Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 21. Marz 1919 Der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums LorresponÄkn?m und Kachrichtm. SrutschianÄ. E. M. Berlin, 18. März. Ueber das neue Programm des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs, der erste Vorsitzende der Organisation, in einer zahlreich besuchten Versammlung im Rheingoldhaus. Der Zentralverein, der ein Vierteljahrhundert den Rochtskampf für die deutschen Juden geführt hat, muß nach dem Umschwung der Lage in Deutschlandeine Neuorientierung seiner äußeren Front und gleichzeitig eine Neugestaltung seiner inneren Front vornehmen, denn der Schwerpunkt des Antisemitismus hat sich durch die Neuordnung im demokratischen Deutschlandverschoben. Der Antisemitismus wird jetzt wohl nicht mebr in den Erlösten der Bureaukratie. sondern im Lärmen der Preffe und in den Flugblättern der Gaffe sich äußern. Zu den übelsten Erscheinungen aus diesem Gebiet hat der frühere Großadmiral der deutschen Flotte, der Bruder Wilhelms II., einen Beitrag geliefert. Dieses Machwerk verlangt die Ausschaltung des jüdischen Einfluffes nicht etwa aus der Negierung, sondern — in Handel und Gewerbe. Der Antisemitismus ist zur Wahlparole der in den Rechtsparteien vereinigten Alldeutschen, Junker und anderer Reaktionären geworden. Mit diesem Schlagwort bekämpfen sie ihre demokratischen Gegner, indem sie den Juden die Schuld am Kriege wie am Frieden, am Kapitalismus und seinem krassen Antipoden, dem Bolschewismus, beimeffen. Der Zentralverein wird den Kampf gegen die neue Koalition der Fei'nde der deutschen! Juden mit alter Eneraie weiterführen. Die ganze deutsche Judenbeit muß sich in diesem Kampfe geschloffen hinter den Zentralverein stellen. Das wird sie aber nur tun. wenn der Zentralverein ibr eine bestimmte Lebens- und W^ltauffaffung geben würde. Eines solchen positiven Programmes bedarf der Zentralverein vor allem auch im Kamvfe aegen den Zionismus. Die Versöhnung von Deutschtum und Judentum wird auch weiter die Aufgabe des Zentralvereins bleiben. Wir wollen gute Juden und gute Deutsche sein. Wir wollen nicht vergessen, daß wir die Erben einer großen Vergangenheit sind, die es uns verbietet, restlos in der Umwelt, auszuaehen. Das Deutschtum ist uns Nation und Volk, das Judentum Glaube und S t a m m. Wir seben unsere Bindung allein in dem ewia-en Sittenaeietz unserer Reliaion. Hier gähnt der unüberbrückbare Gegensatz zwischen zwei Weltanschauungen, der die Radikalen auch aus unserer Seite zu der Forderung veranlaßt, das Tischtuch zwischen dem Zentralverein und den Zionisten zu zerschneiden. Ich warne vor dieser Politik, die wie der Stier gegen eine Wand anrennt, ohne rechts oder links zu gehen. Wir dürfen das Tischtuch nicht zerschneiden zwischen uns und unseren Brüd e r n. Gemeinsame Arbeitsgebiete gibt es in großer Zahl: der Kampf um die Gleichberechtigung in allen Ländern der Welt und die Beseitigung aller Ansn-ahmegefetze gegen Juden bei uns und in allen, anderen Staaten und schließlich die Unterstützung der Ostiuden in ihrem Kampf um die Rechte nationaler Minderheiten. Ein gemeinsames Arbeitsfeld ist ferner di'e Palästina fiedln ng. Hier sollen wir nicht nur als Juden, sondern vor allein als Deutsche für die Erhaltung des deutschen Einfluffes in Palästina arbeiten. Ans dem Kampfe der Geister wird der Gedanke siegreich hervorgehen, der dem Judentum und dem Deutschtum am besten frommt. Dem mit lebhaften Beifall anfgenommenen Vortraae folgte eine angeregte Diskussion, die Dr. Wiener mit der Aufforderung zum Eintritt in den Zentralverein einleitete. Dr. Felix Theilhaber begrüßte die von Geheimrat Fuchs vorgeschlageng Gemeinschastsarbeit zwischen Zionisten und Zentralverein. Der Not des deutschen Vaterlandes stellte Dr. Theilhaber die Notlage der jüdischen. Gemeinschaft in der ganzen Welt gegenüber. 