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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-21 · Heft 12 (21.3.1919) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 Abhängigkeit des Menschen, der zum Herrn über sie eingesetzt wurde. Sie brachte verschiedene Sprossen hervor, allerlei Gras und Kräuter; diese erschienen aber erst dann auf ihrer Oberfläche, als Adam sich ihrer angenommen und um Regen für sie gebetet hatte. Es stieg dann ein Dunst aus ihrer Tiefe auf und befruchtete fie20). . Am vierten Tag erschuf Gott die Himmelslichter: Sonne, Mond und Sterne. Die Sonne leuchtete und erwärmte die Erde, während der Mond der finsteren Nacht ihren Schauer nahm. Doch der Mond, dessen Licht ursprünglich in gleicher Helle wie das der Sonne strahlte, gönnte dieser nicht den gleichen majestätischen Glanz und sprach: Wozu zwei Könige mit einer und derselben Krone? Da verdunkelte sich plötzlich sein Licht, schwand und flog durch die Gefilde des Himmels dahin, und eine zurechtweisende Stimme rief ihm nach: Du blicktest, weil das Hohe dir nicht, genügte, lüstern nach dem Höchsten, darum bist du des Hohen! nicht würdig. Bleich und blaß, des Neides ewiges Brandmal, erscheine fortan dein Licht und diene der dich begleitenden Sternenschar als warnendes Beispiel! Der Mond weinte, bereute aufrichtig sein frevelndes Wort und erlangte dadurch die Vergebung seines Schöpfers. Seit damals zieht der Mond, mit seinem Los zufrieden, still und bescheiden am Firmament einher, ist ein treuer Begleiter dem einsamen Wanderer in der stacht und spendet mit seinem milden Licht Trost und Beruhigung allen Schwermütigen, Verzagten und vom, Schicksal Zurückgesetzten2*). Marquis d'flrgrns und seine „tzüdllqrn sörirkr". Von Ludwig Geige r?) ie „Lettres Juives“ die zuerst 1738 erschienen, ohne Namen eines Verfassers, gehören zu den häufigst genannten Werken der Weltliteratur und sind doch ebenso wie der Verfasser, der Marquis d'Argens, ziemlich unbekannt und selten behandelt. Hettners „Französische Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts" und die bändereiche französisch geschriebene, unter der Redaktion von Petit de Juleville herausgegebene „Literaturgeschichte" erwähnen weder Werk noch Namen. Diderot, in seinen gesammelten Werken, 20 Bände, spricht ebensowenig von ihm wie die große 16bändige Ausgabe der „Correspopdance litteraire". Einen größeren Abschnitt über ihn finde ich in Christian Bartholomös „Ristoire Philosophique de l’Academie de Prusse, depuis Leibniz jusqu'ä Schelling, particulierement sous Frederic Le Grand“. Paris, Librairie de Franck, Rue Richelieu 69, 1880, und zwar Band II, S. 145 bis 150. Seine Korrespondenz mit Friedrich dem Großen ist abgedruckt in der monumentalen Ausgabe der Werke des Königs, Berlin 1851, Band 19, Korrespondenz Band 4. Es sind im ganzen 317 Briefe auf 440 Seiten vom 31. Januar 1742 bis zum 7. Juli 1769, denen noch ein kurzer Briefwechsel Friedrichs mit der Marquise aus dem Jahre 1771 folgt. Die „Lettres Juives“ sind zuerst (nach den Angaben des Kataloges der Königlichen Bibliothek in Berlin) erschienen 1736, 6 Bände 1736/37 in Amsterdam. Mir liegt eine sechsbändige Edition unter dem Titel vor: „Lettres juives, la correspondence philosophique, bistorique et critique entre un juif voyageur ä Paris et ses correspondances en divers endroits. Xouvelle edition a Lausanne et Geneve ehez Marc Michel Bousquet et Comp. 1738." a») Ibid. ai) Ibid. ') Aus seinem Nachlaß. Der Ausgabe ist dann ein siebenter Band hinzugefügt, der folgenden Titel führt: „Supplement ou tome seplieme des lettres