Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ausitmideB ernsth-crft rmchzu gehen, als uns zürn Glück folgendes Hinfiel: Erst vor ganz kurzer Zeit haben wir unaufhörlich in der „Deutschen Zeitung" gelesen, daß gerade die gegenwärtige Regierung Deutschlands ganz verjudet sei-, daß Deutschland gegenwärtig nur von Juden beherrscht werde. Wir erinnerten uns auch eines WahlonsManeß gelegentlich >der Wahlen zur Nationalversarmnlung, dessen Verfasser der „Deutschen Zeitung" sicher nicht fernstanden, der mit den Worten begann: Achtzig Prozent Alden sitzen in der Regierung; wir erinnerten uns der illustrierten Flugblätter „gegen die Judenregierung der Landsberg, Hirsch, Davidsohn usw.". Also wenn die ganze Regierung aus Juden besteht, wie werden dann die Juden bei ihrem gerade in der „Deutschen Zeitung" stets besond-er-s hervorgehobenen starken Sollidaritätsgefübl -einen bewaffneten Aufstand gegen diese Regierung machen-? Solange uns die „Deutsche Zeitung" über diesen Punkt nicht aufklärt, müssen wir ihre Angaben mit Mißtrauen betrachten. * Von unserem X-Korrespondenten in Lissa i. P. erhalten wir folgende beachtenswerte Zuschrift: Der Jüdische Volksrat Posen, Berliner Straße 5, versendet unter dem Datum des 24. Februar 1919 folgendes Rundschreiben Nr. 9 an die Synagogengemeinden: Der Jüdische Volksrat Posen beabsichtigt, Hierselbst nrit Beginn des neuen Schuljahres eine jüdische Schule im System der Einheitsschule zu errichten. Der Unterbau derselben soll nach drei Schuljahren, in denen die Elementarsächer gelehrt werden, im vierten Schuljahr eine fremde Sprache (Französisch oder Engliscky aufnehmen. Diese Schule soll sich dann in den weiteren sechs Schuljahren zum Gymnasium, zur Realschule bzw. Oberrealschul-e entwickeln. Diese Einheitsschule soll zunächst mit den sechs unteren Schulklassen eröffnet werden. Von den hiesigen Behörden ist unser Plan mit Wohlwollen ausgenommen worden. Der Jüdische Volksrat bittet daher, auch in allen Gemeinden der Provinz wenigstens für die ersten sechs Schulklassen eine derartige jüdische Schule in Aussicht zu nehmen. Nähere Einzelheiten werden demnächst mitgeteilt werden. Es wird darauf hingewiesen, daß nach dem bestehenden Ministeri-alerlaß eine jüdische Schule schon dann errichtet werden kann, wenn auch nur zehn Schüler (Schülerinnen) vorhanden sind. Wenn dieses System einheitlich durchg-eführt wird, dann besteht die Möglichkeit, daß die Schüler aus den kleinen Städten ohne weiteres in die oberen Klaffen der größeren Städte übergehen können, die als Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule eingerichtet werden. Sollten dort jüdische Kinder Unterricht in sogenannten Privatschulen erhalten, so wäre es zweckmäßig, die Eltern dieser Kinder zu bewegen, ihre Kinder der so eingerichteten jüdischen Schule zu überweisen. Soweit sich bisher übersehen läßt, werden den Schulvätern aus der Einrichtung einer jüdischen Schule keine größeren Kosten als bisher entstehen. Der Jüdische Volksrat erstrebt nämlich die Schulautonomie dergestalt, daß die jüdische Bevölkerung nur ihr eigenes Schulwesen zu unterhalten braucht und von der Besteuerung für die Schulen der übrigen Kinder freigestellt wird. Die dort bestehende jüdische Schule möge nach Möglichkeit ausrechterhalten und die obigen Gesichtspunkte mögen bei der Errichtung neuer jüdischer Schulen ins Auge gefaßt werden. Der geschäftsführeude Ausschuß. Die führende Schulkomniisflon. Dr. Kol len scher. Brzezinski, Dr. Galla nd. Die Einheitsschule ist in das Programm der neuen deutschen Regierung ausgenommen worden. Ihre allgemeine, einheitliche Einführung wird zweifellos zur Ueberbrückung der sozialen Gegensätze wesentlich beitragen, sie wird dem Staatskörper neues Blut und. viele brauchbare Intelligenzen zusühren. Durch sie -wird das Wort von Bethmann Hollw-eg: „Freie Bahn dem Tüchtigen!" eher seine Verwirklichung finden können. Von den fremden Sprachen, die im vierten Schuljahre ausgenommen werden sollen, wird sich mit der Zeit wohl das Englische eine besondere bevorzugte Stellung erringen, der gegenüber das Französische, unbeschadet seines Wertes für die allgemeine Bildung^ erheblich zurückgetreten wird. Die Gründe dafür sind psychologischer und praktischer Natur. Es wird nicht schaden, wenn demgegenüber die alten Sprachen, Latein und Griechisch, mehr in den Hintergrund treten und dafür Deutsch und — bei den Juden — Hebräisch starker gepflegt werden. Für Lissa kann die jüdische Einheitsschule nur ip sehr bescheidenem Maße in Betracht kommen. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen die noch kurze Zeit vor dem Kriege einige 60 betrug, ist auf 30 heruntergegangen. Die. hiesige Wische Schule hat nur einen Lehrer und die Anstellung einer zweiten Lehrkraft, einer Lehrerin, ist zwar erstrebt, von den Behörden aber bisher abgelehnt worden. * Die Eröffnungssitzung der polnischen Konstituante hat in Warschau - stattgefunden. Dr- Thon (Krakau) beantragte, daß den jüdischen Abgeordneten eine Vertretung im Seniorenkonvent zuerkannt werde. Rabbiner Halpern (Lodz) unterstützte diese Forderung. Es wurde jedoch beschlossen, daß die Mindestzahl der Abgeordneten, welche einen Klub bilden können, 12 beträgt. Dadurch werden 'die Juden vom Einfluß aus die Geschäftsführung und wahrscheinlich auch von der Teilnahme an den meisten Debatten ausgeschlossen bleiben; sie werden gezwungen sein, bei einem anderen Klub zu hospitieren, um doch zum Wort zu gelangen. Dr. Thon ist bemüht, einen Zusammenschluß der jüdischen Abgeordneten zwecks Gründung einer Vereinigung herbeizuführen. Vorderhand verhalten sich die Volkisten dazu noch ablehnend. Bisher find neun jüdische Abgeordnete fest gewählt: Grünbaum, Thon, Rosenblatt, Weinzieher (Jüdischer Nationalrat), Prilutzki, eventuell, wenn dessen Mandat annulliert wird, Nomberg, und Hirschhorn (Volkist), Halpern, Perlmutter (Orthodox), Dr. Kiper, der an die Stelle des verstorbenen Dr. Max Rosenfeld vorrückt . (Poale-Zionist.). Srr Kongreh der annrikamschm Juden. Von Dr. L. D ärmst a dt er. er von der amerikanischen Judenheit schon im Jahre 1916 geplante und dann durch den Eintritt Amerikas in den Weltkrieg mehrmals verschobene Kongreß hat in -der Woche vom 15. bis 19. Dezember v. I. im Freimaurertempel in Philadelphia stattgefunden, und sind die in der Versammlung angenommenen Beschlüsse auch für die europäische Judenheit von besonderem Interesse. Der Kongreß wurde von mehr als tausend Delegierten besucht, und was früher gegen das Abhalten einer derartigen Versammlung befürchtet wurde, daß in einer solchen das zionistische Element die Oberhand gewinnen könnte, ist auch eingetrossen, da am Schlüsse des Kongreßes eine von Dr. Harry Friedenwald aus Baltimore, dem Führer der amerikanischen Zionisten, eingebrachte Resolution mit großer Begeisterung angenommen wurde, wodurch die vom Amerikanisch-jüdischen Kongreß nach Europa entsandte' Friedensdelegation unter anderem auch mit. dem Austrag betraut wurde, aus der Friedenskonferenz in Versailles den Beschluß des Kongresses bezüglich der Errichtung eines Nationalstaates in Palästina unter englischer Protektion anzustreben zu suchen. Für die Friedensdelegation, die vorgeschlagen worden ist und die aus nicht mehr als sieben Mitgliedern bestellen sollte, sind folgende Herrenvorgeschlagen: Adolf Kraus, Großmeister des Ordens der Bne Briih, Leo Sanders, Großmeister des Ordens Brich Abraham, Henry Morgenthau, Oscar S. Strauß und Abraham I. Elkus, die früheren amerikanischen Gesandten in der Türkei, Richter Julian Mack aus Cincinnati, Jacob de Haas (Boston), Rabbiner Max Berlin (New Pork) und Julius Rosenwald (Chicago). Mel wichtiger für die europäische Judenheit ist die Tatsache, daß vom der amerikanischen Judenheit in derselben Woche, in der der Kongreß tagte, Geldsammluugen vorgenommen wurden, welche der Unterstützung der durch den Krieg notleidend gewordenen europäischen und Orientjuden dienen sollen. „The Jewish War Relief Association" hatte sich zur Aufgabe gestellt, eine Summe von 5 Millionen Dollar anfznbringen, und bei der Großzügigkeit, mit der die ameri-