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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-28 · Heft 13 (28.3.1919) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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-- 126 Bevölkerung erkannt hat. welche Moral sie besitze. Vaterland, Republik, Gesetze und Mitleid sind ihnen gleichgültig. Der Gott Nimm hat ihnen nur ein einziges Gesetz verkündet, das Gesetz der Bereicherung um jeden Preis, und das befolgen sie ohne Rücksicht auf die Opfer, die Hungers sterben. Und diese Partei - wollte die Herrschaft im Staate haben. * Man sieht täglich von neuem, wie sich die Polen durch Kultur und Zivilisation den Schutz verdienen, welchen ihnen die Entente angedeihen ließ. Zur Feier ihrer nationalen Bereiisiguug und staatlichen Selbständigkeit hat bekanntlich eine Reihe großer Pogrome stattgefunden, und auf die Wilsonschen Reden von der Völkerversöhnung und Brüderlichkeit folgten Menschen'schlächtereien und Mittelalter. Das Neueste in der polnischen Kultur ist nun die Gründung eines Komitees zur Entjudung Polens. Die historische Einladung eines Polenkönigs an die Juden, die in seinem Lande die Gewerbe einführten, den Handel und Wohlstand zum Aufblühen brachten, soll also rückgängig gemacht werden. Es ist wahrhaftig nicht nötig, ein solches Komitee zu gründen, denn der Antisemitismus in Polen ist schon brennend genug., daß sich die Inden wie im Feindeslandfühlen. Aber wie soll sich ihre Masse helfen, die im Getto kümmerlich von ihrer Hände Arbeit und winzigen Geschäften lebt, da die Auswanderung schon im Friedere nur verhältnismäßig wohlhabenden Leuten möglich war und ihr Gesetze in den überseeischen Staaten gegen über standen? Das Komitee wird also nur ihre unsäglichen Leiden vermehren und die Entente wird die Schuld daran haben, daß mehrere Millionen * Menschen durch die Wiederausrichtuug der polnischen Herrschaft trotz aller demokratischen Schlagwörter in Verzweiflung, geraten. Natürlich versetzt die Idee des Komitees die judenfeindliche Presie Wiens in Entzücken. Sie findet den Gedanken großartig und möchte ihn auch für Wien in die Tat nmgesetzt haben. Wir sollen also weichen, um den Funders, Kunschaks, Spalakowschs, Jerzabeks und ähnlichen Geisteshelden besser Platz zu machen. Wenn man aber die Sache näher untersuchen wird, kann vielleicht herauskommen, daß die Stammväter dieser edlen Herren später nach Wien gekommen sind als unsere. Ein so starkes Recht wie sie haben wir also auch, und das Recht der Freizügigkeit ist für jeden das gleiche. Vielleicht können sie uns sagen, durch welche Verdienste sie sich eigentlich als Herren von Wien und über uns fühlen? Diese Ritter vom großen Mrn-d könnten sich wirklich mehr Zurückhalten. Wir werden gehen oder wir werden bleiben, keinesfalls aber werden wir. sie fragen. Warum wir den lkriey verloren. Von t> i. r t B ü r fl c v. er es bisher noch nicht gewirkt oder instinktiv gefühlt hat, dak die Frage: „W a r n m wir den Krieg verloren haben" noch auf Jahre hinaus den Kernpunkt der innerpolitischen Streitfragen bilden wird, daß! die nächsten Reichstagswahlen vielleicht noch mehr als die j Wahlen zur Nationalversammlung unter diesem Feldgeschrei ' stehen werden, hätte es ans Hunderten von Zeitungsartikeln! der Blätter der Rechten, aus ieder Rede der Wortführer der! reaktionären Parteien in der Deutschen Nationalversammlung i und aus Tausenden von Versammlungsreden dieser politischen! Gruppen entnehmen können. Je stärker wir noch den Jamj irter und das Elend des verlorenen Krieges in der nächsten j Zukunft empfinden werden, je härter die Entbehrungen an den! notwendigsten Lebensmitteln und die finanziellen Lasten, ins-! besondere Abtragung der Kriegsschulden, auf uns drücken > werden, desto gellender wird das Rachegeschrei gegen diej jenigen ertönen, die das entsetzliche Unglück verschuldet haben. Es gibt daher für die Parteien der Linken keine wichtigere , politische Aufgabe, als die große Masse des Volkes, dessen Blick nur allzusehr an der Oberfläche haften