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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-14 · Heft 10-11 (14.3.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 10-11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 jetzt den Bolschewisten angeschlossen haben. Die Konferenz beschloß, die jüdischen Gemeinden als Nester der Konterrevolution zu schließen, die Mitglieder der Gemeindeverwaltnnaen auseinanderzujagen und den gesamten Gemeindeapparat zu bolschewistischen Zwecken zu verwenden. In der Provinz hat man bereits begonnen, diese Beschlüsse zu verwirklichen. In Petersburg entsandte der jüdische Kommissar einen Vertreter in die Gemeindeverwaltung, der ibre Tätigkeit zu überwachen hat. In Moskau hat der Kommissar Dimendstein „vorläufig" versprochen, von Maßregeln gegen die Gemeinde abzuseben. — Die Lage der neuen Gemeinden ist aber auch ohnedies eine sehr traurige, da die reichen Mitglieder fast alle ihre Wohnorte verlassen haben und die zurückgebliebene arme Bevölkerung nicht in der Lage ist, bei der gegenwärtigen Teuerung die nötigen Kosten zur Deckung der elementarsten Bedürfnisse aufmbringen. Die Verfolgungen des Kommissariats erschweren auch die an und für sich schon stark bedrohte Lage der neuen, auf demokratischen Grundlagen aufgebauten Gemeinden Jetzt beschäftigt sich das Kommissariat mit dem Projekt der Auflösung des Rabbi n als. Eine besondere Aufmerksamkeit widmen die Bolschewiki den Zionisten. Einer der bolschewistischen Fübrer, Lissewskv, selbst Jude, erklärte neulich in einer Versammlung in Petersburg, die Feinde des Bolschewismus seien die ..Schwarzen wundert", die linken Sozialrevolutionäre und die Zionisten. —- An Stelle des eingestellten „Raßwjets" wurde den Zionisten jetzt gestattet, eine „Cbronika Iewreiskoh Iitzni" herausurgeben, die aber bloß Mitteilunaen aus dem jüdischen Leben in Rußland und Palästina, ohne Aufsätze und Leitartikel, bringen darf. — Am 5. Januar, abends 9 Uhr, sind nach kurzem Z^ueraekecbt mit polnischen freiwilligen Trnvven die Bolschewiki mi ^fnn o;r»‘Yf>vütft und haben von der Stadt Besitz ergriffen. Das Leben in Wilna gebt seinen Gang weiter. Die jüdischen Schulen sind oeöftnet, ebenso alle Laden, Kaffeehäuser usw., auch die Zeitungen erscheinen. Versammlungen dürfen dagegen nicht stattfinden. Die Preise sind ungeheuer hoch, weil die Bolschewiki alle Waren beschlagnahmen, aber das Geld nicht dem Händler geben, sondern es bei einer Bank deponieren. von der monatlich eine bestimmte Summe abgehoben werden fnnn. Die Folae ist natürlich eine völlige Unterbindung des Handels. Der größte Teil der Bevölkerung wird allerdings von den beschlagnahmten Vorräten ernährt. Von Sah nnv Mn. — Die Gesellschaft f ü r T y e a t e r g e s ch i ch t e veranstaltete am 2. d. M. für ihren Begründer und ersten Vorsitzenden L u d Um g Geiger eine erhebende Gedenkfeier, der außer den Hinterbliebenen und näheren Bekannten des Entschlafenen zahl-- ^e'che geladene Gäste beiwohnten. Die Gedenkrede, von deklamatorischen und musikalischen Vorträgen bekannter Künstler umi-abint, hielt der Generalsekretär der Gesellschaft Tr. Heinrich S t ü in ck e. — Das seltene Fest der a o l d e n e n Hochzeit begingen Herr und Frau Josepb G r ü n st e i n. Das Jubelpaar erfreut sich völliger geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Herr Grünstein, ein Veteran von 1870, stebt seit mehr als einem Vierteliabrhnndert als Sckmmrbläser im Dienste der Jüdischen Gemeinde. Der feierliche Akt fand in der Synagoge Levetzowstraße statt, wo Rabbiner Dr. Le w k o w i tz die Einsegnung vornahm und Oberkantor F r i e d m a n n einen Psalm vortrug. An der anschließen>den Feier nabmen Vertreter des Vorstandes der Synagoge Levetzowstraße teil, an welcher Herr Grünstein seit ihrer Begründung angestellt ist. - Herrn Salomon Silber b e r g, dein Leiter des von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin -eingerichteten Religionsunterrichts in Berlin- Lichterfelde, ist anläßlich der Errettung eines Kameraden vom Tode des Ertrinkens im Somme-Kanal die Erinnerungsmünze für Rettung aus Gefahr verliehen worden. Das bisherige Mitglied der Reprä''entantenversamnlllmg der Berliner Jüdischen Gemeinde Herr Handelsrichter Berthold Kirstein ist zum Gemeindeältesten - Stellvertreter gewählt worden. - Aus P o s e n wird uns berichtet: Tie Reifeprüfung am Friedrich-Wilhelm- Gvmnasinm fand unter dein Vorsitz des Direktors. Geheimen Studienrats Dr. Rost, statt. Von den drei Abiturienten, die die Prüfung mit Erfolg bestanden, wurden die beiden jüdischen, Fritz B l e i st e i n und Martin Zöllner, vom Mündlichen befreit. — Im Alter von 66 Jahren ist in Breslau 'Herr Sanitätsrat Dr. Siegfried Kohn gestorben. Er gehörte viele Jahre der Repräsentantenversammlung und als erster Schriftführer ihrem Vorstande an, war von Liebe und Begeisterung für das Judentum . erfüllt und erfreute 'sich als Arzt und als Mensch allgemeiner Beliebtheit und Wertschätzung. — Zum ersten Rabbiner der Shnagogengemeinde Görlitz wurde Herr Dr'. S ch ü f t a n aus Düsseldorf, ein Schüler des Breslauer Seminars, gewählt. — Eine Gedenkfeier für die gefallenen Krieger fand in Hamburg im Israelitischen Tempel statt. