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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-21 · Heft 12 (21.3.1919) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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Hfl- Er ivär zu einem großen Entschluß gepaßt. Am nächsten Abend suchte er Mahlows auf. Er fand Alice im Garten. „Ich hatte keine Ahnung, baß Sie es sind, Herr Klaßner," sprach sie. „Das bestätigt wieder das alte Sprichwort, daß das Unerwartete häufig eintrifft," erwidert^ er fröhlich, indem er sich einen Stuhl neben den ihrigen hinlschob. „Ach, hier kann man wenigstens frei aufatmen!" „Mir fehlte der Mut, bei dieser Sonnenglut auszugehen. Mutter und Stella sind zu einem Konzert und iverden wohl bald zurück sein." „Erinnern Sie sich", sprach er kühn, „an unser vorletztes Beisammensein, hier in ihrem Hause, Fräulein Mahlow?" Sie sah ihn fragend an. „Damals war es auch ein sehr heißer Tag für uns beide, wenn auch die Temperatur nicht mit dem Barometer gemessen werden konnte. Diese Anspielung scheint Ihnen etwas rätselhaft; aber ich möchte dennoch gern Ihre Erinnerung daran wachrufen." „Ich habe es ja auch, gar nicht vergessen, nrir . . ." „Nur Sie wollen mich nicht wegen meines damaligen wilden, ungebärdigen Benehmens beschämen," unterbrach er sie schnell. „Nein, nicht darum, .sondern — sondern — wegen..." „Ich verstehe," fiel er ihr abermals ins Wort. „Es widerstrebt Ihnen, mich an die Umstände zu erinnern, die mich damals zur Raserei getrieben. Aber warum zögern Sie, davon zu sprechen, da ich Loch selbst den Anfang gemacht? Das ist doch gerade der Grund oder wenigstens einer der Gründe, daß ich darauf zurückkomme, um mich selbst zu überzeugen, wie frei und leicht ich jetzt davon spreche." „Darüber freue ich mich sehr," sprach sie einfach. „Fräulein Mahlow, ich sagte, daß dieses einer der Gründe sei. Sind Sie nicht neugierig, auch die anderen zu erfahren?" „Ich ziehe es vor zu warten, bis Sie mir selbst Mitteilung davon machen werden." „Wie brutal und gemein habe ich mich damals betragen! Warum in aller Welt haben Sie mir nicht die Tür gewiesen?" „Sie machen wirklich zu viel Aufhebens von der Sache." „Und Sie zu wenig. Dagegen muß ich Einspruch erheben. Sie tun jetzt dasselbe, was Sie früher getan: Sie behandeln die Sache gleichgültig, wenn nicht gar verächtlich. Ich gestehe es offen, daß ich Sie damals mit voller Absicht beleidigen, tief verwunden wollte." Ihre Erwiderung kam leise und langsam. „Wollen Sie die Wahrheit hören, Herr Klaßner? Sie haben mich tatsächlich damals tief verwundet, aber ich wollte es Ihnen nicht zeigen, damit Sie nicht eher fortgingen, ehe . . . Sie sich erschöpft hatten. Ich habe mich an jenem Tage Ihretwegen geängstigt; aber auch meinetwegen, daß mir die Kraft versagen konnte, bevor Sie vollendet hatten. Ich wollte mich verwunden lassen, weil Sie doch ein Opfer für Ihren Zorn suchten. „Und jetzt wollen Sie Vergeltung üben," sprach er grimmig. „Nein, Herr Klaßner, ich will überhaupt keine Vergeltung üben, und ich habe auch nicht auf Ihre Entschuldigung gewartet, sondern auf etwas anderes." „Aus etwas anderes?" „Ja, aus Ihr Buch. Als ich damals das Manuskript gesehen, ließen Sie mich erwarten, daß es bald im Druck erscheinen wird. Ich habe mich vergeblich danach umgesehen." „Das Buch wird nie veröffentlicht werden. Ich bin mit dem Verleger übereingekommen, daß er es nicht herausgibt." „Warum denn nicht?" „Mein Buch," sprach er mit tiefer Leidenschaft, die sein bisheriges leichtes Plaudern Lügen strafte: „mein Buch ist die Quintessenz jener Monate, die ich aus meiner Vergangenheit streichen muß. Es ist mir endlich gelungen, jene Zeit, die wie ein Alpdruck mich beschwert, von