Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ltun Perles, durch sein bescheidenes und doch festes und würdevolles Auftreten das Judentuni in geradezu idealer Weise zu repräsentieren. Im Verkehr mit den höchsten Staatsbeamten, denen er oft Gutachten über die verschiedensten Fragen zu erstatten hatte, mit den Geistlichen beider Konfessionen, denen er besonders im städtischen Armenpflegschaftsrat näher trat, und mit den Vertretern der Wissenschaft, die seine ausgedehnte und vielseitige Gelehrsamkeit bewunderten und oft in Ansprucy nahmen, hat er nicht nur nach außen hin das Ansehen seiner Gemeinde gehoben, sondern auch nach innen Die Achtung des Judentums gesteigert. Er ivar in allen Kreisen der Gemeinde wegen seiner vorbildlichen Persönlichkeit gleich hoch geschätzt. Man wandte sich an ihn um Rat und Hilfe in allen -erdenklichen Familienangelegenheiten. Als seine besondere Ausgabe sah er es an, den Frieden, sei es zwischen Eltern und Kindern, sei es zwischen Ehegatten, wieder herzustellen, so daß während seiner 23 jährigen dortigen Wirksamkeit nur eine verschwindend geringe Zahl von Ehescheidungen stattfand. Treffend wird sein Charakter gekennzeichnet durch die Bemerkung eines Redners an seiner Bahre: „Wenn man erfahren will, welcher Schatz an Edelmut, Güte und Barmherzigkeit mit ihm zu Grabe getragen wird, darf man sich nicht an die Vornehmsten wenden, sondern muß gerade die Letzten, Untersten seiner Herde befragen." Was er sowohl persönlich an stiller Wohltätigkeit übte als auch in der Leitung mehrerer Vereine und in der Organisation des gemeindlichen Wvhltätigkeitswesens leistete, lebt noch heute in frischer Erinnerung und wurde bald nach seinem Tode in schöner Form anerkannt, indem die Gemeindemitglieder zur ehrenden Erinnerung an seinen Namen eine Perles-Stistung für wohltätige Zwecke errichteten, die im Lause der Jahre eine ansehnliche Höhe erreicht hat. Das schnelle Anwachsen seiner Gemeinde, deren Mitgliederzahl sich während seiner Amtszeit verdreifachte, und die von ihm 1887 aus dem alten unzulänglichen Gotteshause in die herrliche Neue Synagoge geführt wurde, vergrößerte mit jedem Jahre seine Arbeitslast, so daß es fast wie ein Wunder erscheint, daß er daneben noch Zeit und Kraft zu ausgedehnter wissenschaftlicher Arbeit fand. Die Bücher- und Handschriftenschatze der Münchener Staatsbibliothek und der erlesenen Privatsammlung seines Freundes Abraham Merzvach e r boten ihm überreichen Stoff für die Betätigung seines Forscherdranges. Eine Aufzählung und Würdigung aller seiner Veröffentlichungen ist im Rahmen dieses kurzen Aufsatzes nicht möglich. Sowohl nach ihrem Umfang als auch nach ihren Ergebnissen stehen an der Spitze seiner Leistungen die 1881 erschienenen „Beiträge zur Geschichte der hebräischen und aramäischen Studien". lieber die Bedeutung dieses Werkes urteilt ein sonst direkt judenfeindlicher Kritikerft: „Unter den literarischen Gaben, welche L. Z u n z zu seinem 90. Geburtstage . . . dargebracht wurden, ist die hier anzuzeigende Schrift sicher die gelehrteste. Außer München, dessen Bibliothek für das hier behandelte Gebiet die reichsten Schätze bietet, gibt es keinen ziveiten Ort in Deutschland, wo sie hätte geschrieben werden können, und außer Perles wohl keinen zweiten Mann, der sie so hätte schreiben können." Der Titel des Buches läßt gar nicht die erdrückende Fülle der hier niedergelegten Gelehrsamkeit ahnen, und nicht mit Unrecht beklagt ein Kritiker, daß es") „d’une lecture un peu ardue" sei. Aus den vielen wichtigen darin enthaltenen neuen Ausschlüssen zur Literaturgeschichte hebe ich nur den „Nachweis der Quelle von Sebastian Münsters Ilictionarium Chaldai* cum" hervor. Es ist die früher Regensburger, jetzt Münchener ft E. Nestle, Lit. Centr.