Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Zsbrgang. Nr. 13 Berlin, 26. März 1414 Der Gemeindebote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung drß Judentums. LartrsponLkn?en und Mschnchten. Aelltschland. . & # Berlin, 25. März. Neben einer Anzahl von Waisenhäusern für die männliche und weibliche elternlose jüdische Jugend der Reichshauptstadt, die aus Privaten Mitteln oder aus Stiftungsgeldern unterhalten werden, besitzt bekanntlich die Jüdische Gemeinde zu Berlin zwei eigene große Waisenerziehungsanstalten, von denen, die älteste, das Reichenheimsche Waisenhaus, Knaben und Mädchen, die zweite neuere Anstalt nur Knaben aufnirnmt. Außer der Anstaltspflege sorgt die Jüdische Gemeinde auch noch für eine große Anzahl jüdischer Waisenkinder, die in „offener Pflege", also bei ih^en Müttern, wenn es sich um Halbwaisen oder wenn es sich um Vollwaisen handelt, in Pflegestellen untergebracht sind. Im letzten Etatsjahr waren von den Zöglingen der Waisenhauskommifsion 159 Kinder in 89 Pflegestellen untergebracht, gegen 143 im Vorjahre; weitere 495 Kinder befanden sich bei ihren Müttern. Für die in Pflegestellen befindlichen Kinder wurden in einem Monat 4077' Mark gezahlt (im Vorjahre 2774 Mark); die Kosten für jedes Kind betrugen 25,64 Mark (19,40 Mark) monatlich; außerdem wurden für Bekleidung, Lehrmittel, ärztliche Behandlung u. dgl. 4,50 Mark (2,54 Mark) verausgabt. An die 495 Kinder, die bei 301 Müttern untergebracht waren, wurde 5945 Mark an Erziehungsbeiträgen bezahlt, ferner wurden für diese Kinder 5843 Mark an einmaligen Beträgen gezahlt. Die Ausgaben der Kommission beliefen sich auf 163 556 Mark, wozu die Gemeinde einen Zuschuß von 123 392 Mark leistete. Die Stadt gewährte in 39 Fällen einen Zuschuß von 806 Mark. Die Erziehung der Kinder wird von den Kuratoren der Waisenkommission überwacht, die sachgemäße Pflege und Unterbringung wird durch die Ehrendamen des Instituts beaufsichtigt. Die Waisenkommisiion zählt gegenwärtig 16 Herren als ordentliche Mitglieder und 6 Ehrendamen. Das neue Gememdestatut, das den weiblichen Gemeindemitgliedern das passive Wahlrecht für die Verwaltungskommissionen einräumt, wird die Ehrendamen zu stimmberechtigten Mitgliedern in der Waisenkommission machen. — Berlin, 25 März. In der Reihe der von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums veranstalteten Montagsvorl es ungen hielt kürzlich Professor Tr. Gunkel (Gießen) einen mit großem Beifall anfgenommenen Vortrag über das Thema: „Die S un ami te r i ii". In sein abgetönten Ausführungen würdigte der Redner die Tarstellungskunst im Alten Testament, wie sie uns auch in der vorliegenden Erzählung aus dem Zweiten Buch der Könige im hellsten Lichte entgegentritt. Nirgends ausdringliche Betrachtungen, immer nur Handlung, die inanchmal ergänzt werden muß, indem man zwischen den Zeilen liest. Der Mann der namenlosen Sunamiterin ist offenbar ein Dutzendniensch, sie ihn geistig bei weitem überragend. Wie knüpfen sich die Beziehungen zwischen ihr und den: Propheten Elischa, dem Helden der Erzählung, <m? Darüber ist kein Wort verloren; geschildert wird nur die Gastfreundschaft der Sunamiterin, ihre Haussrauentugenden sowie ihr vornehmes, zurückhaltendes Wesen, als ihr der Gottesmann zuerst durch seinen Diener, sodann persönlich ein Gastgeschenk anbietet, ferner die gläubige Aufnahme seiner Verheißung, daß in einem Jahre ihre bis dahin kinderlose Ehe mit einem Sohn gesegnet werden würde. Der zweite Teil behandelt das Motiv von der Wiedererweckung des Knaben. Hier wird wieder das Gottvertrauen der Mutter in lebendigen Farben geschildert. Der Mann, der das Leben erweckt hat, kann es auch von neuem entfachen. Ihre Reise zn dem Propheten, das stürmische Drängen der trostlosen Mutter und der glückliche Ausgang sind ebenso fein psychologisch entwickelt wie der seelisch so tief empfundene, in knappstem Stil gehaltene Schluß. E. M. Berlin, 25. März. Das Kartell j ü d i s che r Verbindungen , das wenige Tage vor Kriegsausbruch aus der Fusion des Bundes jüdischer Korporätibnen mit.dem Kartell zionistischer Verbindungen entstanden, ist, hielt in Berlin vom 16. bis 19. Februar seinen ersten ordentlichen Kartelltag ab. Eine Eröffnungsansprache des Vorsitzenden, Dr. Egon R o se n b e r g, leitete die Arbeit ein. Als Vorsitzender des Zionistischen Aktionskomitees begrüßte Professor Marburg die Tagung, dann hielt Dr. Zlocisti eine Gedächtnisrede für die mehr als hundert im Kriege gebliebenen K. I. V.