Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 ieinet Begründung, bctjs es in Posen drei Nationalitäten gebe: die deutsche, die polnische und die . jüdische Nationalität, ist viel .angefochten worden. Doch muß zugegeben werden, daß er durch sein Wirken schon manches Gute geschahen hat. So ist ein 73jähriger jüdischer Handelsmann aus Lissa, der vonden Polen beraubt und interniert worden war, auf seine Veranlassung sreigelassen worden. Das Gemeindeleben pulsiert nach wie vor — trotz des „Winterschlafes" der Vereine — lebhaft und wird zurzeit besonders von der Forderung des Rabbinerverbandes bewegt, daß der Rabbiner Sitz und Stimme im Gemeindevorstande haben solle. Diese Frage hängt eng mit der a-ngetündigten Trennung von Staat und Kirche zusammen und wird restlos wohl erst mit der neuen Verfassung gelöst werden, welche die jüdischen Gemeinden in Preußen erhalten werden. Vorstand und Nepräsentantenversammlung der Lissaer Jüdischen Gemeinde haben sich grundsätzlich, denr Geiste der Neuzeit entsprechend, dafür ausgesprochen, daß dem Rabbiner Sitz und Stinune im Gemeidevorstande gebühre. Dis Zur Ausführung dessen -- nach Neuregelung der Gemeindeverfassung — soll der Rabbiner zu den Sitzungen des Gemeindevorstandes mit beratender Stimme hinzugezogen werden. Tamit hat sich eine gewaltige Uluwandlung in der Stellung des Rabbiners in der Gemeinde und zur Gemeinde vollzogen. Freilich .-die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen". Zum Vergleiche desalten und des modernen Rabbiners wurde in der Sitzung folgendes Geschichtchen erzählt: Früher gab es in Lissa ein Rabb-inatskollegium. Einer der Rabbinatsassessoren war zu einer Verhandlung vor Gericht geladen. Als es dazu kam, das Protokoll zu unterschreiben, erklärte er achselzuckend: „Ich bin ein Gelehrter, ich kann nicht schreiben!" Wobei allerdings zu bemerken ist, daß unsere alten „Lam'donim" sehr gut mit der jüdisch-deutschen Schrift Bescheid wußten, dagegen unserer deutschen Schulschrist vielfach ratlos gegenüberstanden. Heutzutage soll es mauchnml mngekehrt der Fall sein. Gleichwie in Deutschland haben auch die Wahlen für die Deutschösterreichische Nationalversammlung den Sozialdemokraten einen großen, aber nicht unerwarteten Erfolg gebracht, der in erster Linie als Ausdruck der Unzusrie-denheit in 'den weitesten Volksschichten zu betrachten ist. Alle anderen Parteien haben starke Einbußen an Mandaten erlitten, und 'insbesondere für die Christlichsozialen bedeutet das Wahlergebnis in Wien, das ihre Mandate auf elf reduzierte, eine harte Niederlage. Trotzdem ihr Besitzstand in den Provinzen weniger erschüttert wurde und sie insgesamt fast eine gleiche Zahl von Mandaten wie die Sozialdemokraten erreicht haben, liefert dieser große Abfall der Wiener Wähler von den antisemitischen Machthabern einen ebenso untrüglichen als erfreulichen Beweis, daß die Judenhetze bei der Wiener Bevölkerung stark an Wirkung verloren hat. Am schlechtesten Haben die bürgerlich-freiheitlichen Parteien abgeschnitten. Abgesehen von der mangelhaften und in vielfache Gruppen zerklüfteten Wahlorganisation mag der Mißerfolg auch daraus zurückzuführen sein, daß verschwommene und verwässerte Programme heute wenig Zugkraft besitzen, und dieser Umstand hat sicherlich viele jüdische Stimmen den Sozialdemokraten zugesührt. Symptomatisch ist es, daß z. B. in dem Wiener Wahlbezirk Novdöst, Leopoldstadt, Brigittenau und Floridsdorf die beiden demokratischen Parteien, die sich zum großen Teil aus jüdischen Wählern rekrutieren, hinter der Stimmenzahl der Jüdischnationalen zurückblieben. Infolge der Koppelung der demokratischen und jüdischn>ationalen Listen fiel in diesem von Juden stark bewohnten Wahlbezirk ein Mandat den Jüdischnatzionalen zu, und so wird wenigstens ein Jude, der als solcher kandidierte, in die Deutschösterreichische Nationalversammlung einziehen. Vielleicht werden die begangenen Fehler eine Lehre für die Zukunft bilden. In nächster Zeit sind die Wiener Gemeinderatswahlen in Aussicht, die eine ebenso große politische als wirtschaftliche Bedeutung haben. Wenn es gelingt, die Wiener jüdischen Wähler in einem gemeinschaftlichen Wahlprogramm $u vereinen, dann werden sie sicherlich die ihrer Zahl entsprechende Vertretung im Gemeinderat -erlangen und sich nicht mit einem Zusallstrefser