70 000 bis 100 000 deutsche Juden sollen von Deutschland getrennt und teils an Frankreich, teils an Polen fallen. Aehnlich ungewiß ist das Schicksal jüdischer Masten -in Ostgalizien und in Rumänien. Die Palästinasrage, die für Millionen Juden eine Lebensfrage ist, muß von unserem jüdischen Interesse nicht aus Rücksicht auf den politischen Einfluß Deutschlands gefördert werden. Es wäre eine Degradation des Judentums, wenn wir uns scheuten, zuzugeben, daß wir etwa aus jüdischem Jntereffe etwas tun. Es sprachen dann noch Vertreter verschiedener Richtungen. Zum Schluß erklärte Geheimrat Fuchs, daß der Zentralverein keinen deutschen Juden von der Mitarbeit im Zentralverein au.sschließen will. Jeder Jude soll selbst bestimmen, ob er sich als Glied des deutschen oder des jüdischen Volkes fühlt. Alle Juden gemeinsam sollen an den großen Aufgaben des Judentums und der gesamten Menschheit arbeiten. Unter lebbaftem Beifall, der die Zustimmung der großen Versammlung zu den Ausführungen des Referenten bewies, wurde die Versammlung geschloffen. Berlin, 18. März. D i e F ü r s o r g e k o m m i s s i o n d e r Jüdischen Gemeinde in Berlin hat das erste Vierteljahrbundert ihres Bestehens mit einem arbeits- und erfolgreichen Geschäftsjahre abaeschloffen. Die Auswirkungen der Kriegsverhältniffe haben die Arbeiten der Kommission außerordentlich gesteigert. Die durch den Krieg bewirkte Erschütterung des Familienlebens bat die Jugenderziehung sehr ungünstig beeinflußt. Die Haupttätigkeit der Kommission liegt denn auch auf dem Gebiete der Jugendfürsorge. Jugendvfleae, Kinderschutz und Schutzmaßnahmen für die schulpflichtige und schulentlassene Jugend dienten zur Bekämpfung der durch den Krieg einaeristenen Verwahrlosung der Jugendlichen. Leider hat der Kriea ein starkes Anwachsen der Verwahrlosung und dadurch der Kriminalität der Kinder beiderlei Geschlechts mit sich gebracht. Im Berichtsjahre waren 380 Fälle zu behandeln, von denen bei 282 Minderiäbriaen von der Kommission Schutz, Hilfe und Erziehungsmaßnahmen zu ergreifen waren: in 48 Füllen war die Einleituna des aerichtlichen Fi'irsaraeerziehunasverfahrens notwendig, in 46 Fällen mußte bei Eltern die Entziebnng des Sorgerechtes beantragt werden. 66 Jugendliche stehen im Berichtsjahre in dauernder vllegerischer Behandlung der Fürsorgekommisiwn. Bon 167 Jugendlichen bestanden die Hauvivergeben: bei 91 in Diebstählen, bei 33 in Unterschlagungen, bei 17 in Betrug und bei 9 in Urkundenfälschung. Jugendgerichts- Hilfe wurde in zahlreichen Fällen mit besten Erfolaen aeleistet. Nach der Nationalität waren es 119 Deutsche. 42 Oesterreicher, 9 Rüsten. Die städtischen Dienststellen überweisen ihre indischen Falle der Fürsorgekommission, die ihrerseits mit der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge und ähnlichen Organisationen in Groß-Berlin in regstem Verkehr siebt. Auch mit allen aroßen iüdischen Institutionen, die sich mit Fürsorae direkt oder indirekt beschäftigen, findet ein reaer geschäftlicher Verkehr statt, sei es mit Kommissionen der Gemeinde, wie Waisen-, Armenkommission, Sammelvormundschaft, nue auch mit den bezüglichen Organisationen des Deutsch-^sraeststschen Gemeindebundes, Nepzin und Köpenick, mit dem Jüdischen Bolksv^rein und dem Mädchenheim des Frauenbundes in Nen-Jsenbnra. Für die Ausgestaltung der Arbeit der Fürsorgekommission wurden von derselben eingebende Arbeitspläne ausgestellt, die gegenwärtig dem Vorstände der Jüdischen Gemeinde vorliegen. Das neue Projekt bezweckt, eine vorsorgende Fürsorge über die in den Dolksschulen befindlichen jüdischen Kinder einzurichten, die. vom Schulbeginn bis zur Schulentlgssung unter ständiger Kontrolle der Helfer der Fürsorgekommission bleiben sollen. 4*—# Berlin, 18. März. Ueber die Entstehung der Psalmen hielt Professor Dr. M. Gnnkel (Gießen) einen fesselnden Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Wie in der Architektur und in 'der Kunst war auch der Dichter in der Antike streng an den hergebrachten Stil gebunden. Aus diesem Umstande erklärt sich die Aehnlichkeit der hvmnischen Dichtungen der Juden, zu denen außer den Psalmen das Buch Hiob und Teile der Prophetenbücher gehören. Die Propheten dichteten zum Teil im Tone der Hymnen, besonders Jeremias, ■in dessen Buche Echa Dichtungen stehen, wie sie auch -im Psalter zu finden sind. Den Ursprung der Psalmen zu ermitteln, ist das einzige Bemühen der heutigen, bibelwiffenschaftlichen Forschung. Wir vermuten ihn im Gottesdienste der Israeliten. Ter Psalm stellt das unpersönliche Gebet der Gemeinde dar, er begleitet die gottesdiensti