Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Sß Hannover, 2. März. Am gestrigen Sabbat beging die Synagogengomeinde in treuer und ehrender Erinnerung den hundertjährigen Geburtstag des verewigten Landrabbiners Dr. Samuel E. Meyer. Landrabbiner Dr. Meyer war der Sohn des Begründers des Bankhauses Ephrmm Meyer u. Sohn und wurde (1845) schon in jungen Jahren zum Landrabbiner des Bezirks Hannover gewählt. Sein organisatorisches Talent befähigte ihn, besonders -an der Neugestaltung der Rechtsverhältnisse und Organisation der jüdischen Gemeinden auf dem Gebiete des Kultus und des Schulwesens.mitzuarbeiten. Seiner Initiative ist die Schöpfung zahlreicher Institutionen innerhalb der^Synagogenaemeinde zu verdanken, die heute noch segensreich wirken. Anläßlich dieses Gedenktages ist im Aufträge des Vorstandes der Synagogengemeinde von dem Bibliothekar Herrn M Zuckermann eine Gedenkschrift erschienen. Frankfurt a. M., 28. Februar. Die Versorgung jüdischer Kriegsbeschädigter gehört zu den wichtiasten Gegen war tsau-sgaben der deutschen Juden. Zur Lösung, dieser Frage wird hier eine lebhafte Agitation zur Schaffung von Siedlungsgesellschaften für jüdische Kriegsbeschädigte entfaltet. Es sollen größere Landkomplere erworben werden, auf denen jeweils mindestens zehn Familien angesiedelt werden können lind trotzdem noch Lebens- und Erwerbsniögli'chkeiten für eine Anzahl weiterer Personen vorgesehen sind. Es wird beabsichtigt, in verschiedenen Gebenden Deutschlands, zunächst in der Näbe größerer jüdischer Gemeinden, derartige Siedlungen zu begründen. Für diesen Fall wird sowohl die Notwendigkeit einer jüdischen Landbevölkerung als auch die Erfahrung geltend gemacht, daß es äußerst schwierig ist, jüdische Kriegsbeschädigte in den allgemeinen Siedlungen unterzubringen. An der Svitze dieser Bestrebungen, die von dem Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Indien Deutschlands ausaebien und von den großen jüdischen Vereinen wirksam unterstützt werden, stebt hier unter anderen Freiberr Mar v. Gold schm i dt-Not bschi ld. Die Mittel, die für dieses soziale Kolonisationswerk erforderlich sind, sollen durch Anteile von ie 500 Mark aufgebracht werden: es ist zu hoffen, daß diese wichtige jüdische und vaterländische Arbeit allseitige Förderung erhält. A. M. Karlsruhe i. B.. 28. Februar. Ter vom hiesigen Verein für indische Gesclüthst und Literatur vor kurzem im ..Friedrichshof" veranstaltete' Vortrag von Geb. Oberregierunasrat . Dr. Mayer über das Thema ,,T i e I u d e n h e i t als Volk und als R e l i a i o n s g c m einschaf t" hatte einen sehr zahlreichen Zuhörer kreis znsaunnengeführt. Der Vortrag war geeignet, im Anschluß an die ihm in der lebten Zeit hier voraufaegangenen das Bild der durch den Weltkrieg auch für das Judentum gezeitigten äußeren volitischen und inneren seelischen Wandlungen noch zu vertiefen. Im Hinblick auf dst namentlich im Gefolge der zionistischen Bewegung entstandenen Trennungen unb inneren Kämpfe ließ der Redner seinen Ausführungen die Mahnung zur Wahrung einer einheitlichen Front vorangehen und warnte vor Vergeudung der geistigen Kräfte in so ernster Zeit Im Verhältnis zu den sie umgebenden Staaten der antiken Welt h.abe die jüdische Nation schon im frühesten Altertum einzigartige und kulturell hocl> stehende Gesetze geschaffene so namentlich ans dem Gebiete des Sklaven - und F r e m b e n r e ch t s. Der Sklave war im jüdischen Staat durch Gesetz vor jeder Gewalttätigkeit geschützt. Der Fremde sollte sogar wie der Einheimische behandelt werden: „Du sollst ihn lieben wie dich selbst", heißt es in der Bibel. Beides batte seine Grundlagen in der Lehre des Judentums von der Gotteskindschaft aller Menschen. Schon vor dem Untergang des jüdischen Staates fand — wohl ans wirtschaftlichen Gründen --- eine starke Auswanderung, namentlich nach den Ländern des M ittelmeeres, statt. Abgesehen hiervon würde der jüdische Staat wahrscheinlich auch ohne die 70 n. Ehr. erfolgte Zerstörung durch die Römer infolge der Völkerwanderung und späteren Ereignisse verschwunden lein. Das jüdische Volk wollte jedocb nicht untergeben und hat sich deshalb trotz der Zerstreuung übe.r alle Länder erhalten. Auch gab es die Hoffnung aus die Wiedererstehung des palästinensischen Staates nicht aus. jedoch bestand sie bis in die neuere Zeit nur als religiöser Glaube, nicht als politisches Ziel. Dann kam, vor -einem Jahrhundert, die E m a n z i - pation, das Heraustreten aus dem Getto des Mittelalters. Sie sieh nicht zum Vorteil einer allmählichen Entwicklung, in eine Zen des geistigen und wirtschaftlichen Sturmes und Dranges, der Aufhebung auch sonstiger zahlreicher Beschränkungen des Kultur- und Geisteslebens und des Beginnes gewaltiger Wandlungen auf allen Gebieten. Alsbald «entstanden im Anschluß an diese in der Umwelt sich vollziehenden Neuerungen gottesdienstliche R e f o rmbestre - b u n g e n im Judentum; der alten orthodoren begann eine neuere Richtung sich gegenüber zustellen, wobei auf die Pflege der hebräischen Sprache geringerer Wert gelegt wurde. Weiterhin wurde von vielen, namentlich in höhere äußere Lebensstellung Gelangten, das Erbteil des Judentums als eine drückende und hemmende Last empfunden. Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts setzte als Folge- Wirkung der Gründerzeit die antisemitische Bewegung ein, gegen die zunächst eine äußere Abwehrorganisnbon geschaffen wurde. Zwei Jahrzehnte später setzte aber auch eine Eigenbewegung im Judentum ein, der von dem Oesterreicher Theodor Herzl ins Leben gerufene Z i o n i s m n s , der den Gedanken des palästinensischen Staates als indische Heimstätte 'erneuerte. Er fand gleichen Widerstand sowohl bei der orthodoren wie der reformierten Richtung, namentlich in Deutschland, bis nunmehr der Weltkrieg nach der Besetzung von Palästina durch die Engländer die Verwirklichung des Gedankens in areifbare Nähe rückte. Es würde jedoch — wie der Vortragende auch kürzlich in der Zeit des Wahlkampfes den Deutschnationalen hier zugernfen hatte — einen Verlust für Deutschland bedeuten, wenn im Anschluß an die Begründung des Palästinensischen Staates ein großer Teil der deutschen Juden abwandern würde. Wenn übrigens der neue Staat auch nicht so bald schon ein jüdisches Kulturzentrum würde, könnte er schon als Agrikulturzentrum den Juden vortressliche Dienste leisten. Im übrigen anerkennt der Vortragende, daß für das jüdische Leben und Denken die Erfüllung der zionistischen Idee eine seelische Bereicherung bedeutet. Darin liege für den deutschell Inden kein D u a l i s m. it s. Der Primat, der für den Inden ebenso wie für den Katholiken lind Protestanten — selbstverständlich iinmer auf der Seite der Religion liegt, f-omrne in politischer Beziehung nach loie vor dem deutschen Vastrlande zu. Glaube lind Religionssreihei't müßten iinmer lind überall obenan stehen, loie dies z. B. M den französischen Hugenotten der Fall war, die ihre .Heimat nach der Aushebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. verlieben und in dem toleranteren Preußen des Großen Kurfürsten und ben Niederlanden eine neue gesicherte Heimstätte fanden. Dem Gedankeneines j ü dischen K o n a r e s s e s i n Deutschland im Rahmen ein,cs Weltkongresses steht der Vortragende freundlich gegenüber. Zu welcher der heutigen Richtungen im Judentum der einzelne sich aber auch bekenne, stets möge er dessen gedenk bleiben, daß er ans heiligem Boden siebe, wo Zank und Streit Sünde fei. Das gemeinsame Ziel bleste die Wohlfahrt des gesamten Zudeistunst als Volk lost als Relstionsgememschaft. — Die in schlichter Sachlichkeit lind aus warmer Ueberzeligung zur Versöhnung lnabnenden Alstsübr ungen von Geheimrat Dr. Maver fanden starken und dankbaren Widerhall. In einem kurzen Schlußwort erwähnte er noch die innerhalb der jetzigen allgelneinell staatsrechtlichen. Umbildungen entstandene Absicht der U m - lv andlnn g der R e l i g i o n s g e m e -i n d e n in Volk s - a e m e i n d e n. Genen eiire solche Politisierung der bisherigen Knl'tnsgemeinden stien ernste Bedenken zu erheben, da das Ausscheiden ans einer relioi-hstn Gemeinschaft vor allenl Gnoisienssache sei lind bleiben müsse, während die Loslönmg von einer pöliti scheu Gemeinscha-st ohne weiteres erfolgen könne. Wohl aber sei zu wünschen, daß die religiösen Gemeinden wieder mehr als bisher lo-ahrbast volkstümliche Ge me in de n würden, in heilen unter Anteilnahme, vor allem auch der Frauen und der Jugend, das religiöse Leben einer neuen Blüte entgegengeführt werden könne. Rußland. Z. Petersburg, im Februar. Das j ü d i s ch e K o m m i s s a - r i a t in der Räteregierung hat vom Begilln seines Bestehens den Kampf gegen die jüdischnationale Bewegung und ihre Organe als eines seiner wichtigsten Ziele betrachtet. Die Einberufung des Kongresses wurde verhindert, die großen jüdischen kulturellen und nationalpolitischen Gesellschaften wurden unter Kontrolle gestellt, alle jüdischen und russisch-jüdischen Preßorgane wurden verboten. Vor kurzem fand eine Konferenz aller bolschewistischen und kommunistischen „jüdischen Kommissare" statt, an der etwa sechzig Personen teilnahmen, darunter eine Anzahl Bnndisten und „Vereinigte", die sich