Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 U»d wie schwe r e Schuld an dem Ausgang des Krieges trägt Herr v. Tirpitz persönlich mit seiner unseligen V o r l i e b e für die D r ea d n o u g h t s, von denen übrigens nicht ein einziger, nicht einmal in der Seeschlacht am Skagerrak) in Aktion trat, Weib das erste Kampfschiff dieser Gattung erst einige Wochen später fertig wurde! Ferner mit seiner systematischen Vernachlässigung, ja anfänglichenVechöhnung des U-B ootes, mit seinem ungestümen Drängen auf Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, obwohl er wissen mußte, daß infolge der in der Hauptsache durch ihn verschuldeten Verlangsamung des Baues dieser Waffe die Zahl unserer U-Boote viel zu geringfügig war. Zu alledem kam noch die ja jetzt auch von alldeutscher Seite zugegebene, geradezu frevelhafte Unterschätzung unserer G e g n e r. Mit einer Leichtfertigkeit sondergleichen, mit einem an die berüchtigten Säbelwetzer von 1806 erinnernden Hohn spottete man über die B e d e u t u n g s l o s i gk e i t zuerst der englischen und dann der amerikanischen Armee. „Amerikas militärische H i I fe i st ein Phantom", erklärte Herr v. Tirpitz noch im Januar 1918. Und Herr v. Capelle schätzte,das militärische Eingreifen Amerikas gleich „Null, Null, N«ll" ein. Und ebenso verhängnisvoll wie auf militärischem hat sich die Strategie unserer alldeutsch beeinflußten militärischen Oberleitung auf volitisch-diplonratischem Gebiete erwiesen. Wenn jetzt Alldeutsche und Konservative immer krampfhaft das Arqument in den Vordergrund rücken, daß ja kein einziger Mann aus ihren Reihen während des Krieges eine verantwortliche Stelle in der Regierung bekleidet habe, so ist das eitel Spieaelfechterei. Eine wirklich s e l b st ä n d i g e und unabhängige Regierung, einen Politisch allein entscheidenden Reichskanzler oder Staatssekretär des Auswärtigen hat es überhaupt nicht gegeben. Die Oberste Heeresleitung und zuletzt Ludendvrff waren Heerführer und politische Oberleitung in einer Person. So ist unsere militärische Leitung — von dem „Nervenzusammenbruch" des Herrn Ludendorff am Vorabend der Katastrophe ganz abgesehen - - auf militärischem wie auf politischem Gebiete von ei nein Irr turn über unsere Kräfte und die Kräfte unserer Feinde. von einer Selbsttäuschung über die psychologischen Wirkungen unserer militärischen und politischen Aktionen auf das feindliche und das neutrale Ausland zur anderen getaumelt, bis das Verderben über uns hereinbrach. Diesen Sachverhalt in klarer und eindringlicher Weise allen alldeutschen Verdunkelungen und Verfälschungen gegenüber unserem Volke zum Bewußtsein gebracht zu haben, ist das Verdienst der vorliegenden gründlichen Abrechnung Gotheins Mit den alldeutsch-militaristischen Kriegshetzern und Kriegsverlängerern, deren bodenlos leichtfertige und zum Teil verbrecherische Politik erst den Boden für die Revolution geebnet hat. David Stütze!. | Ein Gedenkblatt. Bon Rabbinci' Dr. Trei tel (Laupheim). fPt in unermüdlicher Arbeiter im Weinberge des Herrn, der nur einem, seinem Amte wie dem Studium, gelebt neben der selbstverständlichen Vatersorge für sein "Haus, Meister der jüdischen Wissenschaft, der Mann tiefen talmudischen-- Wissens, wie dies seine in Talmudforschung einschlägigen Arbeiten bekunden, DavidSt ö ßel, der Stuttgarter I Bezirksrabbiner, ist feit dem 7. ü. M. nicht mehr unter uns Lebenden. Kaum an die Grenze des Lebens gelangt, nach- •' dein er eben erst das 70. Lebensjahr überschritten. ist er heim- ' gegangen. Allgemein ist die Trauer um ihn, im Hause» int Lande, bei den Behörden, unter denen und mit denen er