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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-28 · Heft 13 (28.3.1919) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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125; Herr Rudolph Herzog appelliert an die rheinischen Männer und Frauen- und' die rheinische Denkungsart, es scheint ihm aber trotz aller' schönen ethischen Redensarten in seinen Büchern nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein, daß die Achtung vor den Bekennern eines anderen Glaubens und ihren Einrichtungen zu den ersten aller rheinischen Eigenschaften zählt; rheinischer ' Kirchenstaat. Pfaffenrepublik, Judengasse, das sind also die Hauptargumente der Gegner. Die jüdische Bevölkerung der Rheinlande und auch sonst wird sich den Ausfall des Herrn Rudolph Herzog merken, jüvat! Dem „Vorwärts" vom 19. März entnehmen wir folgende Notiz: Wer saßt das noch? A n t i s e m i t i sche Ph a n t a s i e n. In der „Deutschen Leitung", deren waschecht antisermtische Gesinnung doch sicher unverdächtig ist, lasen wir jüngst, daß der ganze Spartaeus-Aufstand von den Judenausgohe. Es wurde sogar verraten, daß das geheime Abzeichen der Kommunisten der „Judenstern" sei. Nun aber erhalten wir eine Liste zur Geld- und Unterschriftensammlung zugeschickt, von der' zurzeit eine Anzahl Exemplare in Berlin kursieren soll und an deren Kopf folgendes zu lesen steht: Wir protestieren gegen eine jüdische Regier it n g! Wir wollen von Deutschen rein germanischen Blutes regiert sein! Wir betrachten es als eine Schmach, daß in allen maßgebenden Fragen des Reiches die Juden Berater sind und sich an die Spitze setzen wollen und z it m g roße n T e i t sitzen, usw. usw. Das geht über unsere Begriffe. Wir haben also eine jüdische Regierung, trotzdem organisieren die Juden den Spartacus-Aufstand, imr die jüdische Regierung zu stürzen. Alles, was wir in den letzten Wochen erlebt haben, war also nur ein innerer Bürgerkrieg des Judentums», das noch nicht ein Prozent der Bevölkerung ausmacht. Wo 'denn nur die übrigen 99 Prozent während dieser Zeit gewesen sind? * Ueber den Antisemitismus im Wahlkampfe schreibt das „Demokratische Deutschland" (1918/19, Heft 9): Das Mitglied der Preußischen Nationalversammlung Geheim rat Kanzow, der hervorragende Vorkämpfer für Freiheit und Fortschritt in der früheren preußischen Dunkelkammer, sprach sich zu einem unserer Mitarbeiter über den Antisemitismus im Wahlkampfe folgendermaßen aus: Die antisemitische Hetze hat sich besonders in Berlin breitgemacht. In der Provinz war das Gott sei Dank nicht der Fall. Einige Antisemiten sind gewählt worden. Man arbeitete mit den niedrigsten Mitteln, mit Fälschungen und Verleumdungen und spekulierte auf die PöbelinstirMe. Alle diese maßlosen Verhetzungen bleiben an der. Deutschnationalen Volkspartei hängen. Ihre Flugblätter überboten sich an Gemench eiten. Es ist selbstverständlich, daß diese Leute auf die Dauer mit dieser Art Politik keine Geschäfte machen werden. Jeder anständige Mensch muß sich mit Abscheu von dies ein Treiben abwenden. Auch das deutsche Volk wird diese Sorte Politiker von sich abschütteln. Bedauerlich war es, daß auch die „Germania", das Berliner Zentrmnsblatt, von >der Deutschen demokratischen Partei als von der Partei der Inden sprach. Die Vertreter des Zentrums verhielten sich bisher im allgemeinen gegen den Antisemitismus ablehnend. Tie paar Antisemiten, die sich in die Nationalversammlung hineingeschmnggelt Haben, werden hier keinerlei Rolle spielen. Im modernen neuen Deutschland ist für den Antisemitismus kein Platz mehr. Das wird auch die Deutschnationnle Bolkspartei mit ihren Hintermännern bald erkennen. Wir können 'den Optimismus 'des Herrn Geheinrrat K a n z o w leider nicht teilen. * Dr. Blochs „Wochenschrift" in Wien bringt in der ersten Märznunrmer Glossen zur Tagesgeschicht-e, die speziell aus dem Grunde unser Interesse beanspruchen, weil sie uns den Antisemitismus in Deutsch-Oesterreich, das nunmehr ein Teil des Deutschen Qerches werden soll, in seiner.