Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Juden" ausführt, eine dreifache Richtung: »1. Erläuterung des Schriftwortes nach dem -Wortverstan>de; 2. Entwickelung des freie« Gedankens in beliebiger Einkleidung und bei freiem Gebrauche des Textes; 3. Darstellung der Geheimnisse des 'Glaubens und der übernatürlichen Welten-" Die Halacha ist ihrem ganzen Wesen nach autokratisch. die Agada dagegen mehr demokratisch. Jene dekretiert, trifft Bestimmungen, erläßt Anordnungen und verlangt deren uneingeschränkte Befolgung; diese, ohne sich gegen die Souveränität der Halacha direkt aufzulehnen, zieht ihrer Alleinherrschaft doch eine gewisse Grenze, indem sie nach den Gründe« ihrer Bestimmungen und Anordnungen fragt und so das Recht der freien Meinungsäußerung propagiert. Die Agada, wie harmlos, erbaulich und versöhnlich sie auch scheint, zieht in ihren Kreis, wie Grätz treffend bemerkt, „die Untersuchung über der Gesetze Sinn und Bedeutung, forscht nach den allgemeinen sittlichen Wahrheiten des Judentums, verknüpft geschickt die Gegenwart mit der Vergangenheit und läßt aus alten Erlebnissen gegenwärtige Lebenslagen widerspiegeln". Darum bemerken auch unsere Weisen: „Willst du erkennen den, der da sprach und die Welt entstand, so ^befasse dich mit der Agada; sie offenbart dir die Wege des Heiligen, gepriesen sei er, daß du dich ihnen anschließt." „Sprich nicht, ich habe die Halacha gründlich studiert, das genügt mir. Es steht geschrieben (Deut. 8, 3): Damit du erfährst, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebt, sondern von allem, was von Gott kommt — das erste bezieht sich auf das Studium der Halacha, das zweite auf die Beschäftigung mit der Agada" (Sifri, Ekeb). „Der Halachist gleicht einem Juwelenhändler, dessen Kundenkreis aus nur reichen Leuten besteht; der Agadist hingegen gleicht einem Kaufmann, der billige Bedarfsartikel für Männer und Frauen auf den Markt bringt und darum zahlreiche Käufer findet" (Sota 40a). „In früheren Zeiten, als /der Broterwerb leichter war, vernahm man mit Lust die in der Mischna und im Talmud erörterte Halacha, jetzt aber, wo der Lebenskampf sich immer schwieriger gestaltet, jeder Tag neue Verhängnisse bringt und die Leiden und Verfolgungen überhandnehmen, hat man das Verlangen, die Worte der Agada zu hören, die Trost und Hoffnung spenden" (Psikta d'Rab Kahana). Die Agada, die sich für ihre Zwecke in geradezu künstlerischer Weise auch der Sage bedient, Fabeln dichtet, Parabeln erzählt und selbst „Hyperbeln gar possierlich" anwendet, ist keine an Zeit und Ort gebundene, vorübergehende literarische Erscheinung. Sie ist eine klassische Schöpfung Israels, die den herrlichsten Geistesschöpfungen anderer Völker in keiner Weise, nachsteht. In ihr offenbart sich Israels literarisches Genie, und sie zeichnet sich noch besonders dadurch aus, daß sie den Geistesreichtulm des jüdischen Volkes nicht nur der Mitwelt enthüllt, sondern daß sie ihn auch vor Untergang bewahrt und so als bleibendes Erbe der Nachwelt erhalten hat. Ich habe schon oben >das vabbinische Wort zitiert: „Willst du erkennen den, der da sprach und die Welt entstand, so be- ' fasse dich mit der Agada"; sch möchte >dieses Wort noch dahin ergänzen: Wer in de«-Geist der Thora eindringen will, der vertiefe sich in das Studium der Agada. Von diesem Gedanken, der mich schon seit langer Zeit beschäftigt, geleitet, habe ich es unternommen, einen großen Teil der -im rabbinifchen Schrifttum zerstreuten Agadot, die. an die Berichte der Thora anknüpfend, diese in traditionell jüdischem Geiste zu beleuchten suchen, zu sammeln, nach der Bücher- und Kapitelgliederung des Pentateuchs zu