Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229403--74760-3287228- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Leben bedeutet. Warum rütteln Sie sich nicht selbst zu Taten I auf, und warum begeben Sie sich des Vorrechtes aller denkenden Wesen, indem Sie sich kühn Zurufen: Auch ich habe noch eine Zukunft vor mir?" „Es ist eben meine Zukunft, die mich veranlaßt, die Augen zu schließen und mich an die Gegenwart zu klammern," erwiderte sie unbewegt. j „Da befinden Sie sich doch in einem großen Irrtum," sprach er warm. „Es ist ungerecht, die Zeit mit Gewalt zurückhalten zu wollen. Es ist unrecht, sich tief in den Boden einzuwurzeln, wo wir gerade stehen, um keinen einzigen Zoll vorwärts zu kommen. Zeit und Welt schreiten weiter, und wer nickt mitaeht, bleibt im Ginstern obne Sonnenschein zurück. Mit offenen Augen und voller Kraft muffen Sie die Zukunft erwarten oder auch ihr entgegenstürmen, dann können Sie sie nach Ihrem Willen meistern." „Gegen die Zukunft stürmen!" Sie schien diese Phrase in ihrem Gehirn herumzuwälzen. Dann beugte sie sich energisch vor und blickte ihn fest an. „Herr Klaßner, mir geht setzt ein Licht auf. Burger hat Sie wohl beauftragt, so zu mir zu fvrecken?" „Sw täuschen sich, Fräulein Alice. Er hat es damals, im Overnbause. wohl auf der Zunae gehabt, aber im letzten Augenblick hielt er sick zurück. Ich kann Sie versichern, Adolph Buraer bat seinen Stolz." ..Adolph Burger hat seinen Stolz!" wiederholte sie abermals seine Worte mit weitaeöffneten Augen, als habe sie eben eine überraschende Nachricht empianaen. „Jawohl, trotz der Tatsache, daß er sich Ihre ablehnende Haltung gefallen läßt. Ist es indiskret, wenn ick Sie fraae. was S'e gegen ihn einzuwenden haben?" Er beobachtete sie voller Svannung. „Durchaus nickt. Ich will Ihnen gern alles erklären. Da ill zunächst der Fall mit meinen eigenen Eltern, der mir als Warnung dient. Meine Mutter heiratete einen Mann, den sie nickt liebte. Vielleicht glaubte sie. daß im Laufe der Zeit das Krumme gerade, das Unrecht wieder Neckt werden wird. Aber es blieb doch so, wie es war. und Gott allein weiß, wer die Sckuld daran getragen. In iedem Falle bat sich das Unrecht bitter gerächt. Seit ick selbständig denken kann, war unser Familienleben'einem Trauerspiel nicht unähnlich. Der Vater ist tot. und wer weiß, welcher Wurm an seinem -Herzen genagt. Das Schlimmste iedoch ist, daß es auch bei meiner Mutter nicht spurlos vorübergeaanaen, obwohl sie selbst es nicht weiß oder nicht wissen will. Ick dagegen weiß es bestimmt, daß ein guter Kern in ihr vorhanden ist, und in der richtigen Svhäre wäre sie eine wohltätige Kraft, ein Segen für viele Menschen geworden. Wie es aber kam, wurde sie verbittert, hart, unfreundlich und selbstsüchtig. Ueberrascht es S>e, daß ich zurückschrecke, ihr Los zu teilen?" „Das aber brauchen Sie dock nickt. Gerade dieses Beispiel wird Sie lehren, welchen Weg Sie 'wandeln, was Sie tun und was Sie lassen sollen. Sie werden sich nickt damit begnügen zu sagen: Gott allein weiß, wer die Schuld trägt, sondern Sie werden die Schuld aus der Welt zu schaffen suchen." „Wenigstens werde ick meine ganze Kraft aufbieten, daß es nickt die meinige fein soll." „Wäre nicht dies schon eine gewisse Bürgschaft für die Zukunft?" „Ja, es könnte. Aber welche Riesenkraft, welche Seelenkämpfe würde es erfordern! Und bin ich denn ein Kieselstein, ist denn meine Kraft unerschöpflich wie das Meer? Wie lange könnte ich mich dieser übermenschlichen Aufgabe