-Bl. 1885, Nr. 3V, S. 1007—08. ft C l e r m o n t - G n n n e a u, Journ. off. de la Rep. Franc-, 31. V. 1886. No. 148, p. 2488. 106 -- Handschrift des Kleinen Aruch, die Münster für den Großen Aruch hielt. Ueberraschendes Licht wird aus die Anfänge der hebräischen und aramäischen Sprachstudien bei christlichen Gelehrten geworfen durch 13 bis dahin unbekannte hebräische, lateinische und italienische Briefe aus den Jahren 1517 bis 1555 von bzw. an Elia Levita, Johann Andreas Widmanstadt, Paulus Aemilius, Cardinal Aegidius von Viterbo, Andreas Blasius, Cornelio Adilchind und Thomas Blauver. Auch die Sprachforschung findet unerwartete Ausbeute in den hier mitgeteilten und größtenteils glücklich erklärten mittelhochdeutschen und altfranzösischen Glossen aus hebräischen Handschriften bis hinauf ins 13. Jahrhundert. Gerade diese <-eite des Werkes hat in der allerjüngsten Zeit ein erhöhtes Interesse gewonnen. Denn die durch die Kriegsereignisse veranlaßte Beschäftigung mit dem Jüdisch-Deutschen hat auch auf das gelehrte Gebiet übergegrisfen und die Germanisten wieder auf das reiche Material aufmerksam gemacht, das für die deutsche Sprachforschung dort vorliegt. Endlich erschließen die „Beiträge" auch tziel neue Tatsachen für die Sittengeschichte sowie für die Kenntnis der synagogalen Einrichtungen und Gebräuche. Eine wertvolle Fortsetzung und Ergänzung der „Beiträge" speziell in sprach- und sittengeschichtlicher Beziehung ist die in der Graetz-Jubelschrist 1887 erschienene Abhandlung „Die Berner Handschrift des Kleinen Arilch". Von den in seine Münchener Zeit fallenden Veröffentlichungen seien hier niir noch zwei herausgegriffen, die besonders wichtige und glückliche Entdeckungen enthalten- Die eine betrifft „Tie in einer Münchener Handschrift ausgesundene erste lateinische Uebersetzung des Maimonidischen Führers" (1875) und führt den Nachweis, daß die schon im 13. Jahrhundert vermutlich auf Anregung des Kaisers Friedrich 11. verfaßte Uebersetzung des More Nebuchim, die so tiefen Einfluß aus die Scholastik geübt hatte, aber seit Jahrhunderten verschollen war, in einer lateinischen Handschrift der Münchener Bibliothek sich erhalten hat. Zugleich wird gezeigt, daß dieselbe nicht aus der hebräischen Uebersetzung Jbn Tibbons, sondern Alcharisis geflossen sei, und daß die 1520 von Giustiniani in Paris herausgegebene lateinische Uebersetzung nichts weiter als einen durch zahlreiche Fehler verunstalteten Abdruck dieser alten Uebersetzung darstelle. Während diese Entdeckung allgemeine Anerkennung und freudige Zustimmung fand, vermochte die 1877 erschienene Arbeit „Eine neuerschlossene Quelle über Uriel Acosta" sich zunächst nicht durchzusetzen. Perles wollte in einer anonymen Anfrage, die in der Gutachtensammlung des R. Jakob Ben Israel Halevi ft enthalten ist, einen wichtigen Beitrag zur Lebensgeschichte Acostas gefunden haben. Trotz der methodischen Begründung dieser Annahme erhoben sowohl G ü d e - m a n n als auch Graetzft Bedenken dagegen. Perles hat damals auf diese Einwendungen nicht öffentlich geantwortet, sondern machte bloß in einem Briefe die scherzhafte Bemerkung: 'ke KionnpfXi „es bleibt doch bei Acosta"?) Und es blieb wirklich bei Acosta. Denn, wie erst vob kurzem N. P o r g e s unwiderleglich gezeigt halft, sind jene Bedenken teils aus philologischen, teils aus logischen und psychologischen Gründen unhaltbar, und die Beziehung jenes Gutachtens auf Acosta ist über jeden Zweifel erhaben. Bedenkt man, daß diese Arbeiten nur in den wenigen Mußestunden eines mit Amtspflichten überhäuften und daft 2. Ausl. Venedig 1632 bis 1634. ft Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1887, S. 327 bis 329. ft Nach dem rabbinischen Sprichwort: 'j*E iSlSiPlE „Die Wahrheit besteht". ft Monatsschrift 1918. S. 115 ff. ,