Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-14 · Heft 10-11 (14.3.1919) · p. Seite 100

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 10-11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229401--74719-3287185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

160 Woche nicht erscheinen. Wir zweifeln nicht, daß die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" das Ausbleiben der letzten Nummer entschuldigen werden-. Zu den/ betrübenden Vorgängen 'selbst möchten wir folgendes 'bemerken: Es ist nicht unsere Aufgabe, an dieser Stelle die Politische Seite des Streiks und der mit ihm im Zusammenhang stehenden neuen Revolution zu berühren. Auch nicht das, was die Reichshauptstadt in den letzten Schreckenstagen innerlich und äußerlich erlebt; der beklagenswerte Verlust an Menschenleben. an zerstörten und geplünderten Werten, den die Berliner Bevölkeruna erlitten hat, soll und kann bier auch nur annähernd geicküldert werden. Nur das eine sei hier gesagt: Die Bewohnerschaft Groß-Berlins hat in der vergangenen Woche in schlimmerer Weise als semals zuvor eine Probe von den Methoden der ..politischen" Draris lener MensMeitsbeglücker erbalten, die angeblich die Regulierung der Eige>ntumsverhMnisse erstreb^ und für ..Freibeit" und ..Gerechtigkeit" kämpfen. Das Schriftwort: ..Ohne eine autoritative Regierung verwildert ein, Volk", hat wieder einmal volle Bestätigung aefmrden. Wir haben nun die theoretischen Lehren des Bolische-- wiswns in Mp Tat umaespbt kennen gelernt: Rohe, sinnlose Gewalt Mp Me Bellie im Me m eben in hurndertsacher Gellalt zeigte. Zerstörungswut und Mündernngsfucht. Raub. Mord und Totschlag bildeten die Signatur der verflossenen Kampftage. an die wir noch large mit Entsetzen denken werden. * Als em "Wort 31?r rechten Zeit" möchten wir folgend? von Herrn Bureau Vorsteher Nathan Eohn sEharlottenburg) uns ulgehende Zuschrift bezeichnen: Die Beziehung der A r b e i t s l o s? n n n t e r st ü tz n n g z u r ArmennnN W o b l t a h r t s P s l e g e. Zn einem Auffatz ..Der tfimfiifc des Krieges ans die Arm^n- und Woblsabrtsvsleae". den ich i'n Mar n. Z. <Nr. W vom 16 Mail in diesem Blatte veröllentlickte. spürte ich den Gründen nach, aus welchen sowohl in der irdischen wie in der interkornessimmllon Armenpflege seit aeranmer ein ständiger Rstckaana der Bittgesuche ui ver- .^ichn.on ist. 5vcfi faux ui dem Ergebnis, daß einerseits die nicht nnerbeblichen .Krieasnnterstütmnaen. welck-e den Familien der Kriegstt'ilnebmer gewährt werden, anderseits aber die reichlich vorhandene Arboitsael^aenbeit. die lohnende B-"i'ch.äftianna iedem Arbeitswilligen bi^te. der Grund iener Erscheinnna sei. Seit jener Zeit haben sich die Dinao aber ganz gewaltig verändert, infolge der immer weiter fortschreitenden D^nobilisation des leeres kommen jene Gründe mebr und inebr in Dortfall, durch das sukzessive Auihören de'- Krieasunter- Mtznnaen sowohl wie infolge des cmaetMmen Arbeitsnianaels. und dennoch ist ein" erhebliche Steigerung der Bittgesuche noch immer nicht eingetreten. Wenn in wirtscb astlick normalen Zeiten eine solche Tatsache sestgeslellt werden würde, das Herz eines reden Menschenfreundes grünte wahrhaft erfreut werden. denn als Ursache könnte dann nur rnv' sjch innrer weiter verbreitende Wohlhabenheit der arbeitende .Klasse" "elten. Die gleiebe Ursache aber heute gelten vt lassen, um wir in io traurigen Wirtschaftlichen Verhältnissen, wie sie die jetzige Genera6'm noch niemals gekannt bat. Iri^'w. lrmr^ rin Undina hgw. eine völlig? Verkennung der Tatsachen. Wenn sich b'Nlte merklich weniger Bittende an die jüdischen und an die kommunalen Armenpflegestellen wenden als früher, io steht dies zweifellos in ursächlichem Zusammenhange mit den recht erheblichen Arbeitslosemmterstützungen. die gezahlt werden. So anerkennenswert die soziale Fürsorge auf diesem Gebiete ist, so wirkt sie doch mit der Zeit entschieden demoralisierend ans die Massen. Es tritt bei vielen durch monatelang gewährte llnterllütznnaen Arbeitsunlust ein. durch die sich nicht nur der Arbeitsträge selbst schädigt, sondern auch die Gesamtheit geschädigt wird. Tiefe muß nicht nur durch Steuern die Kosten für die Unterstützungen Ausbringen, sondern sie wird auch weiter dadurch geschädigt, daß eine Summe von Arbeitskräften brachliegt. die ihr — der Gesamtbevölkerung — zugute kommen würde. Infolge Förderung der Produktion ui erden dauernd neue Werte gescha ffen. Man sollte sich auf dem Gebiete der Armenpflege, besonders auch auf dem der jüdischen, nicht von unangebrachtem Mitleid leiten lassen. Mehr als je sollten die