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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-21 · Heft 12 (21.3.1919) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
Seite 118 (sequence 10)
Language
German
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118 Die „Jüdischen Briefe", die sich als Uebersetzung (gewiß aus dem Hebräischen) darstellen, und zwar als Briefe des Aaron Monceca. des Jsaac Onis (Karaiten, ehemaligen Rabbiners von Konstantinopel) und des Jakob Brito, sind durchaus das Werk eines und desselben Schriftstellers, eben des Marquis d'Argens, der sich nicht einmal die Mühe nimmt, die Sprache der einzelnen Schreiber auseinanderzuhalten. Der Verfaffer läßt die einzelnen Korrespondenten reisen, so daß sie aus Konstantinopel. Aegypten, Italien, und zwar besonders aus Rom, Genua, Mailand, ferner aus Spanien und Portugal, Frankreich, England und Deutschland ihre Mitteilungen machen. Teils sprechen sie im allgenieinen über die Eindrücke, die die betreffenden Länder ihnen machen, teils berücksichtigen sie die politischen, religiösen, literarischen, wissenschaftlichen Zustände und das Leben der höheren Stände, Vergnügungen und Unterhaltungen. Sie sprechen gelegentlich von Bibliotheken und Zeitungen, die damals etwas Neues waren, und von den wissenschaftlichen Journalen, am ausführlichsten über Frankreich, so daß im 10., 13., 32. und 38. Briefe eine ziemlich eingehende zeitgenössische französische Literaturgeschichte gegeben, ein anderes Mal (Brief 60) ziemlich ausführlich von Voltaires Jugendwerken gesprochen wird. Ein Kursus der englischen Literatur findet sich in den Briefen 127 ff., 132, 137. Seltener als die gebildeten Kreise wird das Volk in seiner großen Masse vorgeführt. Nur in den allerersten Briefen ist das naive Staunen der Schilderer bemerkbar, ihre Verwunderung über Dinge, die sie bisher niemals gesehen haben, über Gottesdienst, Kirchenwesen, Thearer. Dann aber sprechen sie als kühle Berichterstatter, die ihre angeblich? Zugehörigkeit zum Judentum selten hervortreten lassen. Die Tendenz ist im ganzen durchaus die der Aufklärung: Der Verfasser schwärmt für freie polnische Entwickelung und bewundert deswegen England und Holland. Er ist im ganzen für sittliche Freiheit, ohne deswegen die Zügellosigkeit zu Preisen, vielmehr gebraucht er starke Worte gegen die Unkeuschheit und Verbuhttheit der vornehmen Damen und redet, wenn auch nicht gerade mit Abscheu, so doch mit ersichtlicher Abneigung von den öffentlichen Dirnen. Trotzdem, nicht bloß um zu warnen, sondern um ein vollständiges Kulturbild zu geben, geht er bei der Schilderung von Rom, Venedig, Paris und anderen Städten auf das Treiben dieser Damen ein. So enthält z. B. Brief 19 ausführliche „Betrachtungen" über das Wesen der Courtifane. Hauptsächlich besteht aber seine Tendenz darin, gegen die Mönche auszutreten: Er verdammt das Pfasfengezänk, den übertriebenen Wunderglauben, die sittlichen Verfehlungen vieler Geistlichen, von denen boshafte Geschichten im Stile Boccaccios erzählt werden; er eifert gegen Unduldsamkeit und verwirft das genaue Festhalten am Buchstaben und an der strengen Kirchenlehre. Er tritt auf gegen Wunder, gegen Reliquienverehrung, geißelt den Kultus, den man mit heiligen Bildern treibt, verwirft den Glauben an Magie, Zauberei, an Dämonen, Besessene, Vampire u. a. So löblich diese Tendenz auch genannt werden muß, so muß man doch bekennen, daß ein großer ästhetischer Fehler in der Sammlung bemerkbar ist, nämlich der, daß der Charakter eines Briefwechsels gar zu wenig hervortritt Wohl nimmt gelegentlich einer der