Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 * genossen liegt, dns jüdiscl-e Zus ammengehö r igtei tsgestihl neu gestärkt Hai., wird die volle uneingeschränkte Mitarbeit der Frau als Notiverrdigkeit em.pfun.den. Wenn das neue GEieindestnt.il t den Frauen die gleichberechtigte Mitarbeit in der Gemeinde erschließt, so werden sich die j ü di selben Frauen hingebungsvoll ihren neuen Aufgaben widlnen. Frau Siddy Wronsky führte aus, daß die jüdischen Frauen ihren Anteil an den kulturellen Anfgaben ihrer Geineinschaft fordern, weit sie fühlen-, daß sie etwas- Zu geben haben. Sie wollen nicht nur verwalten und neu -gestalten, sondern auch das Bestehende mit sorgender Frauenhand behüten. Die jüdische Gemeinde ist keine reine Wirtschasts- oder Machtgemeinde, sondern eine Stätte zur Entfaltung, der jüdischen Persönlichkeit, an der die Frau ihren starken inneren Anteil. hat. Hier erwachsen ihr auch aus ihrer Eigenart die besonderen Aufgaben auf den Gebieten der Wohlfahrtspflege, der Erziehung und der Sittlichkeit. Die jüdische Frau will zur Wiederbelebung der religiösen Kräfte beitragen und Mitarbeiten an der Ueberwindung der Fremdheit der überlieferten Formen. Für die großen Aufgaben, welche die Zukunft der jüdischen Gemeinde stellt, wird die Erfahrung der Männer nicht immer ausreichen und die Mitarbeit der Frau erforderlich sein. Hier müssen alle Mitarbeiten, denen die Zukunft der jüdischen Gemeinde am Herzen liegt — Orthodoxe und Liberale, Zionisten und Assimilanten, Alte und Zunge. Die jüdischen Frauen wollen an den selbst erwählten Ausgaben Mitarbeiten mii gleichen Rechten, Seite an Seite mit den Männern. Rabbiner Tr. Baeck eröffnete die Diskussion. Er bezeichnete es als eine besondere Ausgabe der Frauen, in das Judentum eine neue und doch alte gottesdienstliche Kultur hi neinzu tra gen, die uns heute fehlt. Das Judentum ist mehr als andere Glaube nsgemeinschttften eine Fami.liengenieinde, in der wir das gemeinsame Blut als starkes Baud empfinden. Ter Mitarbeit der Frauen muß ein breiter Raum eingeräumt werden; es genügt nicht, wenn einige weibliche Gemeindemitglioder in den bestehenden Verwaltungskonimissionen sitzen, sondern es müssen neue Plätze für sie geschaffen werden. Zu diesem Zwecke müssen innerhalb der Großgemeinde Parochien, Regionalgemeinden geschaffen werden, wie es auch dem Familiengemeinschastscharakter des Judentums entspricht. Dr. Jsmar Elbogen glaubt, daß die heutigen jüdischen Frauen und ihre Mütter eine große Schuld am Verfall des Judentums tragen. Unsere Großmütter waren noch die Hüterinnen unserer religiösen Güter und Hoffnungen. Das Wichtigste, was die jüdische Frau unserer Gemeinde bringen kann, ist die Neubelebung des religiösen Lebens. Frau Henriette May fordert, daß die jüdische Frau, bevor sie ihren Platz in der Gemeindeverwaltung mit gutem Recht verlangt, sich das Wissen zu eigen macht, das sie erst zur Mitarbeit befähigt. Dieses Wissen soll die „Freie jüdische Volkshochschule" vermitteln, deren Besuch jeder jüdischen Frau dringend zu empfehlen ist. Frau Helene M e h e r - S t a r g a r d t, die über ihre Erfahrungen in der Kriegshilfskommission in der Jüdischen Gemeinde berichtet, erwartet von dem verstärkten Einfluß der Frau auf das Genleindeleben eine versöhnliche Wirkung auf die gegensätzlichen Strömungen, die bedauerlicherweise in der jüdischen Gemeinde,, wie im Judentum überhaupt, eine so tiefgehende Zerisplitterung zeitigten. Rechtsanwalt Tr. Alfred Klee erklärt, daß das uneingeschränkte aktive und passive Wahlrecht der Frau für ihn und seine zionistischen Freunde eine absolute Sei bst ve rstän-dl ichkeit ist. Die Einführung des Frauenstimmrechts allein würde jedoch an den bestehenden Verhältnissen nichts ändern, weit nach den heute geltenden gesetzlichen Bestimmungen die Ausübung des Wahlrechts an eine Steuerleistung gebunden ist. Da nur die wenigsten Frauen Steuern- Zahlen, wäre die Bewilligung des Wahlrechts wertlos, wenn nicht der Zensus sortfällt. Diese Forderung, deren Bedeutsamkeit die Frauen bisher noch nicht erkannten, müssen sie sich zu