gearbeitet, im Kreise der Lehrer und Rabbiner des Landes; allgemeindas Gefühl, daß fein Hinscheiden eine schwer aus-' zufüllende Lücke zurückläßt. Die Richtung, in der sich feine Kraft auf wissenschaftlichem Gebiete betätigt hat, vorweg zu nennen, war, ohne daß er sie so nannte — nicht auch daß ich wüßte, daß er Frankels Schüler gewesen—, doch die Frankelsche bei theologischen Zeitfragen aus die geschichtlichen, talmudischen Quellen zurückgreifende Schule, in deren Geist er gearbeitet. Nur ein paar Beispiele. ES galt ihm die Anklage zu widerlegen, die noch ein E. Schürer in seiner „Geschichte Israels" j Bd. II. gegenüber dem Gebetritual erhob. Der Kasuistik, die sich auch dieses Teiles des religiösen Lebens 'bemächtigt hat, daß damit das Gehet zu äußerlichem Werkdienst herabgewürdigt werde. Da beweist denn Stößel in: „Eine talimchische Studie über Wiederholung des Gebetes", abgedruckt in der „Monatsschrift", an der Hand zahlreicher Stellen aus dem Talmud und den späteren Deziforen, die er auf Grund seiner umfassenden talmudischen Gelehrsamkeit heranzuziehen weiß, daß auch die Rabbiner dem Gebete den Charakter von Herzenssache, früem Erguß der Andacht, so gut wie nur irgendeiner der neueren Theologen, ob im chriMichen oder jüdischen Lager, gewahrt wissen wollen. Wenn aber dasselbe von den Rabbinen und auch erst in der Amoräerzeit zur Wichtsatzung — Mizwah — gemacht werde, so gehe dies lediglich auf Reglung der Zeit und des Wortlauts des Gebets, auf die Weise, wie diesem Herzensbedürfnisse Genüge zu geschehen habe. Zu der Kardinalsrage: Berechtigung, das im Judentum Bestehende zu reformieren oder nicht?, bekanntlich der Frage, die bis aus den heutigen Tag Roformjudentum und Orthodoxie scheidet, geht Stößel auch hier bedächtig auf die talmudischen Quellen zurück, und gelingt es ihm zur Freude derer, die arich diese Frage gern an der Wurzel, wissenschaftlich, erfaßt sehen wollen, aus Mis-chna Edujoth I, 5 zu beweisen, daß auch nach dem Talmud Abänderungsmöglichkeiten nicht ausgeschloffen sind, nur daß der Talmud, um das geheiligte Ansehen, das Abstammung aus früherer Zeit einem Brauche oder einer Verordnung gibt, nicht ohne weiteres zu schmälern, einen Ausgleich des Gegensatzes von Ueberlieferung aus alter Zeit und dem Gebot des Lebens, der Forderung der Gegenwart sucht. Es ist die Anerkennung, daß die Verordnung für ihre und die nachfolgende Zeit volle Berechtigung gehabt, nur müßte sie, da das Leben stärker als Schulweisheit ist, zu anderer Zeit, wie eben in der Gegenwart, dem Gebot des LebenS weichen. Der tsi minus, den der Talmud bezeichnend genug dafür geprägt hat. ist das in Kreisen der Talmudgelehrten -wohlbekannte yjTxrr „aber jetzt", wonach Stößel auch den Titel seiner in der Festschrift j zu Oberkirchenrat Kroners 70. Geburtstag erschienenen Ab-! Handlung gewählt hat. Die Geltendmachung dieses tOTWIli Prinzips, fährt Stößel in seiner Auseinandersetzung fort,; findet sich im Talmud selbst, später bei Raschi, den Toffaphisten und späteren Lehrern, erstreckt sich säst über das ganze Gebiet rabbinifcher Gesetzgebung, j Ist es der Einfluß des Studiums, der Forscherarbeit. die i Stößel mit Vorliebe bei dem Kapitel des Ausgleichs stehen-! bleiben ließ, oder ist es nach der ganzen Geistesrichtung des! Mannes, kurz, so ist Stößel auch als Mensch, als Beamter \ überall Gegensätze auszugleichen bestrebt gewesen. War er auf der einen Seite bemüht, in den Gemeinden, in denen er zu tun gehabt, die religiösen Institutionen erhalten zu helfe», so bot er anderseits da, wo sich Differenzen entgegenstellten, alle Kraft aus. dieselben ans der Welt zu schassen, so auch da