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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-14 · Heft 10-11 (14.3.1919) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 10-11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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-.— 102 Huden für ihre Huche keine anderen Argumente ins Treffen führen als den Terror, den Vandalismus, daß Juden zu den Kampfmitteln greifen, unter denen ihre Väter, ihre Ahnen in den Gettos jahrhundertelang solch unermeßliches Leid erlitten, wie es unsere Geschichte aufweist, ist schon an und für sich ein Symptom, das uns nur mit tiefster Trauer über den Verfall des jüdischen Geistes der Duldsamkeit erfüllen kann. Daß aber Inden, die vorgeben, für die Sicherheit und das Wohl aller ihrer Brüder auf dem ganzen Erdenrund zu kämpfen, die sich als die Makkabäer der neuen Zeit aufspielen, mit Lügen und Irreführungen operieren — wie dieses Häuflein angeblicher Zionisten es getan, indem sie sich von den Kommunisten mit der Lüge Snkkurs sicherten, daß sie gegen das „Kapital" demonstrieren —, ist ein Zeichen der Verwilderung und Verrohung, das allen rechtlich gesinnten, um den ethischen Gehalt des Judentums besorgten Juden der Welt die Augen darüber öffnen müßte, daß es so nicht weiter gehen könne, daß auf diesem Wege nicht die Rettung des Judentums, sondern sein völliger Niederbruch erzielt wird. # Heber die Lage der Juden in Polen liegen folgende Meldungen vor: Minister Wojciecho w f f i sandte an alle Volkskommissare folgendes Zirkular.- „Es wiederholen sich zu häufig Klagen wegen Mißbräuchen, die von den administrativen .und miililtärischen Regierung,sorg,an en wie auch seitens der Zivilbevölkerung an. den. Juden verübt werden. Ich bin gezwungen zu erinnern, daß die jüdische Bevölkerung dieselben bürgerlichen Rechte wie die eingeborene polnische Bevölternng die sitzt und darf sie nicht Gewalttaten und Mißbräuchen ausgesetzt sein. Im freien Polen darf es keine in Kategorien eingeteilte Bürger geben. Jeder ist gleich vor dein Gesetz, und jeder kann sein Begehren venoirklichen, insofern er nur nicht, dadurch den polnischen Staat schädigt. Das polnische Volk, das so viele Jahre unterdrückt war und nicht» die Möglichkeit hatte, seinen Willell zu dokumentieren, wird die Freiheit derjenigen., deren Los mir dem. seinen verbunden ist, zu schätzen wissen. Polen war ein Symbol der Freiheit, nnd seine Fahne flatterte überall, wo es sich um Freiheit und Unabhängigkeit gehandelt hat, und wird deshalb tmlyt zu lassen, daß seine ruhmvolle und große Freiheit besteckt werde. Alle, die Schuß und Billigkeit suchen, wird Polen beschirmen. Ich beantrage deshalb, daß alle willkürlichen Akte und Gewalttaten, die gegen die jüdische Bevölkerung verübt werden, sei. es durch administrative Organe, sei es durch Zividpersoneu, ansgeforscht und mit der ganzen Unparteilichkeit .und Strenge des Gesetzes bestraft werben. Im freien Polen gibt es keinen Platz für Unrecht, Gewalt und Willkür." Leider hat dieser Erlaß bisher noch keine Früchte gezeitigt. Die Drangsalierungen nehmen noch fortwährend zu. Trotzdem t]t der polnischen Presse auch dieser Erlaß ein Dorn im Äuge und sie bemerkt, daß er -eigentlich nur für das Allsland verfaßt sei. Tie Drangsalierungen der Juden in ben jüdischen Vierteln Warschaus wollen gar nicht anshören. Nachdem, dergroße Erfo-lg der jüdischen nationalen Parteien -bet den Landtagswahlen bekunntgewordeu ist, nehmen die Verfolgungen noch heftigere Formen an. Tie Nalowki und ihre Umgebung bilden den Hauptplatz der Ueberfälle und Räubereien. Täglich werden dort Juden ans,geraubt und fürchterlich geschlagen. Die jüdischen. Hoteliers auf den Nalewki beklagen sich bitter, daß wegen der Furcht vor U e b e r fällen die Zahl der jüdischen Gäste täglich abnehme. Nachts wagt sich kein Jude auf die Straße, wer Geld bei sich hat, nicht mal bei. Tage. Einen jüdischen Kaffeehaiu.sjbesitzer hat man mitten in der Nacht