Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1Ö8 - Klaßner iah ihn einen Augenblick scharf und durchdringend an und winkte ihm schweigend nach dem Zimmer, wo er ihm einen Stuhl anbot. „Nehmen Sie Platz, Herr Strömov." „Ich danke Ihnen," sprach dieser einfach und Ließ sich schwer auf den Sitz niedersinken, während sich ein hörbarer Seufzer aus seiner Brust löste, der eine Erlösung und Erleichterung nach einer großen Anstrengung zu sein schien. „Es wundert mich nicht, daß Sie mich kaum wiedererkannt," fuhr der ehemalige Vikar ohne Verwirrung fort. „Ich glaube, selbst am Tage wäre es Ihnen schwer geworden, Ihren eigenen Augen zu trauen. Ich komme deshalb spät in der Nacht, weil ich sicher sein wollte, Sie anzutreffen. Daß ich nicht mehr das geistliche Gewand trage, mag ebenfalls beigetoagen haben, daß Sie mich nicht gleich erkannt." Klaßner betrachtete ihn schweigend und wunderte sich, ob dem Manne keine andere Veränderung bewußt war als sein Gewand. Es war freilich mehr als ein Jahr, daß Klaßner ihn nicht mehr gesehen, doch der Unterschied wäre auch dann noch augenscheinlich geblieben, ivenn er ihn täglich gesehen. Wenn nichts anderes, dann zeigten es die tiefen, müden und eingesunkenen Augen, nicht minder die dünnen Lippen, die sich auch denn Sprechen zusammenpreßten. „Was ivünschen Sie von mir?" brach Klaßner das unheimliche Schweigen. „Sie hat mich beauftragt. Ihnen mitzuteilen, daß das Kind tot ist." „Das Kind?" Klaßner starrte ihn verwirrt an. „Es starb, als es zwei Monate alt war," fuhr Stromereintönig und mechanisch fort, als ob er etwas auswendig Gelerntes hersagen wollte. „Es ist auf dem Birkenfelder Friedhöfe beerdigt, und die Inschrift auf dem kleinen Kreuz lautet: „Jedem das Seinige und Gott für uns alle!" Sie hat inich hevgeschickt, um Ihnen dieses zu sagen." Wortlos erhob sich Klaßner und ging zum offenen Herd, wo er schweigend in die Glut starrte, als enthielte diese die Losung für die eben vernommene rätselhafte Botschaft. Er drehte sich plötzlich um, so unvermutet und so unerwartet, daß Strömer nicht einmal einen Versuch machen konnte, seinen Schreck zu verbergen. „Herr Strömer, sind Sie ein ehrlicher Mann?" Anstatt über diese Frage Ueberraschung oder Kränkung zu zeigen, nahm er sie mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit auf. „Ehrlich? Ich nehme an, daß ich es bin nach der Auffassung der Welt, jedoch mit einer einzigen Ausnahme, als ich mich habe verleiten lassen, den Landesgesetzen einen Possen zu spielen, so eine Art Fälschung des eorpus juris, um die Scheidung zweier Menschen zu ermöglichen, die sich sonst durch ihre große Liebe füreinander zu Tode gequält hätten. In den Augen der Welt mag es eine große Unehrlichkeit bedeuten; dennoch mußte ich es tun, weil mein Gewissen mich dazu gelrieben, um einen teuern Freund aus ernster Sorge, aus tiefster Seelennot zu befreien." Er schwieg eine Weile, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen, und fuhr dann mit mehr Festigkeit fort: „Ach so, jetzt erst verstehe ich den Sinn Ihrer Frage! Wie, Menschenskind!" Sein Staunen schien ihn wieder der Sprache zu berauben. „Das haben Sie wirklich von ihr und von mir geglaubt! Hören Sie mich an. Ich bin sehr krank, der Arzt weiß nicht, was mir fehlt, oder er will es mir nicht sagen. Aber selbst wenn es Gehirnerweichung im letzten Stadium wäre, glauben Sie, daß ich selbst da so schamlos und frech wäre, die Schwelle Ihres Hauses zu betreten, wenn Ihr Verdacht begründet wäre, selbst wenn sie mich tausendmal darum gebeten?" fügte er noch hinzu, als der letzte Gedanke ihm noch nachträglich einfiel. Klaßner schwieg noch immer. Erst dunkel fing er an, beit Sinn