-wahren- Gestalt zeigen und uns indirekt mahnen,' nicht'mit geschlossenen Augen an ihm vorüberzugchen. Wir geben hier einige Abschnitte wieder: Wer ist daran schuld? Die Juden. Dieser abgestandene Refrain des albernen antisemitischen Parteiliedes wirkt oft humoristisch, wie aus folgendem Fall hervorgeht: In der alten bayerischen Bischossstadt Bamberg soll es stürmische Auftritte vor den Kirchen gegeben haben und der Erzbischof wurde angeblich von den Sozialisten gefährlich bedroht. Der Grund dafür war, daß die Kirchenväter sich geweigert. hatten, am Begräbnistag des ermordeten Ministerpräsidenten Kurt Eisner die Glocken läuten zu lassen, wie es seine Parteigenossen verlangt hatten. Es ist nun gewiß, daß die wenigen Juden Bambergs nicht den Mut gefunden hätten, daß Läuten zu verlangen oder vor den Kirchen Skandal zu schlagen. Sonst wären sie ganz gewiß massakriert worden. Es war also die sozialistische Partei Bambergs, welche das Läuten für ihren ermordeten Parteichef verlangte, und das Judentum hatte mit der Sache nicht mehr zu tun, wie der Bart des Funder mit dem christlichsozialen Parteiprogramm. Wie aber dreht die „Reichspost" die Sachen, damit die Juden doch herein kommen? Sie fragt empört, was die Juden dazu sagen würden, wenn man sie zwingen würde, in den Synagogen Trauergottesdienste für einen erklärten Antisemiten zu veranstalten? Das herrschende jüdische Freimaurertum solle sich doch mehr zurückhnlten. Das ist doch wirklich eine alberne Hetze, von der wir glauben, daß sie sogar den Lesern der „Reichspost" zu dumm ist. Dieses Blatt soll doch.gefälligst zuerst beweisen, daß das deutsche Freimaurertum jüdisch ist. Dann, daß es den Befehl gegeben hat, daß in Bamberg die Glocken beim Leichenbegängnis des ermordeten Ministerpräsidenten geläutet werden müssen. Dann, daß in seinem Auftrag das Läuten erzwungen und der Erzbischof bedroht wurde. Und wenn das alles bewiesen wäre, hätte es mit der Masse der Juden noch immer nichts zu tun, weil diese keine Freimaurer sind. Aber die ganze Beziehung ans die Juden ist von A bis Z Lüge und Verleumdung. Aber woher soll man auch täglich das HePP hepp beziehen? Da bleibt nichts anderes übrig, als etwas zu erfinden. * Man sieht jetzt klar und «deutlich, wie sich die Christlichsozinlen für ihre Niederlage bei den Wahlen rächen. Tie Zufuhr nach Wien stockt jetzt derart, daß sich die Leute um Rüben anstellen und daß als Nahrungsmittel Haifischfleisch angeboten wird. Man merkt den Zusammenhang. Die christlichsozialen Landwirte haben deu Befehl bekommen, daß nach der sozialdemokratischen Hauptstadt nichts geliefert, deren unfolgsame Wählerschaft bestraft werden solle. Was sind denn der Rathauspartei Gesetze, Menschlichkeit und Recht? Die Entente scgar zeigt ein gewisses Mitleid und 'schickt der von deu Christlichsozialen zugrunde verwalteten Stadt Aushilfen. Nur die Christlichsozialen sind unbarmherzig, sie, die so gern vom „alttestamentarischen Haß" sprechen. Sie sagen dagegen bei ihrer Agitation, daß Wien von den Juden ausgehungert wird. Jetzt zeigt sich jedoch, wer die wahren Schuldigen sind ltnb wie gleichmütig sie der Hungersnot gegenüberstehen. Ein einziger landwirtschaftlicher Bezirk hat mehr als alle Juden Wiens zusammengenommen, aber unbarmherzig wird von den agrarischen Kriegsgewinnlern und Kriegswucherern alles zurückgehalten. Sie brauchen ja auch keinen Profit mehr, denn mit Geld sind sie geradezu gemästet und gehen jetzt daran, ihre unbeschränkte Nöacht zu zeigen. Was kümmern sie sich mit Vorschriften? Als die Christlichsozialen noch an der uneingeschränkten Macht waren, haben sie dafür gesorgt, daß auf dem flachen Lande niemand anders zu befehlen habe als die Oekonomen, um deren Gunst der Bezirkshauptmann und sein ganzer Stab buhlen mußten. Tie Beamten taten es gern, rdenn auch sie sind ja christlichsoziale Vertrauensmänner. Und nun sollen sie die Autorität des Staates verkörpern und bei den Bauern die Lieferungen «durchsetzen? Man hätte auch die letzten Christlichsozialen aus Wien hiuausgeworfeu, wenn man in der politischen Agitation stärker auf diese Verbindung mit den Landwirten Hingelviesen hätte. Es fällt ja dieser unehrlichsten aller Parteien gar nicht ein, beit Willen und die Interessen ihrer städtischen Wähler zu beachten. Sie sind lveiter nichts als die Wiener Vortruppen der Agrarier, in deren Auftrag sie die Kriegshetze gemacht hat, mit «deren Beistand sie Kriegsgewinue cinheimste und für deren Bedürfnisse sie die Gesetze machte. Nun geht die Politik wieder umgekehrt. Tie Meller Vortruppen verlangen von der Hauptmacht, daß die Stadt ausgehungert werde, und diese sperrt ihre Magazine. Wenn «das die Inden täten! Aber.die Christlichsozialen dürfen es wagen, weil noch nicht «die ganze

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