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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-28 · Heft 13 (28.3.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 die den eingestandenett Zweck verfolgte, derFriedenskonferenz ein Material über die völkischen Perhältnisie in diesem Gebiete vorlegen zu können. Der uneingestanvene. Zweck war die Zusammenstellung einer Statistik, aus der hervorgehen würde, daß in diesen besetzten Teilen das ungarische Element die Minderheit bilde und daß diese Gebiete auch völkisch Serbien Zuneigen. Um dies Zu erzielen, wurde die Volkszählung mit allem Hochdruck der Ueberredung, der gelinden Gewalt und, wo dies nichts nutzte, mit schamlosen Verdrehungen durchgesührt. Besonders das ungarisch gesinnte Judentum hatte unter diesem Druck zu leiden. Die serbischen Behörden legten den Juden nahe, sich ja nicht als Ungarn zu bekennen, und sie förderten die Wasser auf ihre Mühle treibende zionistische Agitation, da sie die „besondere jüdische Nation" nicht als Ungarn zu verbuchen brauchten und aus diese Weise die Verhältniszahl des Ungartums bedeutend ungünstiger darstellen Zu können, hofften. Trotz alledem war der Erfolg ein kläglicher, wie aus folgenden zwei beglaubigten Beispielen hervorgeht: In Temesvar hatten die Serben — trotzdem sich von den nahezu 10 000 Juden der Stadt 2175 als „zur jüdischen Nation" gehörig bekundeten, also nicht 78 Prozent, wie die Zionisten frohlockend verkündeten, sondern kaum 22 Prozent der gesamten Judenschaft — gegenüber den Ungarn und Deutschen der Stadt nur eine Zwergminorität aller übrigen Nationalitäten zusammengenommen und kaum acht Prozent Serben aufzuweisen. In der angeblich überwiegend serbischen Stadt N a gy b ec ske r ek ergab die Volkszählung der Serben, die hier sämtliche Juden aus eigener Machtvollkommenheit einfach als „jüdische Nation" registrierten, folgendes Resultat: Von den 25 600 Einwohnern der Stadt sind 9189 Serben, 6850 Deutsche, 1160 Juden, 6998 Ungarn, 549 Slowaken, 225 Kroaten, 179 Rumänen und 50 andere Nationalitäten. Die Zahl der Ungarn übetragt also hier mit 800, in Wirklichkeit — da die Juden durchwegs gleichfalls Ungarn sind — mit nahezu 2000 Seelen die Serben, so daß von den 25 600 Einwohnern 15 008 Ungarn und Deutsche, also weit über die Hälfte, der ungarischen Staatsidee angehören. Von Ksh und Mn. --- Professor Dr. Franz Oppenheimer, Prioatdozent an der Universität Berlin, wurde zum ordentlichen Professor der Frankfurter Universität ernannt: er übernimmt, wie bereits gemeldet, den neuerrichteten Lehrstuhl für Soziologie. — Am 18. d. M. beging die frühere Lehrerin an der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin . Fräulein Thea W o r m a n n ihren 70. Geburtstag. Die Jubilarin wirkt seit Jahrzehnten segensreich auf verschiedenen Gebieten jüdischer Wohlfahrtspflege; besondere Verdienste hat sie sich um das Säuglingsheim in Berlin-Niederschönhausen erworben. Mögen ihr noch viele arbeitsfrohe Jahre beschieden sein. — Ein hebräischer Kindergarten ist in diesen Tagen im Westen Berlins eröffnet worden. Die Leitung liegt in den Händen einer bewährten palästinensischen Kindergärtnerin, die im Fröbel-Seminar in Jerusalem ausgeoildet worden ist. Der Kindergarten befindet sich Kurfürstendamm 217, Ecke Fasanenstraße, bei Wolfs. Anmeldungen sind \ an das Jugendsekretariat der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Berlin W 15, Sächsische Straße 8, zu richten. ~~ Am 17. t>. UL verschied der Schuldirigent und Prediger an den Gefängnissen Berlin, Moabit und Plötzensee, Herr Abraham Levy, im 74. Lebensjahre. Tie Beerdigung hat dem Wunsche des Verstorbenen gemäß in aller Stille startgesunoen. — In Berlin starb dieser Tage im 95. Lebensjahre Herr Lewin Traubenberg, ein bedeutender Talmudtenner von hervorragendem Scharfsinn. — Dr. Oscar Lip schütz, der fromme Rabbiner des Llppmann- T au ß-Sy nago genve r ei ns, ift am 24. d. M. kurz nach bcm Morgengottesdienst mt 72. Lebensjahre plötzlich verschieden. -- Zum Gerichtsassessor int Bezirk des Oberlandesgerichttz Posen ist der Referendar D. Samt er ernannt worden. -- Bei der Stadtverordnetenwahl in Glogau wurde Frau Betty B i b o, Mitglied der Deutschen demokratischen Partei, als Stadtverordnete gewählt. — Aus Anlaß ihres 80. Geburtstages spendete Frau Fanny Silberstein in Gleiwitz 500 Mark für die Armen der dortigen jüdischen Gemeinde. Den gleichen Betrag überwies die greise Jubilarin der Stadthauptkasse für die Ortsarmen. — Aus Neustettin wird uns geschrieben: Herr Prediger und Lehrer Voß hier wurde zum Stadv-erordneten gewählt. Herr Voß hatte bei den Wahlen zur Deutschen und Preußischen Nationalversammlung durch sein entschiedenes Auftreten eüwü großen Teil dazu