Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 NMtAanwalt Dr. E r X a 11 g t r die Nvftvendigkert des religiösen Unterriichts und wiandte sich insbesond>ere auch gegen den religionslos,en Moralunterricht. Herr Rabbiner Dr. Freu den th al als zweiter Redner verlangte die Au'ftechtevha'ltung des ob>ligatorifchen Charakters der rebigiösen- Unterweis,uu!g an den öffentlichen Schulen und besprach Ziel und Methode des israelitischen Religionsunterrichts. Er wies darauf hin, daß derselbe nicht bloß Gesinuungs-- unterricht sein könne, sondern auch Wissen 'überliefern müsse, und besprach u. a. auch die Reformierung des hebräischen Unterrichts. TieAussprache, die sich an beide Referate anschloß, w-urde durch Herrn Justizrat Tr. Held eröffnet, der gleichfalls die Notwendigkeit des religiösen Unterrichtes betonte und im Namen der Verwaltung wie als Vorsitzender der Ku ltusgemein.de erklärte, daß die Verwaltung derselben jede diesbezügliche Forderung mit Nachdruck unterstützen werde. Herr Dr. Sommer brachte die nachstehende Resolution in Vorschlag, welche nach Schluß der Aussprache, an der sich noch mehrere Damen und Herren beteiligten, einstimmig von der Versammlung angenommen wurde. — Resolut! an : Die religiöse Erziehung der Jugend ist die heilige Pflicht aller Eltern. Sie muß deshalb auch im öffentlichen Unterricht Pflichtfach bleiben und darf nicht auf die Stufe eines Wahlfaches herabgedrückt werden. Ein religionsloser Moralunterricht als Ersatz ist wertlos. Wir erwarten von den Eltern unserer Gemeinde, daß sie, einerlei wie die Verhältnisse zwischen Staat und Kirche sich gestalten, dieser heiligen Pflicht der religiösen Erziehung ihrer Kinder sich nicht entziehen und denselben während der gesamten Schulzeit religiösen Unterricht zukowmen lassen werden. Von der Verwaltung unserer Gemeinde setzen wir als selbstverständlich voraus, daß sie moralisch und finanziell sich mit allen Mitteln für pflichtmäßigen und ausreichenden Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen und, wenn erforderlich, durch Begründung einer Religionsschule einsetzen wird. — Mannheim, 14. März. D i e Landwirtschaft der Juden in Vergangenheit und Gegenwart behandelte ein interessanter Vortrag von Dr. Plaut (Hohenheim). Die Landwirtschaft >in ihren modernen Formen hat eine höhere Bedeutung für die Juden gewonnen, als es seit Jahrhunderten der Fall war. Das gilt ebensowohl für Ost- und Westeuropa als für die geplante Siedlung in Palästina. Ein kurzer historischer Ueberblrck, den der Redner seinem Vortrag voranschickte, verband die Vergangenheit mit der Gegenwart. In ausführlichen Darlegungen behandelte Dr. Plaut dann die großen landwirtschaftlichen Siedlungen in Palästina, die Baron Moritz v. Hirsch begründet hat, und auch die palästinensischen Kolonien. Ausführlich verweilte der Redner auch bei der Geschichte der A h l e m e x Gründung und deren Tochteranstalten, die den Zweck verfolgen, landwirtschaftliche und handwerkliche Betätigung bei den Juden wieder einzubürgern, und in vortrefflichen Lichtbildern erläuterte er die Ausdehnung und die Bedeutung, die diese Institute gewonnen haben. Dr. Plaut schloß mit dem Wunsche, daß jetzt die Zeit gekommen sei, ein großes Werk auf diesen Untermauerungen zu errichten. Seine Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Lruilch-Velterrkich. Z. Wien,, im März. Am 27. v. M. ist hier Herr Salomon B r o d, Seniorchef der Firma S. Brod u. Cie., Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde, Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, im 77. Lebensjahre verschieden. Der Dahingefchiedene hat mehr als ein Jahrzehnt der jüdischen Gemeindeverwaltung angehört und dort insbesondere die Interessen der jüdischen Gewerbetreibenden vertreten. Besondere Aufmerksamkeit wandte er allen Fragen der Jugendfürsorge zu, der Reform des Religionsunterrichtes, der würdigen Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes. Der Verein zur Hebung der Gewerbe hat unter seinem Präsidium eine reiche Entwicklung genommen, starken politischen Einfluß gewonnen und nach vielen Richtungen Segen gestiftet. Der rastlosen Arbeit, dem organisatorischen Talente des Dahingeschiedenen ist es zu verdanken, daß das Ansehen des jüdischen Gewerbestandes bedeutend gehoben und in dem von ihm ins Leben gerufenen Gewerbevereine würdig und der Tüchtigkeit der Wiener jüdischen Gewerbetreibenden entsprechend vertreten wurde. Vor einem Dezennium in den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde berufen, verstand er es, ans