Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-28 · Heft 13 (28.3.1919) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229403--74759-3287227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

130 angenommen, interessierte sich lebhaft für jüdische Angelegenheiten, ohne, wie die meisten jüngeren Leute, vom Zionismus angekränkelt zu sein. Einzelne seiner oben erwähnten literarischen Arbeiten, die jüdische Dinge behandelten, sind in diesen Blättern behandelt worden; kleinere Studien, die er jüdischen Dingen widmete, welche auch in diesen Blättern erschienen, haben den Lesern durch ihre frische Darstellung und ihre gediegene Kenntnis Freude und Genuß bereitet. Die Arbeit über Heine und die erst vor wenigen Wochen abgeschlossene Veröffentlichung des Briefwechsels Hehse-Storm habe ich, soweit sie auf Jüdisches eingehen, in diesen Blättern gewürdigt, ihrem allgemeinen Gehalte nach in anderen Zeitungen ausführlich besprochen. Es ist merkwürdig, daß Plotke, in jeder Beziehung ein Moderner, selbst in politischen Angelegenheiten vollkommen Linksstehender: eine Tatsache, die ich erst aus den vorstehenden Notizen erfuhr, in fast schwärmerischer Liebe sich Paul Heyse zugewandt hatte, dem Gegner alles Extremen und dem heftigen Bekämpfer der neuen Richtung. Seine diesem Altmeister gewidmeten Arbeiten zeigen den ganzen Enthusiasmus der Jugend und doch die volle Reife eines beidachten Forschers. Mir ist der zweite Band „Hehse—Storm", der mir in den schwersten Tagen unserer an bedenklichen Momenten so reichen Zeit zuging und von mir wirklich verschlungen wurde, ein Labsal, ein wahrer Jungbrunnen gewordene, ich teilte diese Empfindung dem Herausgeber mit und erhielt noch wenige Tage vor seiner Erkrankung, die zu einer tödlichen werden sollte, von ihm eine liebenswürdige, dankbare Antwort. Plotke war noch kein fertiger Mann, ein Strebender; man hätte manche literarische und künstlerische Leistung von ihm erwarten dürfen. Es ist tief betrübend, daß er in so jungen Jahren — er hatte die Dreißig noch nicht erreicht — einem tückischen Schicksal erliegen mußte. Ehre seinem Andenken! Line Milche Dichterin. Henriette O t t e n h e i m e r. Von Regina Neißei.' ls eineHeldin im Dulden und Ertragen erwies sich von ihrer frühesten Jugend an Henriette Ottenheimer, geboren am 10. September 1807 zu Stuttgart. Obgleich von ihrem sechsten Lebensjahre teilweise und später vollständig gelähmt, empfand sie die tiefen Schatten, die ihre körperliche Gebrechlichkeit über ihre Kindheit breitete, weniger schmerzlich, da ihre trefflichen Eltern in der Lage waren, sie fürsorglichzärtlich zu pflegen. Ihr Geist erhielt durch ausgezeichnete Lehrkräfte eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Bildung. Frühzeitig auf ihr Seelenleben angewiesen, wurde ihr Blick schon in den Mädchenjahren auf die ernsten Wissenschaften hingelenkt und ihre elastische Natur ließ sie leichter ihr Uebel ertragen und überwinden. Sie wurde die Vorleserin ihres blinden Vaters, der sich besonders lebhaft für die Weltgeschichte interessierte. Henriette fühlte sich insbesondere von der Kulturgeschichte ihres eigenen, des jüdischen Volkes gefesielt. Die traurige Stellung, die dieses unter den Nationen einnahm, berührte sie ungemein schmerzlich und sie setzte sich die Bekämpfung des Vorurteils, unter dem die Juden litten, als Ziel ihres Strebens. Ihre dichterische Begabung bekundete sich schon frühzeitig. Kaum zwanzigjährig schrieb sie „Sei getreu bis in den Tod", eine größere Dichtung, die jedoch erst 1836 in Eduard Tullers „Deutschem Stammbuch" erschien