Arbeitsnachweise, die Berufsberatungsstellen und ähnliche jüdische Fürsorgestellerr in Funktion treten, denn der Arbeitswillige ist in der Regel auch heute bei zeitgemäßem Lohne unterzubringen. Wenn die Arbeitslosenunterstützung aufhört oder wesentlich eingeschränkt werden wird, dann wird die Arbeit swrlligkeit wieder ihren Einzrvg. halten. Sollte dann der Arbeitsverdienst nicht immer ausreichen, was besonders bei sehr kinderreichen Familien der Fall sein kann, dann wird, wie wir es von jeher gewöhnt sind, die jüdische Armenpflege gern ergänzend und helfend eintreten. Armenpflegerisch ist es richtiger, dem redlich Schaffenden beiznstehen, als denr Arbeitskräftigen, aber Arbeitsunlustigen dadurch gewissermaßen Vorschub zu leisten, daß man bei ihm zwar die Unterstützung erspart, ihn aber, durch Hinweis auf die Arbeitslosenunterstützung, wenn auch ungewollt, in der Faulheit bestärkt. Es ist daher dringend erforderlich, daß man Arbeitslose nicht ohne weiteres der Arbeitslosenfürsorge überweist, sondern daß man sie in erster Reihe energisch zur Arbeit anhält: "Lässige Hand verarmt, aber die Hand des Fleißigen macht reich", heißt es Sprüche 10. 4. * Ueber die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden in der Provinz Posen, über die Tätigkeit des Jüdischen Volksrats in Posen sowie über das Gemeindeleben in Lissa i. P. erhalten wir von geschätzter Seite folgende bemerkenswerten Ausführungen: x. Lissa i. P., Ende Februar. Noch immer sind trotz des Waffenstillstandes die Kämpfe mit den Polen nicht zu Ende. Diese Unruhen, Standrecht, Belagerungszustand und die ganzen Folgen des langen Krieges beeinflussen natürlich alle Verhältnisse in nachteiligster Weise, und so ist denn auch die w i r t sch a f t l ich e Lage der Juden in der Provinz Posen sehr ungünstig. Bei den Kaufleuten sieht man überall „geräumte Lager". Was an Waren vorhanden war, ist verbraucht. Ersatz ist kaum zu beschaffen. In dem größten Teil der Provinz, der von den Polen besetzt ist, ist Kriegszustand, in dem geringen, von den Deutschen noch gehaltenen Teile ist der Verkehr mit dem von den Polen besetzten Hinterlanide vollständig unterbunden. Lebensmittel kommen von dort nicht mehr herein. Die reichen Vorräte an Getreide, Kartoffeln, Zucker usw. in den von den Polen besetzten Teilen werden von diesen nach Kongrehpolen und Galizien geschafft. Ans einzelnen Gütern liegen gegen 50 000 Zentner Kartoffeln, die für deutsche Jndustriebezirke und Großstädte bestimmt waren. Gewaltig sind auch idie Vorräte an Getreide, das zum großen Teile noch ungedrofchen in Scheunen und Schobern lagert, weil es an Kohlen zum Dreschen fehlt. Auch hiervon werden jetzt große Mengen von den Polen nach ihrem Lande geschafft. Die besetzten Teile leiden überhaupt an einer furchtbaren Kohlennot, aber auch in den nicht von den Polen besetzten Teilen herrscht eine große Kohlenknappheit, weil es an Wagen fehlt zur Herschaffung der in Oberschlesien nicht gerade fleißig geförderten Kohlen. Auch sonst macht sich' der Wagenmangel durch Stockung des Verkehrs und der Eingänge an Waren, Briefen und Zeitungen sehr bemerkbar. Daß unter diesen traurigen Verhältnissen die Juden, die bisher die Träger von Handel und Wandel in der Provinz Posen waren, am meisten zu leiden haben, ist leicht begreiflich. Bereits hat, infolge der wirtschastlichen Verhältnisse und der Unruhen, eine bedenkliche Abwanderung aus den jüdischen Gemeinden nach anderen Provinzen, insbesondere nach den großen Städten derselben, begonnen, die wohl noch zunehmen wird, je näher die Entscheidung über das Schicksal der Provinz Posen rückt. Aus den besetzten Gebieten kommen nur sehr wenig zuverlässig^ Nachrichten über das Ergehe:: der Juden 'daselbst, besonders ans der Stadt Posen selber, und das wenige unterliegt der Zensur. Auch über den „Jüdischen Volts' * rat" in Posen ist nur das eine bekannt, daß er ein möglichst gutes , Verhältnis der Juden zu den polnischen Behörden und zur polnischen > Bevölkerung zu schaffen und die wirtschaftliche Lage der Juden wiederi herzustellen und« zu bessern sucht. In seiner Tendenz ist er zwar | zionistisch, in seiner Wirksamkeit aber allgemein jüdisch. Er versendet Flugblätter an die jüdischen Gemeinden der Provinz Posen. In einem derselben fordert er sie auf, entweder selbst am Orte einen Jüdischen Volksrat zu gründen oder sich dem Jüdischen Volksrat in Posen anzuschließen. In einem anderen warnt er vor 'der Mwandej rung und gibt Mittel und Wege an, wie die jüdischen Existenzen in der Provinz Posen erhalten werden können. Sein Standpunkt bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.