dieser Worte zu verstehen und zu begreifen. „Aber Sie haben recht, man muß Ihnen etwas zugute halten," sprach Strömer sinnend. „Ich will versuchen, Ihnen alles verständlich zu machen. Ich kann dabei nichts Besseres tun, als Ihnen ihre eigenen Worte wiederholen: „Es war unmoralisch, ungöttlich, die Frau eines Mannes zu werden, mit dem die innere, geistige Gemeinschaft sich als unmöglich gezeigt. Selbst der ausgesprochene Eheschwur war keine genügende Weihe und Sicherheit." Das waren ihre Worte, wenigstens dem Sinne nach, soweit ich mich chrer noch erinnere. Ms das Kind starb, wäre auch sie fast vor Verzweiflung gestorben, weil dadurch jeder Zusammenhang mit Ihnen zerrissen wurde, der trotz allem tief in ihrem Herzen vorhanden sein mochte. Was Sie aber doch am Leben erhalten und auch bei Verstand, das war das Bewußtsein, daß sie jetzt frei und offen das Kreuz auf das kleine Grab aufpflanzen durfte. Nein, nein! Mann, Sie können nicht sagen, daß Sie viel verloren, weil Sie sie niemals besessen und niemals besitzen konnten." „Aber sie kam doch mit offenen, sehenden Augen zu mir." „Jawohl, aber sie konnte doch nur eine kleine Wegestrecke überschauen, weil Sie mit Ihrer Person, mit Ihrer Liebe ihr im Wege standen." Nach einer Pause fragte Klaßner: „Sagen Sie mir nur noch, wie es ihr ergeht und wie sie es erträgt?" „So gelassen, wie Sie es erdvagen. Sie betet viel, sehr viel, als wollte sie Verlorenes wieder einhoten. Die alten Dumonts waren die erste Zeit ständig bei ihr. Sie wollen sogar ihr Haus in der Stadt verkaufen, um für immer mit ihr zusammenzuleben wie früher. Ich freue mich ihretwegen, daß Sie, Herr Klaßner, es so mutvoll ertragen. Ich werde es ihr sagen, und es wird sie ungemein beruhigen." „Wie hätte ich es denn sonst aufnehmen sollen?" Der ehemalige Vikar erhob sich langsam, zögernd, verlegen und sprach dann lächelnd: „Herr Klaßner, sie bat mich. Ihnen noch eine Mitteilung zu »rachen. Es ist eigentlich die Hauptursache meines Kommens, die ich, um einen besseren Essekt zu erzielen, bis zum Schluß unserer Unterhaltung mir aufbewahrt. Sie bittet Sie, ihr einen Gefallen zu erweisen, der ihr die volle Ruhe wiedergeben wird." „Wenn es in meiner Macht liegt, soll es natürlich sofort geschehen." „Sie bittet Sie, daß — daß — Sie sich wieder verheiraten sollen und sogar bald. Sie möchte nicht länger von dem Gedanken gepeinigt werden, daß sie Ihnen durch ihren Fehler — ich möchte es lieber Unzulänglichkeit nennen — den Glauben an Frauentreue geraubt hat. Herr Klaßner, es dürste Ihnen doch nicht schwer fallen, einer Tochter Ihres Stammes zu begegnen, die alles wieder gutmachen wird, was die Fremde an Ihnen gefehlt hat. Sie behauptet, daß Ihre Einsamkeit sie, wie ein drohendes Gespenst, überall hin verfolge. Sie möchte Ihr Alleinsein nicht aus ihrem Gewissen haben. Sie will es als eine Gnade Ihrerseits betrachten, weil ihr Recht, für Ihr Wohlergehen zu sorgen, für sie nicht mehr vorhanden ist." „Sagen Sie ihr, daß sie es sehr gut versteht, eine Gnade für sich in ein schönes Mäntelchen zu hüllen." '(Fortsetzung solgt.) Danksagung. Anläßlich des Hinscheidens unseres hochverehrten Herrn Chefredakteurs Geheimrat Professor Dr. Ludwig Geiger sind uns von den verschiedensten Seiten aus dem In- und Auslande so zahlreiche Kondolenzschreiben und sonstige Kundgebungen inniger Anteilnahme zugegangen, daß wir außerstande sind, jedem einzelnen, wie wir es gern getan hätten, zu danken. Wir gestatten uns txcher, allen denen, die den uns betroffenen schweren Verlust so tief mitempfanden und in herzlichen Beileidsschreiben zum Ausdruck brachten, auf diesem Wege unseren verbindlichsten Dank cniszu sprechen. Die Redaktion.