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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-28 · Heft 13 (28.3.1919) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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127 folgende Politische und wirtschaftliche Katastrophe die Juden verantwortlich macht. Die Creme der völkischen Publizistik beteiligt sich an diesem alldeutschen Wettbewerb, die innerpolitrschen Gegner als offene oder versteckte Helfershelfer unserer Feinde zu schmähen, deren „vaterlandsloses Gebaren" unsere Niederlage verschuldet habe. Die Hetzslugschrift des Freiherrn v. Liebig, des bekannten enragierten Gegners des Herrn v. Bethmann Hollweg, zeigt schon in ihrem aufreizenden Titel: „Der Betrug am deutschen V o l k" die gehässige Tendenz. Aber auch Prof. Dietrich Schäfer, der Vorsitzende des „Unabhängigen Ausschusses für einen deutschen Frieden", der jetzt seine Tätigkeit offiziell eingestellt und sich aufgelöst hat, ergeht sich in einem Schwanengesang dieses Vereins: „Des Vaterlande s N o t" in den leidenschaftlichsten Anklagen gegen die „Pazifisten", die Zerstörer unseres Siegeswillens, die „verruchte Minderheit", die uns internationaler Phantasterei ausliefern möchte, gegen den Kaiser und seine „nur aus einer völligen Verkennung der Lage" erklärlichen Worte: „Ich kenne keine Parteien", und gegen Herrn v. Bethmann Hollweg, dem er das schon wiederholt als gemeine Fälschung der alldeutschen Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung" nachgewiesene Wort ' in den Mund legt, er habe es als seine Aufgabe betrachtet, „dem alten Preußen das Rückgrat zu brechen". Von irgendeiner Selbsteinkehr aller dieser Kreise ist nichts zu spüren. Im Gegenteil, Wut und Enttäuschung, daß alles anders gekommen ist, als sie gehofft und „vorausaesagt" haben, beherrscht sie und insbesondere auch Herrn Prof. Schäfer, der seinem Fachkollegen Hans v. Delbrück das „unfein e Wort" bis in alle Ewigkeit nicht vergessen kann: „die alldeutsche Gesinnung müsse nach dem Kriege gründlich ausgeschwefelt werden". In seiner Selbstgerechtigkeit und der Verherrlichung seiner eigenen politischen Weisheit geht dieser Fanatiker so weit, daß er erklärt: „Die Beteiligung deutscher Hochschullehrer an der alldeutschen Hetze ist ein F l e ck aus dem Gewände deutscher Bildung." Beinahe täglich erscheinen neue Flugschriften aus dem alldeutsch-konservativ-militaristischen Lager, die mit heißem Bemühen die Schuld auf die „Hungerfriedensmehrheitsparteien" zu schieben suchen, von sich selbst aber kühnlich behaupten, wie z. B. das Vorstandsmitglied Prof. Hang (Stuttgart) in seiner Broschüre: „H a b e n wir etwas zu bereuen", daß „wir Alldeutschen erhobenen Hauptes alle Schuld von uns weise n d ü r f e n". Weit entfernt, seine schwere Mitschuld am Kriege und insbesondere an seiner Verlängerung einzugestehen, geht auch der Alldeutsche Verband bereits jetzt zum Angriff gegen die erdrückende Mehrheit des deutschen Volkes über. In einer sehr wortreichen — sie umfaßt nicht weniger als acht Seiten —, von der Hauptleitung und dem geschästsführenden Ausschuß gezeichneten, überall der alldeutschen Presse als Flugblatt beigelegten Erklärung^ schiebt er alle Schuld für das schmachvolle Ende auf die Gegner der alldeutschen Weltanschauung und verlangt ihre Beseitigung aus allen öffentlichen Aemtern; eine Gesundung Deutschlands erwartet er nur von einer „deutschen Staatskunst, geleitet von deutschen Menschen, die deutsch erzogen sind und sich als Deutsche fühlen", d. h. natürlich als Alldeutsche; daraus ergibt sich für ihn auch „die Notwendigkeit, den jüdischen Einfluß .z u r ü ck z u d ä m m e n", wie das ja auch der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich, in seinen Leitsätzen für