mancherlei Gebieten segensreiche, wöhldurchdachte Anregungen zu geben. Seine, gailz besonders Kultusangelegenheiten, die Erziehung der Jugend für das Judentum betreffenden Vorschläge wurden bereits teilweise verwertet und in die Praxis übertragen. — Am 2. März vormittags hat das Leichenbegängnis unter zahlreicher Beteiligung stattgefunden. Die israelitische Kultusgemeinde war durch Vizepräsident Hofrat Dr. Aappaport und eine große Anzahl von Vorstandsmitgliedern vertreten, ebenso wie die meisten der hiesigen jüdischen Vereine, die an dem Dahingeschiedenen einen ihrer wertvollen, würdigen, aber auch mitarbeitenden Förderer verlieren, ihre Abordnungen sandten. Die kantoralen Funktionen führte in gewohnt erhebender Weise Oberkantor M orge n st e r n aus, während der Persönliche Freund des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Feuchtw ang, den warm empfundenen Nachruf, der das ganze Wesen und die ersprießliche Tätigkeit des Dahingeschiedenen ganz vortrefflich charakterisierte, hielt. Hofrat Dr. Rappaport beleuchtete das segensreiche Wirken seines nun verstorbenen Kollegen im Vorstände in eindrucksvollen, ehrenden Worten. Landesschulrat Dr. Markus Spitzer sprach namens der Chewra Kadischa tief erschütternde Abschiedsworte und würdigte speziell die Tätigkeit des Verstorbenen in der Angelegenheit der Kranzablösungen: eine Aktion, die ausschließlich der Anregung des Dahingeschiedenen zu verdanken ist. Am Grabe sprach noch Direktor Max Fi scher, von der Israelitischen Kinderbewahranstalt herzliche Worte des Abschiedes; gehörte doch Herr Brod 46 Jahre dem Tempelvorstande dieses Vereines an, und manche segensreiche Einrichtung, dortselbst ist ebenfalls das Verdienst des Verstorbenen. Nachdem noch Schriftsteller Jacques Jäger namens des Vorstandes des Vereines zur Hebung des Gewerbes tiefempfundene, ergreifende Dankes- und Abschiedsworte gesprochen, wurde der Sarg ins Grab gesenkt. — Ter Bund der deutschen F r a u en v e r e i n e hat dieser Tage in zahlreichen deutschen Städten Protestversammlungen gegen die Pogrome in Galizien veranstaltet. Als die berufenen Hüterinnen alles Lebens haben die Frauen sich gedrängt gefühlt, ihrem Abscheu von den blutigen Greueln, die an friedlichen, unschuldigen Bürgern, Frauen und Kindern verübt werden, Ausdruck zu geben. Gleichzeitig ließ die Zentralleitung des Bundes an die einzelnen Ortsgruppen ein Rundschreiben ergehen, in welchen: sie betont, daß es Wicht der deutschen Frauen sei, ihren jüdischen Schwestern, die Schulter an Schulter mit ihnen gearbeitet, heute doppelt ihre Liebe und Wertschätzung zu beweisen, um sie über das Leid, das ihnen durch die Verfolgungen ihrer Volksgenossen angetan wurde, hinwegzutrösten. Zur selben Zeit, als in Deutschland diese Protestversammlungen stattfanden, wurde in Wien die Versammluug des Bundes österreichischer Frauenvereine abgehalten, deren Teilnehmerinnen es nicht für notwendig fanden, zu den Pogromen Stellung zu nehmen. Dagegen betonte die Vorsitzende, Frau Herta v. Sprung, die Notwendigkeit, daß die Frauenvereine sich gegen das Eindringen der „volksfremden" Elemente unter den Frauen zur Wehr zu fetzen. Es ist ein trauriges Zeichen, daß die Frauen, von denen man stets vorausgesetzt hat, daß sie es verstehen werden, sich vorn Chauvinismus und vom engherzigen Parteistandpunkte freizumachen, den kleinlichen Standpunkt der Männer einnehmen und ohne Sachlichkeit, anstatt der Mitarbeit von tausenden aufopfernden jüdischen Frauen dankbar gerecht zu werden und sie zu würdigen, eine chauvinistische Hetze beginnen. Tie jüdischen Frauenvereine, welche dem Bunde angefchlossen waren, haben auch aus diesem Vorgehen ihre Konsequenzen gezogen und sind aus dem Bunde ausgetreten. Es ist aufs wärmste zu begrüßen, daß die jüdischen Frauen, welche in jahrzehntelanger Arbeit vorbildlich auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge gearbeitet haben, besonders während der Kriegszeit zahlreichen Armen ohne Unterschied der Konfession geholfen haben, ihre gerecht Empörung durch ihren Austritt bekundet haben. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß die jüdischen Frauen ihre Würde und ihr Selbstbewußtsein auch den nichtjüdischen Frauen gegenüber zeigen. Im Interesse der allgemeinen Frauenbewegung wollen wir aber hoffen, daß solche Vorfälle, die tieftraurig und beschämend für die ganze Welt sind, in Zukunft vermieden werden. Angsrn. 1. Budapest, im März. In dem von ihnen besetzten Banat haben die serbischen Militärbehörden eine Volkszählung angeordnet,