widmen, ohne mich dabei vollständig aufzureiben oder wenigstens nicht auf halbem Wege liegenzubleiben? Und selbst wenn es mir! wider Erwarten gelingen sollte, welchen Nutzen hätte es dann, nachdem ich mein Bestes in mir verbraucht? Was verlange ich denn überhaupt vom Leben? Ich will doch nur, daß man meine Seele nicht in ein ewiges Siechtum hineinzwängt. Vielleicht halten Sie dies für müßiges Geschwätz; aber ich halte mich doch für zu gut, um so zu verkommen, um mich j leichten Herzens mit etwas abzufinden, das ftir mich schlimmer ist als der Tod!" „Fräulein Alice, es ist kein müßiges Geschwätz, es kann es nicht sein, weil es so überzeugend auf mich wirkt," erwiderte er nachdenkend. Ihre Gesichtszüge klärten sich auf. „Es tut wohl. Sie so sprechen zu hören," rief sie. „Aber.die Einwendung, von der Sie bisher gesprochen, bezieht sich doch nur auf Ihre Person und nicht auf Burger." Sie sah ihn erstaunt an. „Burger? Sie erwarten doch nicht, daß ich etwas gegen den Mann sagen soll, der in weniaen Tagen mein Gatte sein wird!" „Sie sind also fest entschlossen, Burger doch noch zu heiraten?" Die Frage entrang sich seinen Lippen gegen seinen Willen. „Bin ich denn nicht zu diesem Zwecke mit ihm verlobt?" „Und kennen doch alle Gefahren für Sie?" Ein plötzlicher Zorn flammte in ihm auf, nur wußte er nicht gegen wen oder gegen was. „Iawobl, ich kenne die Gefahren und werde sie auf mich nehmen. Wenn es sein muß, sogar schon morgen." Er batte diesen Worten mit äußerster Svannung gelauscht, obwobl er dock wußte, daß sie kommen werden. „Morgen schon." wiederholte sie, „wenn ick nickt überzeugt wäre, daß bei dem Verlassen dieses Hauses die Tür hinter mir weit offen bleibt, um das Unglück einüehen zu laffen. Solange ick noch hier bin, stehe ich aleichsam auf Pollen, um meine Mutter und meine beiden Schwestern zu hüten." ..Aber eines Tages werden Sie doch Ihren Posten verlassen inüffen." „Je später, desto besier, um mir Zeit zu laffen, daß vielleicht doch noch ein Wunder geschieht. Vielleicht daß meine Mutter zur Einsicht gelangt und ibr sündiges Vorhaben in der richtiaen Beleuchtung sieht; vielleicht auch, daß sie seiner überdrüssig wird, vielleicht aber auch." ihre Stimme bebte merklich, „daß Buraer meiner überdrüssig wird." Klaßner widersprach nicht. Warum sollte er ihr saaen. daß sie, weniaftens in der letzten Annahme, einer falschen Hoffnung sich hingibt, daß dieses Wunder wohl nie geschehen wird. Er wußte, was Burger ihm gesagt. Seine Aufgabe hier war aber zu erleichtern, nicht aber noch weitere Lasten aufzubüvdm. „Missen Sie, daß diese beabsichtigte Heirat Ihrer Mutter mit Dr. Iarvis auch die Freundschaft zwischen uns beiden sehr stark beeinträchtigen wird?" Sie lächelte traurig. „Die Notwendigkeit dafür sehe ich nicht ein." „Diesen Entschluß habe ich schon vor längerer Zeit gefaßt," sprach er nicht ohne Befangenheit. „Den meisten Menschen mag dieses vielleicht kindisch und phantastisch erscheinen, so kindisch, daß ich es nur dadurch des Lächerlichen entkleiden kann, wenn ich es zu einem Prinzip erhebe. In senen dunkeln, gräßlichen Nächten, die Ellens Flucht folgten, da schwor ich es mir zu, von allen denen mich entfernt zu halten, die außerhalb ihres Glaubens eine Che eingehen, jede Verbindung mit ihnen abzubrechen und sie zu meiden, so wünschenswert ihre Gesellschaft, so groß der Verlust für mich auch wäre. Es soll einen persönlichen Protest, einen Widerspruch gegen das Widermenschliche bedeuten, zu dem ich durch meine Erfahrung