geweckt und bei ihm Wertsachen für 200 000 Rubel geraubt. Wegen dcr letzten Vorfälle woben die Inden sich an der polnischen Staatsanleihe nicht beteiligen. Tie Behörden greifen, zu. Gewaltmitteln, um sie dazu zu zwingen. Kein Jude bekommt irgendwelche -behördliche Bewilligung bis er nicht nachweist, daß «er auf die Anleihe gezeichnet hat. In den Zügen werden die Juden von polnischen Legionären von den Bänken entfernt, um mitfahrcnden Nichtjnden Platz zu machen. Selbst Greise lverden nicht geschont. Es ist charakteristisch, daß bei den jetzigen Wahlen kein einziger AssimUant durchgedrungen ist. Infolge dieses jüdischen Wahle rsoliges ist die Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung noch mehr gereizt. Die Juden werden rücksichtslos zu den schwersten Arbeiten gezwungen. Ministerpräsident Paderewski empfing eine Deputation des Zentralen jüdischen Sicherheitskomitees, bestehend ans Verl Herren Trusker und Scherschewski. Paderewski druckte seine Zufriedenheit über das Kommen dieser Delegation ans, da die Judenfrage sehr wichtig ist, und erklärte, sich bestreben zu wollen, daß die jetzt so gespannten jüdischpolni scheu Beziehungen sich bessern möchten und Einigkeit und Frieden zwischen Polen und Juden herrschen möge. Er will dazu mit allen Kräften beitragen. Die Delegation brachte verschiedene Tatsachen über die Drangsalierung der Inden in Warschau vor, und Paderewski versprach, daß man dieses alles genau untersuchen und die Schuldigen strenge bestrasen werde. Zum Schluß erklärte Paderewski, daß er einen bestimmten Plan zur Verbesserungder jüdisckppö-lnischeu Beziehungen habe, und daß die Verwirklichung dieses Planes nur mehr eine Frage von einigen Tagen sei. 103 Millionen Kronen Schaden. Laut einer offiziellen Statistik, die von dem Jüdischen Komitee in Lemberg ausgestellt wurde, sind beim Lemberger Pogrom getötet worden: 36 Kaufleute, 11 Handwerker, 22 Berufslose, 2 Angehörige der Intelligenz, 2, deren Beruf unbekannt ist, zusammen 73 Personen. Verwundet wurden 124 Kaufleute, 26 Handwerker, 5 Arbeiter, 11 Handlungs- .Hilfen, 2 Agenten, 1 Hausierer, 271 Privatiers und Kinder. Ter materielle Schaden, der durch Brand, Raub und Plünderung entstanden ist, beträgt gegen 103 Millionen Kronen. Die folgende statistische Tabelle beweist, wie genau die Kommission gearbeitet hat, um den Schaden abzuschätzen. Geraubt, verbrannt und vernichtet wurden: Kronen: an Bargeld. 11 172 797 an Wertsachen, Effekten und Schmuck 6 442 980 Möbel ... 4 082 036 Bettzeug, Kleider und Wüsche . . . 18 534 828 Waren.. . 55 070 450 Werkstätten .. 1092 450 Häuser. 6 591 298 102 986 839 Das „Jüdische Wort" in Stanislau veröffentlicht eine Verordnung dos ukrainischen Staatssekretariats, die «die Heranziehung nichtukrainischer Zivilpersonen zur Kriegsdienstleiskung ohne Waffe cmordnet. Tie Militärbehörden sind befugt, diesen Befehl direkt durchzuführen. Im polnisch-ukrainischen Kampfe hat die Judenschaft Ostgalizieus seinerzeit die strikte Neutralität beschlossen; diese Verordnung macht somit dieselbe ohne jedwedes Verschulden seitens der Iirden zunichte. Im englischen Parlament protestierte Colonel We dg w o o d gegen die Progrome, die in Polen gegen die unschuldige jüdische Bevölkerung veranstaltet worden sind, und forderte die Friedenskonferenz auf, die Polen zur Rechenschaft zu ziehen. In der betreffenden Sitzung wurde das Bedauern des Hauses über die polnischen Vorgänge ausgesprochen. * Tie letzte Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" bringt folgende bemerkenswerte Notiz: . Ueber die galizi'schen Juden. Wer wagt es zu sagen, daß Judenhände Arbert fliehen? Sie haben zweifellos die seltsamsten Anlagen zum Handel und verstehen ihn wie die Christen das Evangelium. Aber man findet in den Dörfernvon Galizien Mische Handwerker aller Professionen, weit von Lemberg widmet sich eine Kolonie Mischer Kar-aiten ausschließlich dem Ackerbau. Durch ein

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