Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229402--74733-3287200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin, 21. März 1919 S3. Jahrgang. Nr. 12 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 XXL — Postscheckkonto 32H. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46*49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Die Lösung der Palästinasrage. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissai. P.)—Die Woche. — Der Kongreß der amerikanischen Juden. Von Dr. L. Darmsladt er. — Einheitsschule und Kantorenseminar. Von Hermann Zivi, Oberkantor der Synagogengemeinde Elberfeld. — Die Dozenten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin: Rabbiner Dr. Hochfeld. Von L. G. — Die Thora im Lichte der Agava. Von Albert Katz. — Marquis d'Argens und seine „Jüdischen Briefe". Von Ludwig Geiger. — Jeuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Cprechsaal. — Druckfehlerberichtigung. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Lissa i. P.. Breslau, Leipzig, Köthen, Magdeburg, Nürnberg, Stuttgart, Budapest. — Von Nah und Fern. Sie Lösung der Kslöltmskragr. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel (Liffa i. P.). an streitet jetzt soviel Mer die Schuldfrage am Weltkriege herum. Die Frage liegt aber sehr einfach. Man hat den ersten Grundsatz im Leben: Quieta non movere! nicht befolgt. Und als der ruhende Felsbloch der den Tempel des Janus schloß, ins Rollen gebracht war, da war kein Halten mehr. Da trat nicht nur der wasfenstarrende Mars aus den Toren des Tempels heraus, sondern auch Pandora, die „Allbeschenkte" oder vielmehr „die alle Beschenkende" mit ihrem Gefäße, aus dem allerlei Nebel über die ganze Erde ausströmten: Nationalismus, Bolschewismus und dergleichen schöne Dinge mehr, vor denen die Welt sich jetzt nicht mehr zu retten weiß. Nur eins blieb in der Büchse der Pandora zurück: die trügerische Hoffnung auf einstmalige Versöhnung und Gerechtigkeit auf Erden, auf einen ewigen Frieden. Statt dieses -ewigen Friedens scheint der Waffenstillstand den Krieg aller gegen alle gebracht zu haben und — trotz Wilson und aller sonstigen Weltbeglücker — verewigen zu wollen. So wird alles Glück, das man von dem Weltkriege erhofft hat, nur Schimäre geblieben sein, und man fragt sich schon jetzt, ob >das Gute, das er gebracht hat, nicht zu teuer erkauf! ist. „Man hätte sich sollen begnügen", wie der Kehrreim eines neckischen deutschen Gedichtes lautet, man hätte die Dinge ruhen lassen sollen, wie sie so schön vor dem Kriege lagen. Wenn auch nicht alles gut und trefflich war, man lebte so ruhig und friedlich dahin, schlief ohne Sorgen um die Zukunst ein und träumte von Autorität, Glaube, Ordnung und Disziplin, welche -die Welt im gewohnten Gleise so sicher und zielbewußt »veit-ersührtem Und nun —ein Chaos! Bei all den Dingen, mit welchen wir jetzt von Freund und Feind bedacht werden sollen, müssen wir an die Worte Goethes -denken: „Harte Dinge gibt es zu kauen, Wir müsien erwürgen oder verdauen." Und so gibt es auch viele Juden, die -sich -mit dem Geschenk eines neu erst-anüenen jüd ischeu Reiches in Palästina nicht recht befreunden können. Die junge Welt ist ja schnell gewonnen; sie jubelt ihm meist zu und -erhofft -davon alles mögliche Glück für die Ju'denheit und das Judentum. Aber die Aelteren sind zurückhaltend und haben schwere Bedenken. Sie sollen jetzt ihre ganzen Lebensanschauungen aufgeben, und namentlich diejenigen, die voll und ganz deutsch fühlen und empfinden, -das Judentum nur als eine Glaubensgemeinschaft angesehen haben und stets für ein völliges Aufgehen der deutschen Juden im Deutschtum eingetreten sind, wollen nicht, daß der Kampf ihres Lebens ein verfehlter gewesen ist. Zu den Männern, welche -das Palästinaprojekt schwarzseherischen Blickes betrachten, gehört auch der bekannte Psychiater Professor Dr. Moritz Benediktin Wien. In -einer Studie „Der geisteskranke Jude", in welcher er viele Geistes- und Nervenkrankheiten bei den Juden, insbesondere Paralyse, Tabes (Rückenmarksschwindsucht), Epilepsie, Hysterie, deren Entstehung ohnehin durch Familienanlage und Verwandtenehen begünstigt wird, auf ihre vorwiegende Kopfarbeit, den sozialen Existenzkampf. Verfolgungen, Not und Elend zurückführt (den Zusammenhang mit einer gewisien schweren Geschlechtskrankheit bei Paralyse und Tabes, wie er meist angenommen wird, bestreitet er hinsichtlich der Juden), kommt er auch aus die Kolonisation von Millionen Juden zu sprechen. Er erklärt, daß eine erste Bedingung für eine solche eine sehr breite agrikole und gewerbliche Volksunterlage ist. Er erklärt aber auch weiter, daß der Wahnwitz von der Oberfläche verschwinden müsse, in Palästina eine Art Nationalstaat zu schaffen. „Eine mehrtausendjährige Erfahrung lehrt, daß dieses Land immer eine Reibungsfläche zwischen afrikanischen und asiatischen und auch europäischen Großstaaten ist, wobei die staatliche Selbständigkeit zerrieben wird. Heute streiten sich schon England und die Türkei, wer bei diesem an und für sich schwächlichen, noch dazu ungeborenen Kinde Patenstelle vertreten solle. Zweitens sind Konflikte mit der einheimischen arabischen Bevölkerung unausweichlich, die ein fortschreitendes Einschreiten nötig machen werden. Drittens scheint das Land für eine genügende allseitige Bodenwirtschaft gar nicht geeignet. Der Zionismus muß auf eine große staatsmännische Organisationskraft warten und die Massen 'sich für eine solche vorbereiten. Dann kann aus einem großen Geschehen auch die relativ kleine Frucht einer raffen-hygienischen Befferung erhofft werden." — Was man bisher für eine Utopie gehalten hat, was Benedikt für einen „Wahnwitz" erklärt, die Bildung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina, scheint nun Wirklichkeit werden zu wollen. Und zu dieser Tatsache werden die Juden in aller Welt Stellung nehmen müssen. Die großen jüdischen Verbände in Deutschland haben in -der Palästinafrage und in der des jüdischen Nationalismus eine öffentliche Kundgebung erlaffen, in welcher sie erklären, daß sie sich als unablöslichen Bestandteil des deutschen Volkes fühlen, daß sie eine Glaubensgemeinschaft, nicht aber ein jüdisches Volk in Deutschland seien. Diesen Standpunkt wird man gelten lassen müsien, aber nach den bisherigen Erfahrungen hört man in weiten Kreisen mehr auf die anderen, -die das -Gegenteil behaupten und denen die geschichtlichen Tatsachen sowie -die jüdisch-nationale