und in erhebender Weise die Liebe Henriettens zu der Religion ihrer Väter ausdrückt, für die sie gern leiden und dulden möchte. Ihre erste Gedichtsammlung hatte sie schon ein Jahr zuvor in Stuttgart unter dem Titel: „Der Kettenschmied, ein Märchentranm" herausgegeben und dem Dichter Ludwig Uhland gewidmet. In ihren Liedern offenbart sich ein liebevolles, mildes, warmes Gemüt, eine edle, hohe Denkungsart, die sich in das Leiden der menschlichen Natur versenkt und zu trösten, zu lindern sucht. Außerdem erschien in kurzer Aufeinanderfolge ein neuer Band Gedichte (Stuttgart), ferner „Bilder und Lieder" (München), „Erzählungen und Gedichte" (Stuttgart). Erst 1841 veröffentlichte sie ein neues Buch „Erzählungen" (Leipzig). Zahlreiche literarische Arbeiten aus ihrer fleißigen Feder brachten die angesehensten Zeitschriften jener Jahre, z. B. Cottas „Morgenblatt", Dullers „Phönix", Spindlers „Damenzeitung", Lewalds „Europa" u. a. in. Ihre größte Lebensfreude war der Verkehr mit bedeutenden Persönlichkeiten, den sie direkt oder durch Briefwechsel gleichermaßen gern eifrig pflegte. So war es ihr eine Herzenserhebung mit Uhland, Rückert, Menzel, Gabriel Rießer und Michael Beer, dem Dichter des „Paria" und „Struensee", schrisllich und mündlich lebhafte Beziehungen aufrechtzuerhalten. Dem allzu frühen Heimgänge des letzteren widmete sie tiefgefühlte Poesien. Ungeachtet ihrer großen Kränklichkeit und gänzlichen Hilflosigkeit überlebte sie den ganzen Kreis hervorragender Menschen, denen sie zumeist während eines längeren Aufenthaltes in Jena näher getreten war. Ihre letzten Lebensjahre brachte sie bei ihrer Schwester, Frau Koch, in stiller Zurückgezogenheit in Regensburg zu, unentwegt heiter und gottvertrauend bis zum Ende. 1883 ist Henriette Ottenheimer zum ewigen Frieden eingegangen Jedem das Seimge. (35. Forts.) Roman von M. Pulver m a n n ie klein und unbedeutend komme ich mir dabei vor, im Vergleich zu Ihrer großen! Herzensgüte! Sie bringen ihr noch immer Wohlwollen entgegen, ich hingegen, von der sie es nicht minder beanspruchen darf, ich tat nichts, ich rührte keinen Finger, ich blieb müßig abseits stehen, während ihre Seele sich verirrt hatte! Wie leicht hätte sie in ihrer Verzweiflung auf Wwege geraten können oder eine Tat begehen, gleich verdammenswert vor Gott und Menschen! Ich hätte mir da einen großen Teil der Schuld zuschreiben müssen, weil ich in krasser Selbstsucht nur auf meine eigenen Wünsche, nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht war!" Eine tiefe Rührung übermannte Klaßner bei diesem seltsamen Herzenserguß, bei dieser befremdlichen Selbstbeschuldigung. Hier offenbarte sich ihm wieder die Riesenkraft der Frauen, zu leiden und zu dulden. Die Frau drängt sich an die leidende Schwester heran, füllt das eigene Herz mit fremdem Leid, um das eigene daraus zu verscheuchen; sie nährt den Kummer anderer mit ihrem eigenen Herzblut, um den ihrigen zu töten. Das Mädchen tat ihm leid und ihre Selbstvorwürfe schnitten ihm in die Seele. „Warum wollen Sie sich denn noch fremde Lasten aufbürden? Haben Sie denn keine eigenen zu tragen?" fragte er kühn. Sie sah ihn mit einem starren Blick an. „Ich meine," fuhr er sanfter fort, „haben Sie denn nicht für sich selbst etwas von der Zukunft zu erhoffen? Sie sind so ruhig und gefaßt, als hätten Sie bereits mit allein abgeschlossen, als wären Sie schon am Ende aller Dinge angelangt. Sie machen keinerlei Versuch, sich zu erheben, sich auf- . zurichten, und vergessen dabei, daß Bewegung Kraft und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.