begnügen müssen. * Der „Jüdischen Korrespondenz aus Ungarn" entnehmen wir folgenden Artikel: Antisemitismus, Zionismus, Äom m uni 8 m u s. Die Ereignisse eines Dudapester Sonntages in chronologischer Reihenfolge: die antisemitische Vereinigung „Erwachende Ungarn" hält vormittags eine Versammlung ab, die von den Sozialisten und Kommunisten gesprengt wird, weil sie keine konfessionellen Hetzereien dulden wollen. — Der zionistische Vortrag des Wiener Oberrabbiners Tr. Chajesz wird von den Sozialisten und Kommunisten verhindert, weil sie keine wie immer gearteten konfessionellen Hetzereien dulden wollen. Ein Haufen von Zionisten zieht — von einer Truppe Kommunisten, die sie zu einer Demonstration gegen den „Kapitalismus" eingeladen haben, begleitet — vor die Redaktion des den Standpunkt der überwiegenden Mehrheit des ungarländischen Judentums vertretenden „Egyenlöseg", veranstaltet dort wüste Verheerungen und bedroht den Redakteur Szabolcsi in seiner Privatwohnung, wenn er nicht seinen geistigen Kampf gegen die Zionisten aufgeben wolle, weil — nun weil sie bewußt oder unbewußt konfessionelle Kämpfe heraufbeschwören wollen. Die drei Ereignisse des einen Sonntages sprechen eine beredte Sprache. Das erste Ereignis beweist, daß in der Hauptstadt der Antisemitismus, der sich in den letzten Jahren scheu verkrochen hat, wieder sein Hydrahaupt erhebt und am Werke ist, dem aus tausend Wunden blutenden, todesmüden Ungartum neue Wunden zu schlagen. Daß den ungarischen Juden zu dem unentwegten Kampfe für die Aufrechterhaltung ihres Vaterlandes, an dem sie mit allen Fasern ihres Seins festhalten, eine neue, schon begraben geglaubte Sorge erwachsen ist: die Sorge um den Schutz ihrer Institutionen, ihrer Bürgersreihei t gegen irregeführte, verblendete, von gewissenlosen, im trüben fischenden reaktionären Elementen -aufgehetzte Fanatiker - ein Kampf, der begreiflicherweise die gesamten Kräfte dieses Judentums in einen: Lager vereinigen müßte. Das zweite Ereignis beweist, daß fremde Kräfte am Werke sind., das ungarische Judentum zu zersplittern, seine Kräfte zu schwächen, unbeabsichtigt aber in der Tat dennoch seinen Erbfeinden neue Agitationsmittel an die Hand zu geben, Zwietracht zwischen die Konfessionen zu säen — unbekümmert darum, daß hierdurch die Position des gesamten Judentums in Ungarn untergraben wird, daß der ungarische Zionismus, unbekümmert um die seit Jahrhunderten genossene Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit, dem Ungartum in seinen schwersten, schicksalsentscheidenden Zeiten neue Wunden schlagen will — Wunden, an denen dieses um das Judentum so verdiente, eines besseren Schicksals würdige Ungartum schließlich verbluten müßte. Zu den unermeßlichen Schädigungen, die diesem einst blühenden Lande von den besetzenden Rumänen, Tschechen und Serben zugefügt werden, soll nun auch der innere Bruderzwist hinzutreten — angesacht nichr durch auswärtige Feinde, sondern durch mit ihrem wüsten Treiben eine hehre Idee in den Kot zerrende maßlose Söhne dieses Landes. Die Begleiterscheinung der beiden ersten Ereignisse beweist wieder, daß die Sozialdemokratie rmd deren radikalster Flügel, die Kon:- munisten, mehr Verstand besitzen als die von allen Seiten heranstürmenden, in einen Irrwahn verbohrten Massen, daß das Prvletariertum Ungarns eine feste Stütze für alle jene Elemente zu bilden bereit ist, die dieses unglückliche Land heilen wollen, daß dieses Prvletariertum bei aller Entschlossenheit, den Klassenkampf siegreich 31t Ende zu fechten, nicht einen unnützen Bruderkamps zulassen will, der unser Vaterland in den klaffenden Abgrund stürzen würde, der so drohend vor ihm gähnt. Und das dritte Ereignis? Jeder ehrlich und aufrichtig denkende Jude — möge er in seiner Ueberzeugung dem als „Assimilantismus" verschrienen Standpunkte der Mehrheit des ungar:schen Judentums zuneigen oder die Auffassung des Zionismus teilen — muß tief betrübt, ins Innerste beschämt, den Terror verurteilen, zu dem dieses kleine Häuflein greift. Ja, die Zionisten der ganzen Welt müssen, sofern sie objektiv über diese Ereignisse orientiert sind, dieses wüste Treiben verurteilen, mit dem ihre angeblichen Gesinnungsgenosse!: ii: Ungarn ihre Sache, die Sache des Zionismus, diskreditieren. Das; Inden sich zu Zerstörung und Vandalismus hinreißen lassem daß