juives, eontenanl Jes XX nouvelles Jettres mises da»s la derniere edition de la Haye. le porliait de J’auteur (fehlt leider in dem Exemplar meiner Sammlung) et la table ues matieres. A qui l’on a ujoule une epitre dedicatone a l’auleur et une ccm« Jeltie tres euneuse, qui ne se tiouve pas dans la susdite edition de la Haye. (Derselbe Druckort und Verlag) 1739." Das in dem Titel erwähnte Register füllt nicht weniger als 237 Seiten. Die Briefe wurden ins Deutsche übersetzt, 6 Bände, Frankfurt a. M. 1766 bis 1771; die Uebersetzung beweist, daß die Briese auch noch 30 Jahre nach ihrem Erscheinen einer gewissen Aufmerksamkeit begegneten. In einer jüdischen Zeitung, besonders einer solchen, die alles, was Moses Mendelssohn betrifft, sorgsam erforscht und sucht, müßte Marquis d'Argens schon deswegen genannt werden, weil er es war, der Mendelssohn zum preußischen Bürgerrecht verholfen hat. Die Sache ist oft erzählt, zuerst von Nicolai, daraus in Kayserlings bekanntem Buche über Mendelssohn. Der berühmte Brief oder vielmehr die Nachschrift zu einem Bittgesuch Mendelssohns vom Juli 1763 ist in dem Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Marquis d'Argens in der großen Ausgabe der Werke Friedrichs des Großen, Band 19, Briefwechsel. Band 4, Berlin 1852, S. 386 Nr. 290 abgedruckt. Dieser Brief lautet in Uebersetzung: „Ein Philosoph, dabei schlechter Katholik, bittet einen Philosophen, der ein schlechter Protestant ist, das Privilegium einem Philosophen zu erteilen, der ein schlechter Jude ist. In allem diesem ist zu wenig Religion, als daß die Vernunft sich nicht auf seiten der Mitte stellen solle." Wir wollen dem sreigeisterischen Katholiken, der sich mit seinem geistreichen Briefe an einen nicht eben guten Protestanten wandte, nicht weiter verargen, daß er Mendelssohn als schlechten Juden bezeichnete. Uns genügt es zu konstatieren, daß der Brief den gewünschten Erfolg hatte, daß er nämlich Mendelssohn das Privilegium eintrug, um das er bisher vergebens nachgesucht hatte. Jean Baptiste de Boher, Marquis d'Argens, wurde am 24. Juli 1704 geboren. Er war zuerst Soldat, wurde drnq Schriftsteller und erregte durch seine Romane und durch die in Briefform erschienenen Abhandlungen so großes Aufsehen, daß er von Friedrich dem Großen nach Potsdam berufen und zum Kammerherrn und Direktor der Akademie ernannt wurde. Nach 25jährigem Aufenthalt in Preußen, hauptsächlich in Potsdam, kehrte er nach Frankreich zurück und starb in Toulon am 11. Januar 1771. Friedrich ließ „seinem teuren Jsaac" — so wurde d'Argens von seinen Vertrauten, z. B. auch von Voltaire genannt, nach Jsaac Onis, einem der Korrespondenten der „Jüdischen Briefe" — ein Grabmal in der Kirche von Aix errichten. G, Der Titel des Werkes „Jüdische Briefe" erklärt sich aus der Vorliebe jener Zeit, merkwürdige Dinge in Briefform zu behandeln, um sie einem größeren Publikum schmackhaft zu machen. Tonangebend für diese Manier waren Montesquieus „Lettres persannes", 1712. Sie wurden zahlreich nachgeahmt: d'Argens selbst, ermutigt durch den -Erfolg seiner „Jüdischen Briefe", schrieb „Lettres Chinoises" und „Lettres Cabbalistiques", 1739 und 1741. D'Argens ist weder ein großer Gelehrter noch ein tiefer Denker, noch ein sonderlich korrekter oder besonders glänzender Schriftsteller. Vielmehr ist er ein Mann, der gesunden Menschenverstand mit scharfer Beobachtungsgabe vereinigte. Im folgenden kommt es ausschließlich darauf an, das Wesen feiner „Jüdischen Briefe" darzulegen und die Stellung des Verfassers zum Judentum zu erweisen.

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