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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-14 · Heft 10-11 (14.3.1919) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 10-11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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bei schwer augenleidenden Forschers entstanden sind, so wird inan nicht nur die Summe seiner Leistungen anerkennen müssen, sondern man wird auch begreifen, warum denselben meistens die äußere Abrundung fehlt. Trotzdem ihm die Gabe der Darstellung in hohem Maße zu eigen war, wie seine Predigten und viele seiner Briefe und Gutachten beweisen, hat er sich nie die Zeit genommen, seinen Abhandlungen eine übersichtliche Form zu geben. Er begnügte sich damit, seine Forschungsresultate in der knappsten Darstellung aneinanderzureihen, unbekümmert, ob dadurch nicht wertvolle Entdeckungen und Beobachtungen übersehen werden können. Oft vergräbt er da, wo man es am wenigsten erwartet, die wichtigsten Feststellungen. So ist es bezeichnend für seine Arbeitsweise, daß er die Entdeckung der Münchener Mechilta- Handschrift nicht etwa in einem besonderen Aufsatz oder doch an weithin sichtbarer Stelle, sondern in einer Anmerkung mitgeteilt ifyat7). Zur Vervollständigung des Bildes von seiner Bedeutung als Gelehrter muß hier auch etwas erwähnt werden, wofür es keinen anderen Zeugen gibt als den Schreiber dieser Zeilen. Da er keine Gelegenheit hatte, an einer rablinischen Hochschule zu dozieren, bin ich der einzige geblieben, den er in die Hallen der Wissenschaft eingeführt hat. Seine Lehrbefähigung war eine ganz ungewöhnliche, und er verstand es, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch zur methodisch-kritischen Forschung und, was nicht weniger wichtig ist, zur Selbstkritik anzuleiten. Wohl nur selten hat ein Sohn seinem Vater auch in wissenschaftlicher Beziehung so viel zu danken. Das gilt nicht nur von der, mir im unmittelbaren Unterricht zuteil gewordenen Förderung, sondern auch von dem wertvollen Forschungsinstrumenl, das er mir in seiner mit besonderer Liebe gesammelten Bibliothek hinterlassen hat. Dieselbe ist von ihm im Laufe der Jahre systematisch immer mehr vervollständigt worden und enthält auch zahlreiche Seltenheiten ersten Ranges, bei deren Erwerbung ihm R. N. R a b b i n o w i c z große Dienste geleistet hat. Doch nicht nur als Forscher und Lehrer, sondern auch in seiner unmittelbaren amtlichen Wirksamkeit zeigte er sich von wissenschaftlichem Geiste erfüllt. Er war sine abgeklärte, allen Schlagwörtern abholde Persönlichkeit, die jede Frage sub speois aetemi betrachtete. Es ist daher auch vollkommen unmöglich, ihn einer der früheren oder heutigen Parteien innerhalb des Judentums einzureihen. Sein Judentum war reicher, tiefer und vielseitiger als das Programm irgendeiner Partei. Er lavierte aber auch nicht etwa zwischen den verschiedenen Richtungen, sondern stand hoch über der Zinre der Parteien. Eben 'darum war er auf der anderen Seite von der weitestgehenden Toleranz gegen jede ernste und ehrliche Ueberzeugung und hatte Freunde unter den Vertretern der verschiedensten Anschauungen. Nur das Unechte, Unlautere durfte nicht in seine Nähe kommen, und er hielt es von sich fern, mochte es ihm von rechts oder links entgegentreten. Und nun noch ein Wort über seine Stellung zum Deutschtum. Mt dem Augenblick, da er als Student den Boden Deutschlands betreten hatte, empfand er voll Dank den kulturellen Fortschritt gegenüber seinem Heimatlande Ungarn, versenkte sich in die Liefen des deutschen Geistes, dessen reinsten Ausdruck er in der deutschen Wissenschaft erblickte, und fühlte sich auch bald in politischer Beziehung vollkommen als Deutscher. Aber er bekundete seine deutsche Gesinnung nicht etwa durch geräuschvolle Beteuerung und Anpreisung des eigenen Patriotismus, sondern er äußerte sich darüber mit einer fast keuschen Zurückhaltung, als fürchtete er, seine tiefe Liebe durch Reden zu entweihen, und statt viel Worte darüber zu machen, bewies er sie durch die Tat, indem er wiederholt verlockende 7) Monatsschrift 1872, S. 250, Am». 1. Berufungen ins Ausland kurzweg ablehnte. Wie hoch er als deutscher Gelehrter geschätzt wurde, erhellt aus der Tatsache, daß ihm die nur selten einem deutschen Rabbiner widerfahrene Ehre zuteil wurde, in die „Allgemeine Deutsche Biographie"") ausgenommen zu werden. Dem vorstehend gezeichneten Bilde würde noch ein wichtiger Zug fehlen, wenn ich nicht hervorhebea würde, welche Glücksatmosphäre er um die verbreitete, die ihm im Leben am nächsten standen, und wie glücklich er sich selbst in seinem Hause fühlte. Sein früher Heimgang hat ihn davor bewahrt, noch den Zusammenbruch dieses Glückes zu erleben, indem wenige Monate nach seinem Tode sein älterer, geistig und seelisch edel veranlagter Sohn, der Augenarzt Dr. Max. Perles, am 20. Oktober 1894 als Opfer seiner Wissenschaft einer Blutvergiftung erlag. Ourim. Von A schne r. ^^^as waren lustige Zeiten, / Gelächter und Masken scherz. Zu Purim im Judengäßchen Trug jeder ein fröhlich Herz. Der Haman, der alte Rosche, Er wurde mit Hallo gehängt Und von den jubelnden Kindern Gar drollig am Galgen geschwenkt. Und mit ihm waren vernichtet Des Todes und Winters Grans. Den Tod und den Winter, den Haman, Den trieben sie fröhlich aus. Doch Haman ist leider unsterblich. Steht jedes Jahr wieder auf; Der Kamps mit dom Bösen ist erblich In der flüchtigen Zeiten Lauf. Und ist auch unsterblich der Böse, Geil wuchernd aus Lüge und Sumpf, Wir ragen in uralter Größe Und feiern der Wahrheit Triumph. Zu Purim im Judengäßchen Wie schäumte und träumte das Glück! Zu Tode gelacht ward das Rischis Mit Mrunlnenschanz und Musik. Jedem das Lnmgk. (33. Forts..) Roman von M. Pulver m a n n. owohl die Stimme als auch die ganze Art des Fremden kam Klaßner bekannt vor, dennoch wußte er nicht, wen er vor sich hatte. „Treten Sie näher, wenn Sie mich sprechen wollen," sprach er und trat zurück, um dem Ankömmling den Gang freizumachen. „Wenn Sie gestatten, möchte ich eintreten." Kaum aber war der Lichtschein auf den Fremden gefallen, als Klaßner wie erstarrt stehen blieb. ,)Herr Sdvömer!" rief er heiser. „Jawohl, und da Sie wissen, wer ich bin, kann ich wohl wieder gehen." 8) Bd. Lin, 10—11.

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