ordnen und als ein Sammelwerk in der Art des alten „Z'ewnv ur'enno", das insbesondere unseren frommen Müttern einst als Evbauungslektüre diente, unter dem Titel „Die Thora im Lichte der Agada" herauszugeben. Die ersten Kapitel dieser Sanmilung, die Ludwig Geiger schon im Oktober vorigen Jahres Vorlagen, lasse ich auf dessen noch kürz vor seinem Hinscheiden an mich gerichteten Wunsch, sie baldmöglichst erscheinen zu lassen, hier folgen., , I. enesis K. l. Mit zehn Aussprüchen ist die Welt erschaffen worden') und zehn Dinge liegen ihr ,zugrunde: Weisheit, Einsicht, Erkenntnis, Macht, Befehl, Kraft, Recht, Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit'). Tie Welt hätte auch mit einem Ausspruch erschaffen werd en können, Gott ließ sie aber erst nach zehn Aussprüchen entstehen, um dadurch der künftigen Menschheit die Lehre tundzutun: Wer diese kostbare Welt zerstört, wird zur Rechenschaft gezogen; wer zu ihrer Erhaltung beiträgt, empfängt reichen Lohn'). Der Weltbildung gingen sechs Dinge voran, von denen einige schon früher von Gott geschaffen, einige nur in seinem Gedanken lebten und bestimmt waren, erst später in Erscheinung zu treten: Die Thora und der Thron seiner Herrlichkeit waren bereits geschaffen, die Erzväter, Israel, der heilige Tempel und der Name des Messias (nach einigen auch die läuternde Macht der Reue und Buße) waren in seinem Schöpfimgsplan eingeschlössen'). Als Handwerkzeug bei der Schöpfung diente dem Ewigen die Thora, mit der er sich auch über die Zweckmäßigkeit der zu erschaffenden Welt beriet'). Die Welt samt allem, was sie füllt, ist nur durch das Verdienst der Thora entstanden, und sie ist es auch, die bezeugt, daß Gott die Welt aus nichts erschaffen hat'). Ein Philosoph sagte einst zu Gamliel II: Euer Gott ist zwar ein großer Künstler, ein berühmter Maler, aber er fand für sein herrliches Werk auch die nötigen Farben vor: Wüstes und Oedes, Finsternis, Wind, Wässer und die tiefen Abgründe. Da verwies ihn Gamliel auf die Heilige Schrift, die an verschiedenen Stellen bekundet, daß der Ewige auch der Schöpfer dieser Farben ist: Der da bildet das Licht und schaffet die Finsternis, der da stiftet den Frieden und erzeugt das Uebel, ich, der Ewige, tue alles dies (Jefaia 45, 6). Preiset ihn aller Himmel Himmel, Gewässer in der Himmelsluft; sie alle mögen preisen den Namen des Ewigen, denn er gebot, und sie wurden erschaffen (Ps. 148,4 bis 5). Siehe, er, Gott, ist der Schöpfer der Berge und der Bildner des Windes (Amos 4,13). Noch bevor Tiefen und Abgründe waren — spricht die ewige Weisbeit — war ich geschaffen (Sprüche 8, 24). Die Schöpfungsgeschichte beginnt darum im ersten Wort mit einem 2 - das von oben, unten und hinten geschlossen und nur vorn' offen ist, um damit anzudeuten, daß der Mensch vergeblich zu ergründen sucht, was oben, unten und hinten war und ist, daß selbst das, was seinem Auge offensichtlich, nicht leicht zu erforschen ist. „Erkundige dich nach den alten Zeiten, die vor dir gewesen sind von dem Tage an, da Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat, von einem Ende des Himmels bis zum andern" (Deut. 4,32): nur von diesem Zeitpunkte an und nur über das dir Sichtbare darfst du forschen'). So lehrt auch der Sohn Sirachs: Forsche nicht nach dem, was dir fern, und suche nicht zu ergründen, was dir verhüllt ist; vertiefe dich in das, was du wahrnimmst, und kümmere dich nicht um das Geheimnisvolle'). *) Äbot 5, 1. In der Schöpfungsgeschichte vom ersten Tage bis zur Schöpfung des Weibes kommt das Wort „Gott sprach" zehnmal vor. *) Chagiga 12a. ») Mbot 5, 1. 4) Genesis rabba K. 1. 6) itt.') Ibid. 7) Ibid. s) Chagiga 13a. ■■