mir zu wälzen. Aber um sie ganz auszumerzen und meine Befreiung zu festigen, habe ich das Buch als Dankopfer ins Meer der Vergessenheit geschleudert, da es alles enthielt, was jene Periode wieder hätte ins Leben rufen können. Das Buch war in einer unechten, falschen Atmosphäre entstanden, in der Einbildung, daß alles so schön und herrlich in der Welt sei, in einer Umgebung, die lauter und abgeklärt, die Glück und Erfolg zu verheißen schien. Diese Einbildung, diese Umgebung hat auch die Gedanken beherrscht, die ich dort als Grundwahrheiten niedergelegt. Und in dieser frohen Stimmung, aus diesem Glücksgesühl heraus wollte ich den Aufschwung, den Aufstieg meines Volkes fördern. Da aber, wenn auch mir unbewußt, jene Umgebung den Keim der, Falschheit, des Ruins und des Zusammenbruchs in sich trug, da ich selbst unter dem Fluch der Blindheit gelebt und in meiner Eitelkeit mir einbildete, eine Flamme entzünden zu können, die die ganze Welt erwärmen sollte, so muß ich fürchten, daß diese falsche Voraussetzung auch zum Ruin und zum Unheil meines Volkes werden könnte." Alice schüttelte abwehrend das Haupt, ohne ein Wort zu sprechen. ■ _ { „Sie sind nicht derselben Ansicht?" „Sind sie selbst etwa derselben Ansicht?" Mehr als ihre Worte bekundeten ihre Mienen Zweifel und Frage. Klaßner schlug die Augen nieder und sprach weiter: „Wie man's nimmt. Aber ich will Ihnen offen und ehrlich gestehen, daß dies tatsächlich meine Meinung war, bis — vor wenigen Tagen. Dann aber wurde diese Anschauung farblos und schal, weil sie durch eine andere, beweiskräftigere verdrängt wurde. Vor einigen Tagen brachte mir Strömer eine Botschaft von Ellen, und ich erfuhr dabei gar seltsame und befremdliche Dinge, die mich erkennen ließen, daß meine frühere Auffassung grundfalsch gewesen, daß die Welt doch nicht so schlecht und erbärmlich ist, als ich mir während meiner Raserei eingebildet. Ich erfuhr, daß Ellen trotz allem auf mein Wohlwollen berechtigten Anspruch erheben darf, und darum darf dies Buch erst recht nicht in die Welt hinausgehen, damit es nicht auch in ihre Hände gelangt. Mehr als für mich, sollte ja das Buch ein Denkmal jener glückvollen Zeit sein, da ich sie an meiner Seite hatte. Wenn re -s uu,- jcylägt, dann glaubt sie den Verlust, den sie mir beigebracht, riesengroß, dann werden die schwarzen Buchstaben sich zu blutigen Tränen für sie gestalten, jedes Blatt ein Todeskamps. Sie hat das Buch geliebt, ich weiß das bestimmt, heute aber würde es für sie zum schrecklichsten Marterwerkzeug werden, und das will ich von ihr sernhalten, weil es mein Bestreben ist, ihren schwer zurückgewonnenen Seelenfrieden nicht aufs neue zu stören. Ihr geschieht eine große Wohltat, mir aber erwächst nur ein geringer Verlust. Ein wenig verschwendete Kraft, eine vereitelte Hoffnung, ein zweifelhafter Erfolg, was kann dieses bedeuten, wenn ich ihr auch nur einen Augenblick des Schmerzes dadurch erspare? Brauche ich noch mehr zu sagen?" „Nein. Jetzt vergehe ich Sie," rief das Mädchen mit bebender Stimme. „Ich weiß zwar nicht, was Sie von ihr erfahren, aber das macht keinen Unterschied. Ellen ist Ihres Wohlwollens wert geblieben. Ich habe ihr ja stets voll und ganz vertraut; ich habe nie ihre lauteren Beweggründe bezweifelt, ob auch der Schein gegen sie war. Ja, Herr Klaßner, begraben Sie das Buch; werfen Sie es ins Meer der Vergessenheit; beschweren Sie es mit all den falschen und vereitelten Hoffnungen, damit es nie wieder an die Obersläche gelangt, und Gott wird Ihnen diese Tat in anderer Art lohnen, Jhndn und unserem Volke. Sie werden andere Mittel finden, um den Kamps zu führen, Mittel, stärker und zuverlässiger, heil-

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