Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Strömung in anderen Ländern recht zu geben -scheinen. Vielleicht wird es am besten sein, wenn man sich mit dem im Werden begriffenen jüdischen Staate in Palästina abfindet, wenn man ihn als eine Zentrale betrachtet, von der manches Güte für das Judentum.ausgehen kann, als Kristallisationspunkt und geistiges Zentrum für alle rein jüdischen Bestrebungen in Wissenschaft. Literatur und Kunst, als eine Zufluchtsstätte und ein Heim für alle Juden, die in anderen Ländern der Erde verfolgt, geknechtet und entrechtet sind. Wenn man das tut, dann steht dem nichts im Wege, daß man, mit Stolz auf die jüdische Abstammung und das, was das Judentum in Religion. Bildung, Sitte und Kultur der Welt gebracht hat, sich in Deutschland als Deutscher fühlt, daß man echt deutsch empfindet und jeder nationalen Absonderung im deutschen Vaterlande widerstrebt. Wie viele bedeutende Männer hat es gegeben, die, trotz ihrer französischen Abstammung und diese nicht verleugnend, ja sich mit Stolz der weltbefreienden französischen Revolution erinnernd, voll und ganz Deutsche geworden sind und deutsch empfunden, deutsch gewirkt, dentsch gehandelt haben! Mit Bewunderung sprach Dlibois-Rehmvnd von seinem Geburtslande, der französischen Schweiz, wie vor ihm Chamisio sein Schloß Boncourt in der Champagne gerühmt hatte: die Dirichlets waren große deutsche Gelehrte und Politiker, die Perponchers bewährte deutsche Staatsmänner, die Tuaillon und Lamond geniale deutsche Künstler, die Verdy du Vernois, Francois und Hutier hervorragende deutsche Kriegsmänner lind Helden — sie alle waren gute Deutsche trotz ihre: gallischen Herkunft. Und so können und mögen auch alle Juden, die im Herzen Deutsche sind, weiter ihr Deutschtum Pflegen und im deutschen nationalen und Geistesleben aufzugehen suchen; sie brauchen deshalb die Wiege ihres Glaubens, das Land ihrer Väter, ihr Zion nicht zu vergessen. Sie Woche. Berlin, 17. Mürz. Unter den Zionisten herrscht großer Jubel über einen aus London mitgeteilten Beschluß des Zehnerausschusses der Friedenskonferenz, die Forderung nach einem jüdischen Palästina grundsätzlich anzuerkennen. Wir können den Jubel begreifen, auch wenn wir in ihn nicht einstimmen, schon aus dem Grunde nicht, weil wir ihn für noch verfrüht halten. Aus der nachfolgenden, von der „Jüdischen Rundschau" in der vorigen Woche leider nach Redaktionsschluß uns zugegangenen Notiz, die mit der Ueberfchrist „Die Forderung der nationalen jüdischen Heimstätte von den Mächten anerkannt" versehen war, ist eine 'diesbezügliche offizielle Erklärung seitens der Mächte noch nicht zu ersehen- Immerhin ist die Nachricht von hervorragender Bedeutung, so daß wir bei voller Wahrung unserer bisherigen ablehnenden Haltung gegen den politischen Zionismus und seine mit den Anschauungen der Mehrheit der deutschen Juden nicht übereinstimmende Propaganda, es doch für unsere journalistische Pflicht halten, die besagte Notiz sowie die von der zionistischen Delegation gestellten Forderungen vollinhaltlich hier wiederzu geben-. Der Zehnernusschriß der Friedenskonferenz empfing die zionistische Delegation, um mit ihr über die zionistischen Forderungen zu beraten. E? waren von den Zionisten anwesend die Herren De. Weiz. mann, Sokolow, Ussischtin, Andro Spiro, letzterer als Vertreter der französischen Zionisten, sowie Professor Sllvain Levi, der vom Sekretariat der Friedenskonferenz aufgefordert war, als -ein Vertreter der nichtzionistischen französischen Juden zu referieren. Die Sitzung fand unter dem Vorsitz von Pichon statt, auch Clemencean war anwesend... Es waren ferner vertreten: England durch Balfour. Mitner, Frankreich durch Tardieu, Amerika durch Lan.fing,. White,. Italien durch Sonnmo. Zunächst sprach Sokolow und entwickelte in kurzen Worten das moralische Anrecht des jüdischen Volkes auf Palästina. Dann sprach Weizmann über die. ökonomischen'- Bedingungen, unter