-er. Kurt Blumenfeld entwickelte die Grundgedanken des K.I. D., dessen Hauptaufgabe darin besteht, in seinem Kreise alle Strömungen des modernen jüdischen Lebens zu Worte kommen zu lassen, ohne den einheitlichen umfassenden Gedanken über den Einzelheiten zu vergesien. Die Verhandlungen des Kartelltages waren von großer Bedeutung. Die Tagung mußte sich mit der Frage der Stellungnahme des K.J.V. zu den deutsch-studentischen- Formen auseinandersetzen, die in einein früheren Stadium vom K. I. V. als geeignete Erziehungsmittel angesehen worden waren, jetzt aber hierfür nicht mehr geeignet erschienen. Ter Kartelltag. faßte den Beschluß, den K.I.Bern die Satisfaktion mit der Waffe zu verbieten, und beseitigte eine Reihe weiterer bisher noch geübter Aeußerlichkeiten. Von ungleich höherer Bedeutung war die Stellungnahme zu der während des Krieges emporgewachsionen nationaljüdischen Jugendbewegung. Ter Kartelltag nahm die neue Verbindung „Hechawer" sowie die neubegründeten Vereine jüdischer Studierender in Göttingen und in Münster in das Kartell aus und stimmte der Arbeitsgemeinschaft zu, die eine Berliner Verbindung im K. I. V., die „Maccabea", mit dem „Hapoel Hazair" eingeleitet hat. Schließlich beschäftigte sich der Kartelltag noch mit der Organisation der Alten Herren und schuf einen einheitlichen Alt-Herren-Bund. Zwei neue Ressorts wurden für Palästina-Arbeiten und hebräischen Unterricht im Präsidium eingerichtet. # Berlin, 25. März. E i n neuer Sportverein „Die K a m erade n" ist die letzte Gründung im Vereinsleben der Reichshauptstadt. Ter Verein ist von einem Ausschuß ins Leben gerufen, der aus Vertretern des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Jüdische liberalen Jugendverbandes, des K. E. und der ihm angeschlossenen Verbindungen „Sprevia" und „Hetevia" und des Jüdischen Turnvereins 1905 besteht. Der Verein bezweckt die Gewinnung der jüdischen Jugend für die vom Zentralverein und den anderen vorbereitenden Verbänden vertretene dentschnationale Gesinnung. Er erstrebt' die körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend, Stärkung ihrer Liebe zur deutschen Heimat und ihren geselligen Zusammenschluß und die Bekämpfung des Nationaljudentnms. Zu den religiösen Parteiungen innerhalb des Judentums nimmt der Verein keine Stellung. . 2/D Berlin, 25. März. Die Frauenvereinigung des Humanitätsvererns „Gewull Tauw" E. B.. hat anläßlich ihres zivanzigjährigen Bestehens im Jahre 1916 die He n r i e t t e - D a v i d - S t i f t u n g errichtet, um aus deren Zinsen und Spenden bedürftigen jüdischen Kindern einen mehrwöchigen Land- und Kuraufenthalt zur Kräftigung ihrer Gesundheit zu verschaffen. Bereits im vorigen Jahre war es trotz der der Stiftung zur Derftigung stehenden geringen Mittet uwglich geworden, vierzehn schwächliche Kinder nach den Bädern Polzin und Kolberg zu entsenden. Ter Erfolg war durchweg ein sehr erfreulicher; es konnten Gewichtszunahmen von drei bis acht Pfund sestgestellt werden. Die Eltern erkannten die ihren Kleinen erwiesene Wohltat sämtlich mit großem Dank an. Das Kuratorium dieser Stiftung möchte nun die gleiche Wjohltat in diesem Jahre einer größeren Anzahl von Kindern zuteil werden lassen. Hierzu sind aber größere Geldmittel erforderlich. Einmalige oder fortlaufende Spenden werden daher von gütigen Förderern dieses segensvollen Zweckes herzlrchst erbeten und mit größtem Danke von den: Vorsitzenden des Kuratoriums, Herrn Wilhelm Bursch in Berlin-Wilmersdorf, Helmstedter Straße 20, gern .entgegengenommen. — Sohrarr, 21. März. Bei einer jüngst stattgehabten Kundgebung zugunsten unserer Kriegsgefangenen gab es eine Auseinandersetzung zwischen dem Redner, einem Offizier, und einem Vertreter der hiesigen jüdischen Gemeinde. Der Referent behauptete, daß deutsche Juden in englischer Uniform unsere eigenen Brüder drangsaliert hätten. Herr Kantor Plaut, der dieser Versammlung beiwohnte, erhob gegen diese ebenso unerhörte als sinnlose Behauptung energischen Protest und verließ dann mit sämtlichen anwesenden Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde den Saat. Der Redner ist aufgefordert worden, den