beigetragen, daß die Antisemiten hier inS Hintertreffen gerieten. Auch bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung konnten die Deutschnationalen nur vier Sitze von H0 erobern. Aus der Jüdischen Gemeinde gehören nun drei Mitglieder dem Stadtverordneterrkollegium an. — Am 1. April er, Dann Lehrer und Kantor Kuschner in Dramjburg i: P. auf eine 25jährige Tätigkeit an der Synagogengemeinde daselbst zurückblicken. Mögen -dem Jubilar noch viel glückliche und freudenreiche Jahre beschieden sein. — Der Verein „Einigkeit" (Chemnitzhat am 5. Januar d. I. zugunsten der notleidenden Juden in Lemberg einen Wohltätigkeitsabend, verbunden mit einer Haussammlung, veranstaltet. Der Ertrag von 25 000 Kronen wurde dem Jüdischen Nationalrat in Wien zur Verteilung an die Bedürftigen überwiesen. — Am Sonntag, den 16. d. M. (Purim), feierte in alter Frische der älteste Bürger Kölns, Herr Natan Markus Löb, seinen 102. Geburtstag. — In Holzminden ist ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur gegründet worden, ebenso in Breiten i. B., dem sämtliche Gemeindemitglieder beitraten. — Aus Frankfurt a. M. wird berichtet: An Stelle des vor Jahresfrist verstorbenen Dr. Paul Grttnbaum ist Rabbiner Dr. I. Friedmann aus Wongrowitz (Posen) als Lehrer an der israelitischen Religionsschule gewählt worden. — Herr Rabbiner Dr. Tänzer in Göppingen, dem früheren Armeerabbiner der Heeresgruppe Kiew, ist von seinem Oberkommando das Verwundetenabzeichen zuerkannt und vom Bezirkskommando Gmünd nebst Besitzzeugnis ausge folgt worden. — Das Amsterdamer „Allgemeen Handelsblad" hat einen besonderen Berichterstatter nach Polen entsandt, der nun im „Handelsblad" in einer Serie von Artikeln seine Eindrücke wiedergibt. Er schreibt! unter anderem: Von 3620 Anklagen wurden in 2715 Fällen die Täter | entdeckt. Man kann sie folgendermaßen klassifizieren: Soldaten ohne j Offiziere 1918 Fülle, Soldaten unter Kommando von Offizieren! 494 Fälle, Offiziere allein 6 Fälle, Soldaten und Bürger 391 Fälle, Bürger allein 6 Fälle. In 98 Fällen sind Frauen, und zwar in 14 Fällen Rote-Kreuz-Schwestern mitschuldig, und so geht diese 'Auszahlung der Möroer, Greueltaten usw. fort. — Herr Rabbiner Dr. Joses W o h l st e i n (Malmö in Schweden), der im Namen des dortigen Friedensvereins an Präsidenten Wilson ein Willkommensgruß sandte, erhielt folgende Antwort: „Herrn Rabbiner Dr. Wohlsein! Im Aufträge des Präsidenten Wilson bestätige ich den empfang des Wiüwmmensgrußes und soll ich seinen aufrichtigen Dank aussprechen für die Gefühle, die Sie so schön zum Ausdruck gebracht haben. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner aufrichtigen Gefühle. Für Präsident Wilson: E. Elose." — Laut Nachricht aus Bukarest ist dre Lage der jüdischen Bevölkerung fürchterlich. In Bukarest und Braila ^fanden Plünderungen statt. Viele Juden wurden geschlagen und verhaftet. Die Hetze war nie so heftig und leidenschaftlich wie jetzt. — Bei einem Pogrom in Wischmz wurden zwei Juden getötet und mehrere verwundet. Drei jüdische Häuser sind medergevrannt. — Rumänische Gardisten und Pöbel, der sich ihnen angeschlossen, haben in vielen Dörfern in Siebenbürgen geplündert. In Zilah wurde Demeter Krauß von denselben erschossen. Die Bewohner von Kiszebes und der umliegenden Dörfer, oie mit Geschützen uno Maschinengewehren versehen sind, die sie von den deutschen Truppen gekauft haben, terrorisierten die ungarische, sowie die Moische Bevölkerung üno veranstalteten große Plünderungen. In Esucsä wurde unter anderen Gerhard Simon (ein vornehmer Beivohner des Ortes) angebunden, seine Frau nackt ausgezogen und gezwungen zu tanzen. Diesem barvarischen Treiben machte erst oie Aurunft regulärer Truppen ein Ende. — Die Polnische Zentralagentur erhält folgende Depesche: In der sechsten Sitzung der Konstituante errlärte ver Deputierte L ö w e n st e i n int Namen der polnischen Juden, daß diese Polen als ihr Vaterland betrachten und verlangen, als freie und gleiche Bürger behandelt zu werden. Die Lösung des jüdischen Problems in Polen sei eine, innere Frage des polnischen Staates. Die harmonierende Mitarbeit der jüdischen Bevölkerung mit der christlichen Bevölkerung sei das beste Mittel, das jüdische Problem in Polen zu lösen. — Laut einer Meldung der „Times" vom 27. Februar erhielten bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung in Warschau die Nationaldemokraten (Regierungspartei) 61 Sitze, die Sozialdemokraten 23 und die Juden 27 Sitze. » Verantwortlicher Redakteur: A l b e r t Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich' für den Anzeigenteil: Max FahrnlLnder, NeuiÄUn. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.

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