Korrespondenten Rücksicht auf das, was der andere geschrieben hat, aber im großen und ganzen wird alles in die Luft gesprochen. Jeder berichtet über das von ihm Gesehene, sagt sein Sprüchlein und geht ab, ohne daß seine Ausführungen und Besprechungen eine Widerlegung oder Ergänzung finden. Es fehlt also alles, was erst das Wesen eines wirklichen Briefwechsels ausmachen soll. So wichtig es nun auch ist, diesen Charakter des Buches kennenzulernen, so interessiert uns doch an dieser Stelle in erster Linie das Jüdische an dem Buche. Da muß mau zunächst sagen, daß trotz des Titels des Ganzen und trotz des Namens der Schreiber das Jüdische keineswegs an erster Stelle steht. Die Korrespondenten schreiben vielmehr wie allgemein gebildete Männer jener Zeit. Man wird selten genug daran gemahnt, daß diese Schreiber als Juden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sich durch Kleidung, Sprache und Gewohnheiten von -den Menschen der Städte und Länder unterscheiden, über die sie schreiben. (Schlug folnt.l Jedem das Srimgr. (34. Forts. Roman von M. P u I v e r m a n n. neindas werde ich ihr nicht sagen!" rief Strömer kummervoll. „Sie verlangt ja, daß ich ihr Ihren Bescheid Wort für Wort bringe. Diese Antwort aber würde sie schmerzlich verwunden. Die Heilige hat bereits Wunden genug empfangen, fügen Sie ihr keine neuen hinzu. Kommen Sie. lieber Freund, sagen Sie ihr etwas Gutes, etwas Freundliches, daran sie sich aufrichten kann. Sind wir doch trotz allem Brüder und Schwestern, warum sollten wir treulos handeln gegeneinander. Sie erwartet von Ihnen irgendeine Zusage, ein Versprechen, und bedenken Sie, daß sich wohl nie wieder eine Gelegenheit dazu bieten wird." „Dann sagen Sie ihr," seine Stimme bebte hörbar, „daß ich ihr verspreche, daran zu denken, um ihr die -erbetene Gnade zu -erweisen." „Ich danke Ihnen. Das klingt schon etwas besser," sprach Strömer froh. „Das werde ich ihr sagen, und das wird sie erfreuen. Jetzt aber kann ich wohl gehen?" Er schritt zur Tür. „Ich werde Sie begleiten, bis Sie einen Wagen finden." Strömer war im Begriff, in den Wagen zu steigen, als Klaßner ihm zuerst die Hand reichte. „Leben Sie wohl. Herr Strömer!" Dieser erwiderte den Gruß mit einem warmen Händedruck. Tann reichte ihm Klaßner noch einmal die Hand hin. so -daß Strömer ihn verwundert ansah. „Ich habe Ihnen nicht die Hand gereicht, als Sie mein Haus betraten, darum tue ich es jetzt zweimal. Und nun nur noch eine Frage: Welche Genugtuung -empfinden Sie bei dieser Sache?" „Meine Genugtuung!" Eine strahlende Freude verklärte sein Gesicht. „Der weltliche Staat -hat viele Einrichtungen getroffen-, die als Belohnung für die Errettung eines Menschenleibes aus Todesgefahr gelten. Mer ich bin felsenfest überzeugt, daß auch bei der himmlischen Weltregierung eine Einrichtung vorhanden ist, um für die Errettung einer Menschenseele eine reiche Belohnung zu gewähren, wenn eine solche um Hilfe ruft. Das ist meine Genugtuung." Klaßner blickte dem Wagen nach, so lange er diesen sehen konnte, und dann begab er sich langsam nach Hause- Jetzt erst wurde es ihm, durch -den gewaltigen Aufruhr in feinem Innern, klar, daß Himmel und Erde feiner Trennung von Ellen die volle Weihe gegeben, daß sie daher nunmehr für ewig getrennt waren. 26. Erst einige Tage nach diesem Ereignis konnte Klaßner den Erfolg ermessen, den Strömers Besuch bei ihm hervorgebracht; wie er geistig und körperlich aufgerüttelt wurde. Er merkte, daß die Eiskruste feiner Trauer geschmolzen und einer stillen Wehmut, einem sanften Bedauern gewichen war.

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