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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-04 · Heft 14 (4.4.1919) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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m Huden der Welt zusammeiigenomm-eu nicht einmal träumen können. Die Aussichten, daß der Judenstaat in Palästina irgendwie dazu beitrage, das Judenelend im Golus zu lindern und die Judensrage zu lösen, sind also sehr gering. Aber parallel mit der Gründung des Judenstaates läuft eine andere Gründung, nämlich die dev „jüdischen Nation" in den Ländern des Golus. „Ueberall, wo Juden in größerer Anzahl beisammen wohnen", sollen sie alS besondere Nation konstituiert werden, mit „nationaler Autonomie und eigener Verwaltung". (Auch diese Forderungder Zionisten hat die Entente bewilligt.) Als Basis dazu soll die jüdische Gemeinde dienen, die nicht mehr als Religionsgemeinde, Synagogen¬ oder Kultusgemeind-e sortbestehen, sondern in eine Volksgemeinde verwandelt werden soll. Zweierlei Gefahren drohen nämlich den Juden im Golus: einerseits die Unterdrückung und Verfolgung, deren schärfste Form der Boykott und der Pogrom ist, und anderseits die „Assimilation", welche zum Untergang des jüdischen Volkes und des Judentums führen muß. Vor diesen beiden Gefahren würde uns die nationale Autonomie schützen.. Wie sie uns vor den Gefahren der Assimilation schützen kann, ist in diesen Blättern?) bereits erörtert worden. Rätselhaft bleibt, auf welche Weise sie uns vor dem Boykott und dem Pogrom schützen könnte. Wenn wir heute, überall wo wir in größerer Anzahl beisammen wohnen, vom Völkerbund als „gesonderte Nation" anerkannt werden, „mit nationaler Autonomie und eigener Verwaltung", wird das morgen die Völker williger machen, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykott gegen uns zu unterlassen? Werden sie uns, gewissermaßen Ausländer und Angehörige einer fremden Nation, die kulturell und politisch mit ihnen nichts gemeinsam hat und staatsrechtlich sozusagen exterritorial ist, freudig zu den öffentlichen Aemtern zulassen, ihre Waren bei unseren Kaufleuten und Handwerkern bestellen? Wer uns jetzt boykottiert, obwohl wir staatsrechtlich und politisch zur Gesamtnation gehören und uns nur durch die Religion unterscheiden wollen — wird der uns mit dem Boykott verschonen, wenn wir als fremde Nation, durch eine staatsrechtliche Wand von den einheimischen Völkern geschieden, unter ihnen fortexistieren? Und wenn es einmal den Polen, Ukrainern, Tschechoslowaken oder Rumänen gefällt, diese Angehörigen einer fremden Nation totzuschlagen und auszuplündern, wird der Völkerbund eine Armee bereit halten, die zu unserem Schutz einmarschieren solle? Nun, auch darauf haben bereits die Tatsachen eine Antwort gegeben. Seit dem Jahre 1866, seit der Thronbesteigung Carols I., begann in R » nr ä n i e n eine neue Aera der systematischen Pogrome und der gesetzlichen Unterdrückung dev Juden, die als „Ausländer" betrachtet wurden, auch wenn sie seit Generationen im Lande ansässig waren. Die Rumänen -begründeten ihr Verhalten damit, daß sie die These aufstellten und ror ganz Europa verfochten: die Juden., bildeten eine besondere Nation (Nation juive), hätten also im rumänischen- Nationalstaat keinen Anspruch auf irgendwelche Rechte oder Schutz. Tie in Brest-Litowsk geschaffene freie Ukraine war der erste Staat, der die „nationale Autonomie" der Juden einführte. Die Herzen sämtlicher Zionisten der Welt schlugen höher; unbeschreiblicher Jubel erscholl bei der Kunde, daß in Kiew ein „jüdisches Ministerium" eingerichtet wurde, in dem -der jüdisch-nationale Minister Dr. Mose» Silber färb amtierte. Gleichzeitig begannin derselben Ukraine eine Reihe mörderischer Pogrome, die alles in diesem Lande unter der Zarenregierung Geschehene in Schatten stellten; der "') Vgl. Nr. 51 bcs vorigen und Nr. 2/3 des