bleibt, das nur die Augenblickswirkungen des verlorenen Krieges am eigenen Leib spürt und bitter empfindet, sich aber nicht die Mühe gibt, den; wirklichen Ursachen auf den Grund zu gehen, darüber aufzuj klären, wer die wahren Schuldigen an dem traurigen Ausj gange des Krieges sind. Diese Pflicht der Aufklärung ist eine - um so dringendere, als gerade von seiten dieser Schuldigen eine fieberhafte publizistische Tätigkeit entfaltet wird, um den wahren Sachverhalt zu entstellen oder'zu verschleiern, wähj rend von der Gegenseite bisher fast nichts geschehen ist, um der politischen Falschmünzerei, die schon bei den Wahlen zu der preußischen Landesversammlung und zu den Gemeinderatswahlen in Preußen den Parteien der Linken zum Teil empfindliche Rückschläge gebracht hat, entgegenzutreten. Um so j dankbarer ist es zu' begrüßen, daß ails der Feder eines Poli-! tikers, der zu den wenigen gehört, welche von Anbeginn des Krieges an mit klarem Auge erkannt haben, welchem Verhängnis wir zusteuern, und der unermüdlich, leider vergeblich, seine warnende Stimme erhoben hat, jetzt eine Abhandlung*) j erschienen ist, die auf Grund genauester Sachkenntnis, insbesondere auch der parlamentarischen Verhandlungen und der diplomatischen Akten, soweit sie zur Kenntnis, des Parlaments gelangt sind, mit rücksichtsloser Offenheit und unbestechlichem Bekennermut in einer systematisch geordneten Darstellung alle die Tatsachen und Gründe zusammenstellt, die unseren Zusammenbruch mit politischer Zwangsläufigkeit zur Folge gehabt haben. Für die Leser dieses Blattes braucht wohl nicbt erst gesagt zu werden, wie wichtig und bedeutungsvoll eine solche gründliche Abrechnung mit den wahren Schuldigen auch für die Juden ist, auf die ja die gesamte alldeutsch-antisemitische Publizistik und ein nicht geringer Bruchteil der durch ihre Annexionswnt und ibre tendenziöse Sckiönfärberei der Kriegslage heillos kompromittierten Militärschriftsteller die Empörung des Volkes abznlenken suchen. Der Schandartikel. Dr. Walter Lieks ans „Deutschlands Erneuerung": „Der Anteil der I u b e lt a m Z it s ammc nb r u ch Deutschlands" ist schon jetzt in vielen Tausenden von Eremplaren als besondere Flugschrift verbreitet. Aus dem alldeutsch - militaristischen Lager stammen auch noch ebenfalls in Massen in die Bevölkerung geworfene Flugschriften, wie: „Warum wir nicht siegten" von Victor Jnglstedt, der unsere Niederlage „anthropologisch" erklären will, ferner die aus der bekannten Bahreuther alldeutsch-antisemitischen Giftmischerwerkstätte stammenden „Harte Worte, die gesagt w e r d e n m ü s - s e n" von Ernst v. W o l z o g e n, der auf die Lehren von Einharts — das ist bekanntlich Herr Claß — „Deutsche Geschichte" schwört und eine furchtbare A n g st hat, daß Deutschland in Zukunft „ein Lausoleum für die Ostjud en", daß „die deutsche Eiche sich über Nacht zur C o h n i f e r e verwandeln werde". Auch die Flugschrift des ehemaligen Kommandanten der „Emden", Kapitän v. M ü l l e r: „D a s b e t ö r t e deutsche Volk" behandelt die Schuldfrage in ausgesprochen antisemitischem Sinne; die skrupellose Ausnutzung des Krieges zur Bereicherung, das Miesmachertum, die Bekämpfung nationaler Bestrebungen, die Unbeliebtheit Berlins und des Berlinertums seien in erheblichem Maße dem I u d e n - tum zur L a st zu legen, wie auch der Teil des deutschen Judentuins, den man mit dem „Berliner Tageblatt" und der „Frankfurter Zeitung" identifizieren könne, „wesentlich mitschuldig an den Zuständen" sei. die den Ausbruch der Revolution, ermöglicht haben. Ter durch seine alldeutsch-antisemitischen Hetzereien schon während des Krieges bekanntgewordene Göttinger Studienrat Df. Lange mann hat eine neue Schmähschrift: „D e r deutsche Zusammenbruch und die Juden" auf den Büchermarkt geworfen, die, wie das gleichartige Pamphlet von Dr. Liek für den verlorenen Krieg und die darauf ') „Warum verloren Unr den Krieg?" Bon Georg G v t h e i 11, M. d. N.-B. (Deutsche Berlngsanstnlt, Stuttgart. 91 S.)

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