den. Wiederaufbau Deutschlands gefordert hat. Die in diesem Jahre erschienene Schrist des Generalleutnants Keim: „Die Schuld am Weltkriege" wie das soeben als Fortsetzung seines bekannten Hauptwerkes „Deutschlands auswärtige Politik" erschienene Buch des Grafen Reventlow: „Politische Vorgeschichte des großen Krieges" sind desgleichen in der Hauptsache apologetische Schriften der alldeutschen Expansionisten und Hauptkriegshetzer. Gegenüber dem vernichtenden Tatsachenmaterial, das der Abgeordnete und jetzige Reichsminister G o t h e i n, der als ständiges Mtiglied des Hauptausschusses des Reichstags die Entwickelung des Krieges auch in jeder einzelnen Politisch-militärischen Phase genau verfolgen konnte und die unheilvollen Einflüsse der alldeutschen Militaristen, die jede maßvolle Kriegs- und vernünftige Friedenspolitik des Reichskanzlers und des Reichstages stets zu hintertreiben wußten, aus nächster Nähe kennengelernt hat, in seiner Abhandlung über die Schuld am Zusammenbruch zusammenträgt, zerflattern freilich die selbstgerechten Lobeshhmnen und hohlen Anschuldigungen wie Seifenblasen. Was der Militarismus trotz glänzender Führung in den ersten drei Kriegsjahren und der heroischen Leistungen unseres tapferen Volksheeres durch bureaukratische Schwerfälligkeit und Halsstarrigkeit, die jeden technischen Fortschritt lähmte, die es schließlich zuwege brachte, daß das bisherige klassische Land der Militärtechnik, die Heimat der Krupp und Ehrhardt, auf technischem Gebiete, Geschützen, Munition, Flugzeugen, Tanks usw., sogar von den ans diesem Gebiete rückständigsten unserer Gegner überflügelt wurde, schon seit Beginn des Krieges an gefehlt und gesündigt hat, belastet das Schuldkonto unserer militärischen Bureaukratie in eineni Grade, daß unsere militärische Niederlage mit Zwangsläufigkeit eintreten mußte. Zwei der größten Kriegslieferanten haben, unabhängig voneinander, während des Krieges erklärt, daß es technisch nichts Rückständigeres gäbe als das preußische K r i e g s m i n i st e r i u m. W i r, nicht unsere Gegner, hatten zwar die g r o ß e n Erfinder und Organisatoren, aber wir hatten, wie der Verfasser mit Recht sagt, „sie nicht da, wo wir sie am nötigsten brauchten, an der Spitze des Heeres und der Marineverwaltung". Dort standen Männer wie Herr v. Falkenhahn, der dem Verfasser einmal erklärte, daß er in einem Gutachten für den Generalstab über Flugschiffe und Flugzeuge zu dem Schluß gekommen sei: „Die Zeppeline taugten nichts, die Flugzeuge aber schon lange nicht s." Noch schlimmer war freilich die technische Minderwertigkeit unserer G e s ch ü tz e, der F e l d g e s ch ü tz e sowohl als auch der S ch i f f s g e s ch ü tz e, die das Feuer erst auf eine um zwei Kilometer kürzere Entfernung eröffnen konnten als die Gegner. Bei den Falklandsinseln unterlagen wir, weil unsere Schiffe zusammengeschossen wurden, ehe sie auf Treffweite ihrer eigenen Geschütze an den Feind herankamen. Und in der als großer deutscher Sieg ausposaunten Seeschlacht am Skagerrak waren unsere Verluste, teils Totalverluste, teils Havarien, so schwer, daß der Marine-Generalstab eine zweite nicht mehr zu riskiereir wagte. Unsere Feldgeschütze krankten an demselben Fehler, der zu geringen Schußweite, trotzdem w i r seit Jahren das bessere Modell dem Ausland lieferten und dieses unserer Heeresverwaltung wiederholt angeboten worden war. Als die für die Auslandslieferungen fertiggestellten Batterien von uns verwendet wurden, stellte sich ihre Ueberlegenheit derart heraus, daß das alte Modell nicht mehr geballt lvurde. So hat auch hier die Verblendung und Kurzsichtigkeit unserer militärischen Leitung uns selbst dem Feinde gegenüber ins Hintertreffen gebracht.

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