denen das jüdische Volk lebe, über die Kriegsnot, unter der die Juden schwerer gelitten hätten als andere Völker, und über die Wicht der Völker, dem jüdischen Volke hei dem Aufbau feiner nationalen Heimstätte behilflich zu sein. Dann sprach Andr6 Spire namens der französischen Zionisten und appellierte besonders an die französischen Delegierten. Darauf versuchte Silvam Levi, nachdem er im Anfang seiner Rede die jüdischen Kolonien in Palästina sehr gelobt batte, dem Zionismus zu opponieren. Seine Einwände wurden jedoch von Weizmann eingebend widerlegt, der. auf §me Frage Lansirgs, was die Zionisten unter einer nationalen Heimstätte verständen, etwa folgendes antwortete: Die Zionisten verständen darunter die Schaffung derjenigen Bed-inaunaen, die Palästina ebenso zu einem jüdischen Lande machen, wie England ein englisches und Amerika ein amerstauiVes Land sei. Durch die Einwanderung von jäbrlich etwa sechzi g tau send Juden und durch die Entwicklung der Verwaltung, der Sprache, der Schule und der sonstigen Institutionen soll die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens, ermöglicht werden. L a n s i n g e r k l ü r t e sich von di e s e r A n t -• wort befriedigt. Nach Schluß der Konferenz beglückwünschte Balfour die zionistischen Unterbündler. Am Msttiwoch. den 6. März, berichtete Weizmann in der Londoner . zionistischen Konferenz über das Ergebnis der Verhandlungen in Paris. Er erklärte, daß die Forderung nach einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina von den Mächten angenommen sei. Es wurde e'ne Kommission zur Besprechung der Einzelbeiten eingesetzt. an der der amerikanische Zionist Professor Felix Frankfurter als juristischer Beirat teilnehmen soll. Dr. Weizmann schloß seinen Bericht mit dem Seaenssoruch „Sckehecheionu'". Die Konferenz nabm Weizmauus Bericht mit stürmischem Beifall auf. Die Deleaierten der verschiedenen Länder dankten Dr. Weizmann in hebräischer, jüdischer und englischer Sprache. «e Das von den Zionisten der Friedenskonferenz überreichte Memorandum umfaßt 14 Seiten, bat eine blauweiße Titelleite und ist vom 3. Februar 1919 datiert. Es ist unterzeichnet von Lord Rothschild, Sokolow und Weizmann namens der zionistifchen. Organisation, von Rosow namens der zionistischen Organisation Rußlands, von Mack, Wise, Friedenwald. Miß Szold. Rabtnson, de Haas für die zionistische Organisation Amerikas, ferner noch einmal von Sokolow und Weizmann namens der Juden Palästinas. Das Dokument beginnt mit einer historischen Einleitung, enthält dann die Regierungserklärungen über die Errichtung dex jüdischen Heimstätte, die Resolutionen der zionistischen Kongresse und des Amerikanisch-jüdischen Kongresses. Es folgen dann die Förderungen. § 1 lautet: Die hoben Vertragscklietzenden Parteien anerkennen das bistorische Recht des indischen Volkes aus Palästina und das Recht der Juden. Palästina als nationales Seim wieder aufzubauen. 8 2 behandelt die Grenzen Palästinas. 8 3 verlangt, daß die Souveränität über Palästina dem Völkerbund übertragen werde und Großbritannien vom Völkerbund als Mandatar bestellt werden soll. 8 5 verlangt, in Palästina müssen derartige politische, administrative und ökonomische Bedingungen getroffen werden, die die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk durch die Schaffung eines autonomen jüdischen Gemeinwe'se>ns (eommonwealt-h) ermöglichen, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der vorhandenen nichtjüdischen Bevölkerung oder die Rechte und die politische Stellung der Juden anderer Länder beeinträchtigen. könnte. Der Mandatar soll die jüdische Immigration und die Bildung einer geschlossenen jüdischen Siedlung fördern. Ein jüdischer Rat soll den Mandatar bei der Entwicklung des Planes der jüdischen Heimstätte unterstützen. Konzessionen sollen gewahrt werden für öffentliche Arbeiten unter Erschließung der Hilfsquellen des Landes. Der Man-