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Sonderling, der während des Krieges als Feldrabbiner tätig war. Gleichzeitig wurde durch Herrn Rabbiner Dr. Leimdörfer die Enthüllung der Gedenktafel, auf der die im Felde gefallenen Mitglieder des Tempelverbandes verzeichnet sind, vorgenommen. — In Stargard (Pommern) starb der Vorsitzende des Kranken- und Beerdigungsvereins der Gemeinde und langjähriges Mitglied der Repräsentantenversammlung, Herr A. Alexander.. — In Münster i. Wests, ist Dr. S t e i n t h a l, bisher zweiter Rabbiner in Posen, zum Rabbiner und Direktor der Lehrerbildungsanstalt (Mark-Haindorfsche Stiftung) gewählt. Rabbiner ' Dr. Steinthal ist ein Schüler der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. — In Frankfurt a. M. verschied Geh. Medizinalrat Dr. E. L e v y, früher Professor an der Universität Straßburg, im Alter von 55 Jahren. — Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. hat dem Verein israelitischer selbständiger Handwerker und Gewerbetreibender in dem früheren Rothschild-Häuse, Ecke Fahrgasse und Börnestraße, zwei Räumlichkeiten als Israelitisches Handwerksmeisterheim zur Verfügung gestellt. Diese Räume sollen in erster Linie den Vereinsversammlungen, Borstandssttzungen usw. dienen. — Am 2. d. M. ist in Stuttgart der Bezirksrabbiner Dr. Stöffel im 71. Lebensjahre verschieden. — In Zürich wurde am 22. v. M. die Weltkonferenz der jüdisch-religiösen Verbände eröffnet. Es waren 16 Länder durch 100 Delegierte Vertreters darunter -Schatz iro aus Kowno, Winkler aus Kopenhagen, Tal aus Utrecht, M a r g u l i e s aus Florenz, Sacerdoti aus Rom, Mail aus Bouxviller, Hildesheimer aus Berlin, Horowitz aus Jerusalem, Fuchs aus Großwardein, Frankl aus Budapest und Birnbaum aus Wien. Die von der Konferenz gefaßten Beschlüsse sollen der Pariser Konferenz unterbreitet werden. — Die dänische Tageszeitschrift „Berlingske Tidende" hat ihre letzte illustrierte Sonntagsbeilage ausschließlich der Juden- und Palästinafrage gewidmet. Die Nummer enthält einen Aufsatz von Professor D. S i m o n s e n mit der Ueberschrift „Der ewige Jude", der die Lage der Juden besonders in Osteuropa schildert und auf die Bedeutung des Zionismus und das bisher in Palästina Geschaffene hinweist. Der Aufsatz ist illustriert durch eine Fülle sehr schöner Bilder aus dem ostjüdischen Leben und aus Palästina. — In Wien wurde vor wenigen Tagen der ehemalige Sekretär der Baron-Hirsch-Stistung, Dr. Moritz Friedländer, zur letzten Ruhe bestattet. Er hat in Galizien und in der Bukowina fünzig Schulen organisiert, um die notleidende jüdische Bevölkerung dieser Länder dem Handwerk, der Landwirtschaft und anderen produktiven Berufen zuzusühren: ein Werk, das von bestem Erfolg begleitet war. Auch als Gelehrter war Dr. Friedländer unermüdlich wirksam. Er hat, zumal auf dem Gebiet der Religionsgeschichte, eine Reihe wertvoller Schriften veröffentlicht. — Der Lesesaal der Jüdischen Gemeindebibliothek in Wien war im Monat Januar 1919 an 26 Tagen geöffnet und in dieser Zeit von 1072 Lesern besucht, an die 1459 Werke bzw. 1681 Bände gereicht wurden. Entlehnt wurden an 454 Personen 692 Werke in 921 Bänden. — Der bekannte poale-zionistische Führer aus Galizien Dr. Max R o s e n f e l d ist am 13. Februar in der Blüte seiner Jahre der Grippe erlegen. — Als Präsident Wilson kürzlich Rom besuchte, wurde ihm von einer Deputation der italienischen Juden eine Dankadresse überreicht. Die Adresse ist in künstlerischer Art ausgeführt, auf durchsichtigem Pergament geschrieben, das der Form der Gesetzestafeln nachgebildet ist. Die eine Seite ist in englischer, die andere in hebräischer Sprache abgefaßt. — „Jewish Chronicle" meldet: „Aus den letzten Berichten geht deutlich hervor, daß die in New York für den jüdischen Kriegsunterstützungsfonds ausgeschriebene Spende von 5 Millionen Dollar überzeichnet werden wird. Den größten Einzelbetrag steuerte Mr. Nathan Strauß in Höhe von 200 000 Dollar bei. Mr. Jacob H. S ch i s f und Mr. Felix M. W a r b u r g e r gaben je 100 000 Dollar. Viele der ganz bedeutenden Beträge kamen von nichtjüdischen Häusern und Persönlichkeiten. I Verantwortlicher Redakteur: Albert 5katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Moste.

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