lmifond-cn Jahrganges. gräßlichste fand in G1 uchöw statt. Aber in Kiew amtierte derweil Dr. Moses Silberfavb im nationalen jüdischen Ministerium... Am längsten und hartnäckigsten wehrten sich die Polen gegen die jüdische Nationalautonomie. Nirgends ist nämlich der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung so hoch wie in Polen, besonders in den Städten; die zarische Regierung -hatte bis zum Weltkrieg die jüdisch-nationalen Bestrebungen in diesem Lande nlißbraucht, um ihnen eine Spitze -gegen die polnischen Ansprüche aus Selbstverwaltung der Städte zu geben: die Städte seien ja nicht durchaus polnisch, sondern beherbergteneine sehr starke Minderheit, manchmal sogar eine Mehrheit nichtpolnischer Nationalität, mit anderen Interessen und anderen Forderungen. Es wurde den Antisemiten in Polen leicht, der Welt einzureden, daß die Juden sich zu Herren des Landes zu machen strebten, um es den Russen auszuliefern. Aus dieser Stimmung erwuchs der neue polnische Antisemitismus, der immer mehr anschwoll und schließlich zu dem Boykott von 1912 führte. Seit dem Einrücken der Deutschen in Warschau, August 1915, erregte die heftige zionistische Agitation für die nationale Autonomie, die von Bevlin und Frankfurt ausgin-g, -bei den Polen den Verdacht, daß nunmehr auch die Deutschen sich -der Juden zu ähnlichen Zwecken bedienen wollten. Alle Anstrengungen, ein unabhängiges Polen wieder herzustellen, schienen also vergeblich, denn am Ende würden die Juden -als der innere Feind im Lande dastehen, stets -bereit, jedem Nachbar gegen das eigene Land zu dienen. Jetzt rechtfertigen die Polen -ihre Pogrome mit diesem „Verlangen der Juden nach Exterritorialität", und es ist klar, daß diese zionistische Agitation, die kein Maß und keine Grenze kannte, den Pogromen einen willkommenen Vorwand geliefert hat. Seit dem Sieg der Entente haben in Polen die Nationaldemokraten, die eigentlichen Schürer und Träger deS polnischen Antisemitismus, die Oberhand gewonnen. Ihre Führer, D m o w s k i und P a d e -r e w s k -i, die Organisatoren des Judenboykotts von 1912. haben die Macht -in Händen und sind die Bevollmächtigten ihres Staates -beim Friedenskongreß. Jetzt ist dort merkwürdigerweise ein völliger Umschwung in der Frage der nationalen Autonomie der Juden eingetreten. Die polnischen Nationaldemokraten erklären sich vollkommen bereit, die Juden in ihrem Lande als „gesonderte Nation" anzuerkennen und ihnen vollständige Autonomie einzuräumen. Der Professor an der Warschauer Universität Dr. St. Fr. M i ch -a I s k i, einer der hervorragendsten Führer der Nationaldemokraten, veröffentlichte im Herbst vorigen Jahres in Lausanne, dem Hauptsitz der ententefreundlichen Polnischen- Prehagentu-r, eine Schrift „Moyen de resoudre la question juive en Pologne" (Lausanne 1918, Librairie Centrale des Nationalstes), in welcher -das Programm zur Lösung -der Judensrage ausführlich entwickelt und invier Punkte zusammeng-efaßt wird: 1. Errichtung eines Judenst a a t e s. Wenn die Polen auf dem Friedenskongreß eine Stimme haben werden, müssen sie außer der Wiederherstellung eines geeinten und unabhängigen Polens die Schaffung eines Judenstaates in Palästina unter dem Schutz der Mächte mit aller Energie fordern. 2. Anerkennung der besonderen jüdischen Nationalität. 3. Förderung der Hebräischen Sprache und Kultur in Polen und Palästina- Aber das sind nur Vorbereitungen zum 4. Punkt, der das Endziel bildet: stufenweise Verminderung der jüdischen Bevölkerung in Polen durch systematische Fülrd-eriung der unaufhaltsamen Emigration der Juden nach Palästina und anderen L ä n d e r n. Der Gedankengang, auf den dieses Programm sich stützt, ist folgender. Die Judenfrage in Polen kann auf keine andere Weise gelöst werden, als indem dieses Land völlig judenrein gemacht wird. Die scharf-

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