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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-04 · Heft 14 (4.4.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 4. Hprit 1919 83. Jahrgang. Nr. 14 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitungerscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 11t. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Das jüdische Palästina. SBoneineiitOe st erreiche r. -- IjUlJull* — D i e Woche. — Rabbiner Dr. S. Samuel. (Zu seinem 25 jährigen Amtsiubttäum.) Gon Dr. David (Bochum). — Gedenkrede aus den Geheimen Studienrat Dr. Salo Adler. Gehalten vom stellvertretenden Direktor Prof. Dr. Oswald Cohn am 1L. Marz 1916 in der Lehrerkonferenz des Philanthropins. — Erinnerungen an Direktor Dr. Salo Adler. Bon Zahnarzt M. Lipschitz. — Marquis d'Argens und seine „Jüdischen Briefe". Bon Ludwig Geiger. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. P ulv ermann. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin,Posen, Leipzig, Steele a.d.Ruhr, Frankfurt a. M., Wien, Kopenhagen — Bon Nah und Fern. Das jüdische Oalältins. Von einem O e st e r r e i ch e r'). 8 ist erreicht! Der Judenstaat in Palästina wird errichtet, und zwar unter dem Protektorat Englands oder des sogenannten Völkerbundes, was genau dasselbe ist. Die Grenzen sind schon, wenigstens auf dem Papier, festgesetzt, die Staatsform wird keine großen Schwierigkeiten machen. Der künftige Herr des benachbarten Araberreichs, Emir F a i s s u l, der auch in Palästina ein Wörtchen wird mitzureden haben, hat in einem bedeutungsvollen Briefe, dem der Rang einer geschichtlichen Urkunde zukvnunt, den Judenstaat mit herzlichen Worten begrüßt und verheißen, daß Araber und Juden, Söhne derselben Rasse, sich ausgezeichnet verständigen würden. In nächster Nähe winkt also die endgültige Lösung der Judenfrage: eine Lösung, die alles Judenelend für immer bannen, „dem müden Wanderer endlich Ruhe schaffen" und die Welt von der Plage des Judenhasses befreien wird. Der Judenstaat oder „die völkerrechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk" ist schon da. Fehlt nur noch das jüdische Volk. Von den gesamten et>va vierzehn Millionen Juden, die über die ganze Erde verstreut sind, wohnen nämlich unter s i e b e n h u n d e r t t a u s e n d Arabern in Palästina schätzungsweise etwa neunzig- bis hunderttausend Juden, also höchstens der hundertvierzigste Teil; von diesen sind zehntausend, also etwa der zehnte Teil, in der Landwirtschaft beschäftigt, und ihnen gehören insgesamt zwei Prozent des Bodens von Palästina. Es ergibt sich also, daß der tausendvierhundertste Teil des ganzen jüdischen Volkes den fünfzigsten Teil des Bodens von P a l ä st i n a bestellt. Da aber nur dasjenige Volk das Land besitzt, welches fest auf dessen Boden steht, ihn bebaut und aus ihm seine Nahrung zieht, und da vorläufig nur ein verschwindend kleiner Teil des jüdischen Volkes im Lande seiner Väter wohnt und ein ganz kleines Stück der Bodenfläche sein eigen nennt, so ergibt sich daraus, daß das jüdische Land vorläufig gar nicht dem jüdischen Volke gehört. Wir hätten also einen Judenstaat ohne Juden. h Dgl. die Leitartikel dieser Zeitschrift in Nr. 46 und 51 des vorigen und Nr. 2/3 des laufenden Jahrganges. Aber die Juden werden kommen . . . Die Schöpfer des Judenstaates versichern uns nämlich, daß in jedem der nächsten dreißig Jahre fünfzig- bis sechzigtausend Juden in Palästina angesiedelt werden können. Allein hier erheben sich einige wichtige Bedenken. Fünfzig- bis sechzigtausend Seelen machen nur einen ganz geringen Bruchteil des natürlichen Zuwachses der Juden aus. Die Auswanderer ivürdcn also die Zahl der Juden im „Gvlus" nicht im geringsten vermindern, im Gplus würde also das Judenelend, der Judenhaß und die ganze Judenfrage nach wie vor bestehen bleiben. Wie soll also der Judenstaat die Judenfragc lösen? Ferner: diese fünfzig- bis sechzigtausend Juden werden wohl nicht als Bauern angesiedelt werden können. Man kann nämlich keine Bauern an siedeln, wenn mankelneha t. Im Golus befaßt sich aber nur ein verschwindend geringer Teil der Juden mit der Landwirtschaft — sie waren jahrhundertelang durch die Gesetzgebung davon ausgeschlossen —, die Einwanderer müssen also erst zu Bauern erzogen werden. Daß dies sehr gut gelingt, beweisen die jüdischen Kolonien in Palästina und in noch höherem Grade die in Amerika. Aber das nimmt immer und überall lange Zeit in Anspruch und bedarf geduldiger, sorgfältiger Arbeit, wie die Geschichte der eben genannten Kolonien beweist. Der weitaus größte Teil der Einwanderer wird also im Judenstaat dasselbe bleiben müssen, was er im Golus war: Städter, Kleinhändler, Handwerker usw. Der Badendes I u d e n st a a t e s wird also noch lange, lange nicht einmal j e n e m B r u ch t e i l des jüdischen Volkes g e h ö r e n, d e r d a r i n w o h n e n w i r d. Es bleibt nur noch eine Kleinigkeit zu erwägen: die Geldfrage. Hierin ist von anderer Seite ein klassisches Experiment gemacht worden. Die Preußische An si ed l u'n g skommission in Posen arbeitete seit 1885 daran, deutsche Ballern >in den Ostmarken anzusiedeln. Bis 1914, also in fast drei Jahrzehnten, hatte sie ungefähr eine Milliarde Mark ausgegeben und damit im ganzen ungefähr sünszigtausend Bauern angesiedelt. Wir Juden müßten im Verlaufe der nächsten 30 Jahre demnach dreißig Milliarden Mark ausgeben, »m die dreißigfache Zahl in Palästina anzusiedeln. Woher sollen wir diese Summen aufbringen? Wenn sämtliche Millionäre unter uns willig wären, ihr ganzes Vermögen flüssig zu machen und herzugeben, es würde kaum reichen. Aber die Posener Ansiedelungskommission brauchte nicht erst Städter zu Bauern zu erziehen. In allen deutschen Gauen hatte sie auswanderungsbereite Landwirte in großer Anzahl, die zu den besten der Welt gehörten und nur hinzukommen brauchten, um den Pflug zu ergreifen und ihn in den Boden zu versenken. Hinter ihr stand die preußische Regierung, mit Machtmitteln ausgerüstet, von denen sämtliche

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