (Nun beträgt der natürliche Zuwachs der Juden in Osteuropa ungefähr 2 Prozent jährlich. Das jetzige Königreich Polen mit seinen zwei Millionen Juden würde also allein 60000 Seelen jährlich nach Palästina entsenden müssen, 8 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung.) Damit die Reinheit der arischen Rasse und des arischen Geistes geschützt werde, muß die Kluft zwischen Juden und Polen erhalten und vertieft werden. Volks- und Mittelschulen mit hebräischer Vortragsspra ch e müssen für die Juden errichtet werden, um in ihnen das Ideal des gelobten Landes stets wach zu erhalten, bis sie endlich insgesamt aus Polen dorthin ü b e r s i e d e l n- Dieses Ideal soll auch noch durch andere viel kräftigere Mittel bei den Juden wach erhalten werden: eine großartige Wirtschastsresorm ist durchzuführen, die bei Wahrung der völligen Gleichberechtigung aller mit ganzer Wucht die Juden allein treffen soll. Je mehr der Staat die Produktionsmittel in die Hand nehmen wird, desto weniger wird es in Polen Raum für die Juden geben. Der Großhandel muß völlig neu geregelt werden. Staatsmonopole, Handels- und Jndustriekonzessionen werden das Land wirtschaftlich sehr hoch heben und zugleich die Juden in die sehr eng begrenzten Nied er un gen d es Kleinhandels u nd d e s Handwerks hinabstoßen. Die Uebernahme auch dieser Gebiete durch die polnische Nation wird schließlich mittels der Genossenschaften erfolgen, welche selbstverständlich von der Regierung unterstützt werden müssen. Auf diese Weise wird m i t d e r Zeit das ganze P o l e n r e i ch völlig judenrein werden . . . Man muß dabei bedenken, daß die Entente die Grenzen des neuen Polenreiches so weit gezogen hat, daß dieses nahezu sechs Millionen Juden umfassen wird. So wird die verheißene «Nationalautonomie" das Schicksal der Juden im künftigen Polen gestalten. Es ist ausfällig, daß die zahlreichen „jüdischen Preßbureaus" in neutralen Ländern, die jede Aeußerung der Ententestaatsmänner zugunsten der zionistischen Forderungen eifrig bekanntgaben, von dieser bedeutsamen- Kundgebung gar keine Kenntnis nahmen .. . Wie wird es nun in Palästina aus sehenl Die „Jüdische Rundschau", das Berliner Zentralorgan der Zionisten, veröffentlichte in der Nummer 18 einen Brief des Emirs Faissul, des Kronprinzen des künftigen Araberreichs, an den Dr. Frankfurter, der eine der rechten Hände des Präsidenten Wilson ist. Dieser Brief erregte mit Recht großes Aussehen, denn der künftige König von Arabien versichert angeblich darin, er und sein Volk erwarten die Juden mit offenen Armen, beide Völker seien ja eigentlich Stammesbrüder und würden sich sehr gut verständigen. „Wir arbeiten zusammen für einen neuzugestaltenden und wieder auflebenden Orient, und unsere beiden Bewegungen ergänzen einander." In der Nummer 19 des genannten Blattes widmet der bekannte Zionistenführer Dr. Ruppi a diesem „Dokument von historischer Bedeutung" einen ganzen Leitartikel, in welchem es unter anderem heißt: „Es verleiht dieser Kundgebung besonderen Wert, daß sie von dem Manne ausgeht, der als der Sohn des Königs von Hedschas an dem Feldzug in Palästina hervorragenden Anteil nahm, an der Spitze der arabischen Truppen in Damaskus einzog und jetzt als Vorsitzender der Friedensdelegation des neuen arabischen Reiches an den Friedensverhandlungen in Paris teilmmmt. Emir Faissul hat sich im Kriege nicht nur den Ruf eines tapferen Heerführers, sondern auch den eines weitsichtigen Staatsmannes erworben und wird vermutlich aus Jahre hinaus die führende politische Persönlichkeit unter den Arabern sein." Leider hat die Sache einen Haken. Der Pariser „Matin" veröffentlichte am 2. März d. I. die Erklärurlg, welche derselbe Emir Faissul ihmin der Palästinasrage gegeben hat- und diese lautet erheblich anders. Seine Hoheit sagte: „Wir sind an dem, was in Palästina vorgeht, nicht uninteressiert, da die Mehrheit seiner Bevölkerung aus aufrichtigen Mohammedanern besteht." (Es folgt eine Auseinandersetzung, wie heilig Palästina und besonders Jerusalem den Mohammedanern sei, die gleichwohl allen anderen Bekenntnissen gegenüber die größte Toleranz üben) „Dieses Gefühl des Respektes für die anderen Religionen diktiert meine Auffassung bezüglich Palästinas, unseres Nachbarlandes. Wenn die unglücklichen Juden hinkommen, um dort. eine Zuflucht zu suchen, und sich als loyale Bürger des Landes aufführen, so kann das unserem menschenfreundlichen Gefühl nur angenehm sein. Aber sie müssen unter eine mohammedanische oder christliche Regierung gestellt werden, der der Völkerbund den Auftrag dazu erteilt; wenn sie dagegen einen Staat gründen oder Souveränitätsrechte beanspruchen wollen, so sehe ich darin schwere Gefahren. Es steht 311 befürchten, daß eszu Konflikten zwischen ihnen und den anderen Rassen kommen würde." Mit anderen Worten: „Es wird alles beim alten bleibe n." Die Juden werden, wie unter türkischer Herrschaft, in das Land ihrer Väter einwandern dürfen, sie werden dort unbehelligt bleiben, solange sie als loyale Bürgerunter einer mohammedanischen oder christlichen Herrschaft leben wollen. Sobald sie aber staatliche Unabhängigkeit oder Sonderrechte beanspruchen, sieht man schwere Gefahren voraus, können Konflikte entstehen ... W a r u m h a t d i e ganze zionistischePressedieseErklärungdes Emirs Faissul unterdrückt, die doch schon am 2. März aus der er st enSeite,sechsten Spalte, des „M a t i n" z u lesen war, n e b e n d e m B i l d - nisse Seiner Hoheit? „Palästina wird jüdisch!" verkündete die Berliner zionistische Staatszeitung in fetten, großen Lettern. Palästina war und ist jüdisch-in> historischem Sinne. Das steht auf jenen ewigen Blättern geschrieben, die den Stolz unserer Geschichte und einen Teil der Weltgeschichte ausmachen. Es ist eine lächerliche Anmaßung, wenn diese ephemeren Herren vom Friedenskongreß gnädig geruhen, die „historischen Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina anzuerkennen"; und Juden, die um diese Anerkennung buhlen, bekunden damit eine knechtselige Golus-Gesinnung. Aber wirtschaftlich und politisch wird P a l ä st i n a nicht jüdischer werden als jedes andere Land, wo Juden sich nie der lassen und als loyale Bürger leben und arbeiten dürfen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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