eigen machen. Die Mitarbeit der Frauen wird der jüdischen- Gemeinde zum Segen gereichen; sie werden in der Gemeinde nicht -die Befriedigung. des poli't'ischen Ehrgeizes, sondern die ernste Arbeit suchen. In ihrer Arbeit wird sich ihnen auch der Sinn für den hohen Ethos des Judentums wieder erschließen und für die Schönheit unserer überlieferten Formen. Fräulein B u d regt an, daß die heute in der Gemeindeverwattung als Ehrendamen tätigen Frauen mit allen Mitteln für die Erlangung des Stimmrechts -emtreten, eventuell sogar durch einen Streik eine Pression ausüben sollen. Justizrat Lilien Mal dankt am. Schluffe der Aussprache für die zahlreichen Anregungen, die sich aus der Diskussion ergeben haben, und stellt eine umfassende Revision des Gemeindestatutes in Aussicht, sobald das Verhältnis zwischen Staat und Kirche endgültig geregelt ist. Das Wahlrecht, das die Frau für die Nationailversammlung erhalten hat, wird ihr in der jüdischen Gemeinde nicht vorenthalten werden können. Nach einem Schlußworte von Frau Wronsky schiließt Frau Ollendorff die Verhandlungen. E. M. if-b-erunt ist einer jener älteren Rabbinerganeration / des Breslauer Seminars dahingegangen, ans deren Reihen wir in den letzten Jahren so manchen zu Grabe tragen mußten. Am 8. Februar ist Dr. Meier Appel, Stadtumd Konferenzrabbiner zu Karlsruhe, nach. kurzer Krankheit gestorben. Seine vielseitige segensreiche Wirksamkeit im Dienste des Judentums verdient im Rahmen eines kurzen Lebensbildes festgehalten zu werden. Meier Appel wurde am 19. September 1851 zu Jesberg als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die Lateinschule in Fritzlar und -das Gymnasium in Kassel. Als er 16 Jahre alt war, verlor er den Vater. Damit war er auf sich selbst gestellt. Diese frühe Selbständigkeit und das Beispiel der energischen Mutter, die durch Erteilung von Handarbeitsunterricht den Lebensunterhalt für sich und ihre anderen Kinder aufbrachte, bis er selbst auch für sie sorgen konnte, legten mit den Grund zu der selbstsicheren Festigkeit und dein ruhigen Selbstgefühl, mit dem er später durchs Leben schritt. Seine berufliche Ausbildung empfing er auf dem Breslauer Seminar und an den Universitäten Marburg und Breslau. Seine erste Anstellung bekam er 1879 in Homburg vor der Höhe; dann wirkte er von 1886 bis 1894 als Stadtrabbiner in Mannheim, von da an in Karlsruhe. Der 1. April dieses Jahres hätte seine 25jährige Jubelfeier gebracht. Seit 1894 war er zugleich Mitglied der Religionskonferenz des Oberrats der Israeliten, der obersten Religionsbehörde Badens. Wenn so auch sein Lebensweg ständig aufwärts geführt hat, so blieb er doch in seinem Wesen einfach und schlicht, jeder Pose abhold. Er war von wahrer Herzensfrömmigkeit, sein Judentum war ihm nicht Lippenbekenntnis, sondern Herzenssache. Wer ihn als Rabbiner auf der Kanzel, als Lehrer in der Schule hörte, der empfand, das; ihm nicht ererbtes Wissen, sondern erarbeitete innerste Ueberzeugung geboten wurde. Begeistert verfocht er die Idee der Fortentwicklung des Judentums. Unter Abweisung eines einseitigen individualistischen oder traditionalistischeu. Standpunktes wollte er Wertvolles und Kernhaftes erhalten. Veraltetes und Abgestorbenes beseitigt wissen, gerade um auch in der äußeren Form den währen Ausdruck innersten religiösen Gefühles zu schaffen. Fest war er davon, überzeugt, daß nur die Aufrechterhaltung der vÄigiösen Idee genügend Kraft habe, die Judenheit zusammenzuhalten. Bestimmt und festumrissen trug er seine Ansichten vor und verfocht sie und ihre Konseauenzen, wo und gegen wen es auch sei. Andere Rücksichten als die, die in der Sache selbst begründet waren, kannte er nicht. Charakterlose Strebevei, eine sich an alles anpassende Geschmeidigkeit, jegliche Leisetreterei und Hinterhältigkeit waren ihm in tiefster Seele verhaßt. Sein Wirken ging weit über den Kreis -seiner Gemeinde hinaus. Innerhalb der religiösen Oberbehörde widmete er seine Kräfte dar Entwicklung des badischen Judentums. Diese seine Arbeit entzieht sich der Kenntnis einer weiteren Oeffentlichkeit; unvcr-